Karriere Sind Sie auch schon auf dem Sprung?

Von Heidi Stopper
Müssen Sie auch Ihren Verstand am Empfang abgeben? Große Organisationen scheinen dafür gemacht, ihren Leuten das Denken abzugewöhnen und sie zu traurigen Fatalisten zu machen. Viele ziehen die Konsequenz und gehen.
Heidi Stopper

Heidi Stopper war zuletzt Vorstandsmitglied bei der Prosiebensat1 Medien AG. Die Juristin aus Ravensburg hat zuvor im Airbus-Konzern Karriere gemacht. Heute arbeitet sie selbstständig von München aus, und zwar als Business- und Karrierecoach und als Unternehmensberaterin für Transformationen und Digitalisierung.

Es war so ein Entwicklungsprogramm für junge Top-Talente. Sie sollten präsentieren, was in ihrem Bereich schief läuft, was sie deshalb für Verbesserungsvorschläge hätten, und zwar ganz oben beim Vorstand, im Wettbewerb gegeneinander, wie in einem seriösen Pitch von Beratern oder Agenturen.

Unser junges Top Talent fand das Projekt ziemlich cool. Es dachte heftig nach, betrieb großen Aufwand und entdeckte zu seinem Glück einen kleinen Stellhebel, der tatsächlich Millioneneinsparungen gebracht hätte. Er präsentierte voll Stolz. Zu seinem Erstaunen fiel die Reaktion des Vorstands äußerst schmallippig aus. Auf eine weitere Rückmeldung wartete der junge Mann vergebens.

Erfahrene Kollegen klärten ihn später auf: Er war mit seinem Geistesblitz offenbar einem Vorstand in die Parade gefahren, bei dem Kritik angesichts der politischen Großwetterlage im Unternehmen gerade nicht geboten war. Das Projekt wurde still und leise beerdigt. Der ganze Aufwand für die Katz! Heute arbeitet er in einem Start-up.

Befehlsempfänger oder Mitarbeiter, die mitdenken?

"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen". Er sollte über jedem Schreibtisch hängen, dieser berühmte Satz von Immanuel Kant, Philosoph der Aufklärung. Oder besser noch am Werkstor, in der Lobby, am Empfang eines jeden Unternehmens. Für die Firmen könnte so viel Unheil vermieden werden, und wir hätten überall glücklichere Menschen. Denn was könnte befriedigender sein, als seinen kritischen Verstand zu benutzen, festgefahrene Denkweisen aufzubrechen, Dinge in Frage zu stellen und zum Besseren zu wenden?

Theoretisch ist das ja auch gewollt: Mitarbeiter, die mitdenken und eigenverantwortlich handeln, die entscheidungsfreudig sind und auch mal ein Risiko eingehen, die so handeln, als gehöre ihnen die Firma selbst und als seien sie nicht nur Arbeitssklave, Befehlsempfänger, Frontsoldat. Das Wort Intrapreneur ist in aller Munde.

Mit allerlei Anreizen versucht man sie dahin zu bringen, mit erfolgsabhängiger Entlohnung, mit Prämien und Boni, wenn sie nur eisern genug auf das gesetzte Ziel hinarbeiten. Wie groß ist der Frust bei diesen aufgeklärten Mitarbeitern, wenn sie erfahren, dass die Unternehmensleitung die maximal zu erreichende Zielerfüllung ex ante auf 104 Prozent festgelegt hat und die Verteilung auf alle Mitstreiter zwangsweise einer Gaußschen Kurve folgen muss?

Die Renaissance des Denkens

Ähnliches Frust-Potential hat die Budget-Planung. Da wird von Führungskräften und budgetverantwortlichen akribisch gerechnet, geplant, präsentiert, geändert, gedacht. Doch wenn das Machwerk vom Controlling zurückkommt, sind ganz trocken einmal 30 Prozent des Budgets gestrichen - ohne Erklärung, ohne innere Logik, ohne Verstand, meist im Rasenmäherprinzip. Was wird der so getäuschte Manager im nächsten Jahr tun? Mit der Planung möglichst wenig Zeit verschwenden und gleich mal die zu erwartende Pauschalkürzung in seine Planung einrechnen. Alles andere wäre ja auch dumm und kurzsichtig.

Was lese ich nicht alles über Mitarbeiterförderung und Empowerment in unseren Firma. Selbst Topexecutives berichten mir dann aber, wie sie sich jede noch so kleine Ausgabe oder Änderung von ganz oben absegnen lassen müssen. Selbst Vorstände berichten komplett unfrei in ihren Entscheidungen zu sein. Entscheidungsfreiheit wird so zur Freiheit von Entscheidungen: Sie werden nicht gefällt. Oder zumindest oft nicht von den Leuten, die sich auskennen und die Folgen tragen müssen.

Neulich habe ich von einem Professor gelesen, der seine Studenten mit alle Kraft zum eigenen Denken ermuntert. "Widerlegen Sie mich!", ruft er ihnen zu. Sie sollen nicht schlucken, was ihnen jemand vorkaut. Sie sollen nicht glauben vom Hörensagen, wie das in Sozialen Netzwerken üblich ist. Sie sollen nicht den Rattenfängern vertrauen, sondern ihren eigenen Verstand benutzen, frei nach Kant: Was kann ich wissen? Was soll ich tun?

Auch der Professor, es ist der Hirnforscher Ernst Pöppel, räumt ein, dass Denken anstrengend ist und mancher einfach zu bequem dazu. Das sei immer so gewesen. Was ihn nachdenklich macht, ist die Beobachtung, dass selbst Menschen mit akademischer Vorbildung ihre Gehirnzellen nur noch ungern anstrengen. Denken ist eben mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Pöppel sieht aber auch schon den Beginn einer Gegenbewegung: Das Unbehagen bei der unentwegten Aufnahme ungeprüfter Behauptungen führe gerade bei jungen Leuten zu einer Renaissance des Denkens.

Das sind gute Nachrichten auch für unsere Unternehmen. Ich stelle mir Mitarbeiter vor, die ihren Verstand einschalten, die Augen offenhalten, sich nichts vormachen lassen. Und ich sehe Mitarbeiter, die dann Unternehmen verlassen, in denen eigenes Denken nicht goutiert wird. Die einfach gehen - zu Arbeitgebern, die Denken wirklich honorieren. Nicht einzelne, wie heute; nein viele, sehr viele. Ich bin sicher, alle Unternehmen würden gute Ideen dann nicht mehr so einfach der Staatsraison opfern und beherzten Widerspruch ab sofort als Kompliment verstehen.

Heidi Stopper arbeitet selbstständig als Business- und Karrierecoach und ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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