Köpfe 2000 Hans Eichel: Der Architekt

manager-magazin.de stellt die 20 Köpfe des Jahres vor. Heute: Hans Eichel (SPD). Erst mit Verzögerung zeigt der spröde Finanzminister, was er wirklich ist: ein Liebhaber hessischer Weine, schnittiger Autos und alter Häuser.

Es ist derselbe Bundeswehrjet, dieselbe Hatz, der gleiche Tross. Limousinen, Staatssekretäre. Sicherheitsbeamte. Ein Finanzminister auf Reisen.

Der Minister hatte damals sofort eine Strickjacke übergezogen und uns, entspannt zurückgelehnt, mit schönen Episoden über Ernst Jünger ("Marmorklippen") verwöhnt. Nur im Steinbruch der Finanzen, stellten wir, wieder am Boden, erschrocken fest, hatten wir nicht geackert, wir hatten keine Fragen gestellt, keine Antworten erhalten, die Stimmung war einfach zu nett. Das war Theo Waigel.

Nun sitzen wir erneut einem Finanzminister gegenüber, eine gute Stunde schon, und er hat es sich überhaupt nicht bequem gemacht, hat das klein gemusterte Jackett nicht ausgezogen. Stein um Stein setzt er zusammen, Kante auf Kante, Wort für Wort baut er das Haus deutscher Finanz und Haushaltspolitik, gründlich, unaufhaltsam, konsequent.

Wir sparen schon im Lärm des Starts: "Die Schulden von heute sind die Steuern von morgen", ruft er ins Heulen der Turbinen. Wir konsolidieren den Haushalt, trotz schwerer Turbulenzen. Wir landen mit heftigem Ruck und haben noch nicht mal das Kapitel "nachgelagerte Besteuerung" durchgenommen.

Du lieber Himmel: Das ist Hans Eichel. Ist dieser Finanzschulmeister, so fragen wir uns, wieder am Boden, vom Steineschleppen jemals wegzukriegen?

Hans Eichel, sagt Weggefährte Hans Krollmann, gewinne bei einer Begegnung erst in der zweiten oder dritten Runde. 1989 hatte der amtsmüde SPD-Landesvorsitzende den Kasseler Oberbürgermeister Eichel als seinen Nachfolger und Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 1991 in Hessen vorgeschlagen. Und dessen Karriere damit den entscheidenden Kick versetzt. Die Partei murrte. Ein Verlegenheitskandidat. "Aber ich habe gewusst, was ich tue", sagt Krollmann. "Ich war meiner Sache sicher."

Aufgefallen war ihm an Eichel "die Ernsthaftigkeit im Bearbeiten von Dingen", dessen Gründlichkeit, die mitunter die Grenze zur Umständlichkeit überschritt. Der penible Ex-Lehrer ist den Parteigenossen manchmal ganz schön auf die Nerven gefallen.

Drei Runden also, um sich einem Politiker anzunähern, der von sich sagt: "Ich bin ein Linker." Über den ein Schweizer Bankier nach einer Rede in Zürich urteilte: "Der passt zu uns, als Minister in einer Schweizer bürgerlichen Regierung." Und über den die "Süddeutsche Zeitung" festhielt: "Nur wenige schaffen es in diesen Zeiten, gleichzeitig mega-in und hausbacken zu sein."

Auf dem G7-Treffen in Prag spürten wir zum ersten Mal, dass sich hinter der glatten Beamtenfassade ein machtbewusster Taktierer versteckt. Es war die eine Minute vor Beginn des Pressefrühstücks, in der Hans Eichel die Lage sondierte. Den Kopf zurückgelehnt, die Augen zum Schlitz verengt, den Mund halb geöffnet. Wie ein Tier nahm er Witterung auf. Wer ist da? Wer sitzt wo? Wer könnte nützen? Wer gefährlich werden? Ein Gewiefter, ein Ausgebuffter.

Dann der Begrüßungsscherz. Begleitet von einem gewinnenden, offenen Lachen. Das Lachen verändert den ganzen Mann. Es wischt alle Übermüdung aus dem Gesicht. Hans Eichel strahlt jungenhaft, mit warmherzigen dunklen Augen. Erlischt das Lachen, wird er spitznasig und grau; kriegt wieder sein Steuerprüfergesicht.















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Im Ausland ist Hans Eichel angespannt, konzentriert, betont vorsichtig. Das ist ja alles neu für ihn: Ein Wort zu viel, und schon spielen die Börsen verrückt. Die ersten vier Monate nach seinem überraschenden Amtsantritt blieb er auf Tauchstation. Hat nur geackert. Alle Interviews mit internationalen Medien abgelehnt. Bloß keinen Fehler machen.

