Mittwoch, 19. Februar 2020

Karriere Sind Sie auch schon auf dem Sprung?

Mitarbeiterfrust: Nicht jede gute Idee ist willkommen
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Mitarbeiterfrust: Nicht jede gute Idee ist willkommen

Müssen Sie auch Ihren Verstand am Empfang abgeben? Große Organisationen scheinen dafür gemacht, ihren Leuten das Denken abzugewöhnen und sie zu traurigen Fatalisten zu machen. Viele ziehen die Konsequenz und gehen.

Heidi Stopper
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    Heidi Stopper war zuletzt Vorstandsmitglied bei der Prosiebensat1 Medien AG. Die Juristin aus Ravensburg hat zuvor im Airbus-Konzern Karriere gemacht. Heute arbeitet sie selbstständig von München aus, und zwar als Business- und Karrierecoach und als Unternehmensberaterin für Transformationen und Digitalisierung.

Es war so ein Entwicklungsprogramm für junge Top-Talente. Sie sollten präsentieren, was in ihrem Bereich schief läuft, was sie deshalb für Verbesserungsvorschläge hätten, und zwar ganz oben beim Vorstand, im Wettbewerb gegeneinander, wie in einem seriösen Pitch von Beratern oder Agenturen.

Unser junges Top Talent fand das Projekt ziemlich cool. Es dachte heftig nach, betrieb großen Aufwand und entdeckte zu seinem Glück einen kleinen Stellhebel, der tatsächlich Millioneneinsparungen gebracht hätte. Er präsentierte voll Stolz. Zu seinem Erstaunen fiel die Reaktion des Vorstands äußerst schmallippig aus. Auf eine weitere Rückmeldung wartete der junge Mann vergebens.

Erfahrene Kollegen klärten ihn später auf: Er war mit seinem Geistesblitz offenbar einem Vorstand in die Parade gefahren, bei dem Kritik angesichts der politischen Großwetterlage im Unternehmen gerade nicht geboten war. Das Projekt wurde still und leise beerdigt. Der ganze Aufwand für die Katz! Heute arbeitet er in einem Start-up.

Befehlsempfänger oder Mitarbeiter, die mitdenken?

"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen". Er sollte über jedem Schreibtisch hängen, dieser berühmte Satz von Immanuel Kant, Philosoph der Aufklärung. Oder besser noch am Werkstor, in der Lobby, am Empfang eines jeden Unternehmens. Für die Firmen könnte so viel Unheil vermieden werden, und wir hätten überall glücklichere Menschen. Denn was könnte befriedigender sein, als seinen kritischen Verstand zu benutzen, festgefahrene Denkweisen aufzubrechen, Dinge in Frage zu stellen und zum Besseren zu wenden?

Theoretisch ist das ja auch gewollt: Mitarbeiter, die mitdenken und eigenverantwortlich handeln, die entscheidungsfreudig sind und auch mal ein Risiko eingehen, die so handeln, als gehöre ihnen die Firma selbst und als seien sie nicht nur Arbeitssklave, Befehlsempfänger, Frontsoldat. Das Wort Intrapreneur ist in aller Munde.

Mit allerlei Anreizen versucht man sie dahin zu bringen, mit erfolgsabhängiger Entlohnung, mit Prämien und Boni, wenn sie nur eisern genug auf das gesetzte Ziel hinarbeiten. Wie groß ist der Frust bei diesen aufgeklärten Mitarbeitern, wenn sie erfahren, dass die Unternehmensleitung die maximal zu erreichende Zielerfüllung ex ante auf 104 Prozent festgelegt hat und die Verteilung auf alle Mitstreiter zwangsweise einer Gaußschen Kurve folgen muss?

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