Eichel sei nicht nur nach Paris und London gefahren, wie die anderen, erzählt ein Mitarbeiter, er besuchte auch Politiker in Kopenhagen, Madrid, Stockholm. "Ich will von euch lernen", hat er denen gesagt. Das ist in Europa vorzüglich angekommen.

Von Anfang an traf er - anders als sein Vorgänger - den richtigen Ton. An einem Montagabend im April ist Eichel als Nachfolger des überraschend zurückgetretenen Oskar Lafontaine ernannt worden. Vier Tage später tagte bereits der Rat der europäischen Finanzminister und Notenbankgouverneure (Ecofin) in Dresden. Amtierender Vorsitzender: Hans Eichel. Keine Chance, sich hinter Sprechzetteln zu verstecken. Er musste die Themen vorgeben, Atmosphäre schaffen. Das war seine Feuertaufe. Er hat sie bestanden, mit seiner Geradlinigkeit - mit seinem Gespür für Balance.

Der Minister hat sein Mienenspiel, seine Körpersprache in den ersten Monaten der Macht so gut wie nicht verändert. Er gibt nicht den Staatsmann (wie Joschka Fischer), nicht den Weltökonomen (wie Oskar Lafontaine). Seine Bescheidenheit, im ungünstigen Fall auch Knauserigkeit, wirkt angeboren.

Nur sein Äußeres bringt seine Umgebung mitunter zur Verzweiflung. Bei "Grünewald" in Kassel, da kleidet er sich ein. Eigentlich ganz ordentlich, Sparkassenfilialleiteranzüge. "Das Problem ist bloß", seufzt ein Berater, "er wirft nix weg."

Eichel kennt gerade erst die Grundschritte auf dem internationalen Parkett. Sein Englisch ist grausam. Erleichtert registrieren die Kollegen jeden Fortschritt des provinziellen Germanisten.

Der Mann lernt schnell. Flops und Affären haben ihn bisher nur gestärkt. 1992 traf ihn der Vorwurf, er habe beim Umbau der Wiesbadener Dienstvilla Verschwendung betrieben. Verletzungen spürt man bis heute. Auf diese Art politischer Kampagne war das Greenhorn aus Kassel damals nicht vorbereitet. Eichel (später vom Rechnungshof rehabilitiert): "Ich war naiv, habe in den Medien falsch reagiert."

Auch auf der globalen Bühne hat sich Eichel erst mal blamiert. Die Kandidatur von Staatssekretär Caio Koch-Weser als Chef des IWF scheiterte kläglich. Auf die Doppelzüngigkeit der internationalen Kollegen war Eichel nicht vorbereitet. Wieder war er zu blauäugig gewesen. Aber so ein Lehrstück vergisst er nie.

Gemeinsamer Rückflug von der Ecofin-Tagung in Luxemburg. Auf der Pressekonferenz hatte sich der Minister hinter dürren Statements versteckt. Jetzt lieber ein paar Fragen zum Werdegang. Eichel überschüttet uns mit Details. Will man wissen, wie die Eltern zu der steilen Juso-Karriere ihres Sohnes Hans standen, so beginnt er seine Ausführung beim Großvater, vergisst auch nicht den Urgroßvater, "ein Freisinniger", bis er schlussendlich die Kurve zum Vater kriegt: "Der war immer in der Opposition, auch zu den Nazis."


Wir sind schon wieder in Berlin, als sich herauskristallisiert, dass man das Eichelsche Elternhaus eher politisch denn protestantisch inspiriert nennen dürfe, immerhin war der Vater, ein Architekt, am Ende sogar bei der Initiative "Bürger für Brandt".

Und die wilden Zeiten? "Och, nö", sagt Hans Eichel, und taut ein bisschen auf: "Wir waren ja nicht der SDS." Das war der ganz linke Studentenbund, von dem die SPD sich schließlich trennte.

Geprägt haben ihn Professoren wie Wolfgang Abendroth. Der unbequeme Sozialist habe als Ordinarius in Marburg "ziviles Auftreten" verlangt. "Wir Abendroth-Leute", erinnert sich Eichel, "waren diszipliniert." Eichel studierte Germanistik, Politologie, Philosophie, Geschichte. Interessierte sich für Völkerrecht. Er wird ein ordentlicher Jungsozialist, vulgo Juso.

Von 1969 bis 1972 ist er gleichzeitig Lehrer und stellvertretender Juso-Vorsitzender für die Bundesrepublik. Ein dezidierter 68er, ein Bilderbuch-Linker. Der Schrecken jedes konservativen Haushalts. Juso. Lehrer. Stadtrat. Kann es schlimmer kommen?

Als Oberbürgermeister hat er Kassel zur atomwaffenfreien Zone erklärt. Die Frauenquote freiwillig hochgehalten. Noch Anfang der 80er lagen Kasseler SPD-Beschlüsse häufig quer zur Landespolitik, berichtet die "FAZ" über "die Ho-Chi-Minh-Rufe aus Kassel".

Ein Mann mit Grundsätzen, heute noch. "Ist nicht alles ganz einfach?" fragt er einmal im Flugzeug, dem Himmel nah. "Alle Menschen haben die gleiche Würde. Verdienen denselben Respekt. Freiheit, Gerechtigkeit, sozialer Frieden gehören zur Demokratie."

Daraus leite er sein Handeln ab. Konsolidierung hält er nicht für rechte Politik. Er spart, weil er ein Linker ist. "Ich will einen handlungsfähigen Staat als Schutzmacht der kleinen Leute." Dieser Mann hadert nicht mit sich. Er ist mit sich im Reinen. Das macht seine Glaubwürdigkeit aus.

Wer hat heute noch so ein Fundament? Eichels Durchschlagskraft als Berliner Sparkommissar gründet freilich auf der Unterstützung des Bundeskanzlers. Der Finanzminister ist so stark, wie Gerhard Schröder es zulässt. Beide sind erfahrene Kämpfer im Schacher mit den Ländern. Nur gemeinsam konnten sie den Steuerreform-Deal durchziehen.

Eichel wird nicht müde zu betonen: Die letzten entscheidenden Gespräche habe der Kanzler - nicht er ­ geführt. Glanz fiel vor allem auf den Minister. Sogar die UMTS-Milliarden werden ihm gutgeschrieben. Das Glück ist mit dem Tüchtigen. Er klagt: "Wir sind viel zu hoch gejubelt worden. Das rächt sich irgendwann."


Auch in der zweiten Runde bleibt das Bild seltsam blass. Wieso ist dieser Mann so beliebt? "Wenn ich so dröge wär wie 'n trockenes Brötchen, wie alle immer schreiben, dann müssten die Wähler in Hessen ja blöde sein", mufft er ungehalten.

Wir versuchen uns Hans Eichel als Kommunalpolitiker vorzustellen, 16 Jahre lang: Karnevalssitzungen, Hessen-Tag, Altenheimbesuche, Küsse für die Weinkönigin. Es will nicht gelingen. "Ich bin eigentlich schüchtern", sagt er, "aber ich habe das nie als Qual empfunden." Er streike ganz selten. Nur letzthin auf Langeoog, beim Sommerurlaub mit den Kindern, habe er bei der zehnten oder zwölften Frage "Herr Eichel, sind Sie's wirklich?" mal geantwortet: "Heute nicht".

Die Wahl in Hessen hat er erst im letzten Moment verloren. Der erwartete Sieg kippte drei Tage vor dem Wahlsonntag. Es war bitter, es gab Tränen, die CDU-Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft hatte das Ergebnis gedreht.

Über den Wahlsieger Roland Koch verliert der Finanzminister kein Wort. Zu Lafontaines Rücktritt: nur ein Achselzucken. Seit letztem Sommer hat er mit dem Genossen, der ihn 1997 in den Vermittlungsausschuss zur CDU-Steuerreform berief, nicht mehr telefoniert. "Wer so geht," sagt er langsam, "kann nicht wiederkommen."

Die Finanzwelt blieb dem bodenständigen Theo Waigel bis zuletzt fremd. "Distanz" nannte es der CSU-Mann, aber da war wohl auch eine gehörige Portion Misstrauen dabei.

Eichel hat da einen unbefangeneren Zugang. Als Ministerpräsident von Hessen hat er sich vehement für den Finanzplatz Frankfurt eingesetzt. Die Belange der Bankiers und der Börse sind ihm vertraut, das kam dem Minister bei Amtsantritt zugute. Er holte sich in Frankfurts Türmen für Berlin manch guten Rat.


Zu Hilmar Kopper, ehemals Vorstandssprecher, jetzt Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank, entwickelte sich sogar so etwas wie Nähe. Hilmar Kopper bekräftigt das sofort: "Ich schätze Eichels Integrität und ­ das kommt vielleicht bei einem Finanzminister überraschend - auch seinen feinen Humor."

Einladend von außen wirkt er gerade nicht, der neue Berliner Sitz des Finanzministers, das ehemalige Reichsluftfahrtministerium in der Wilhelmstraße. Ein Nazi-Kasten. 2000 Zimmer. Görings Palast.

"Wir werden Inline-Skater einführen", sagt Eichel und schaut einen der 300 Meter langen Flure hinunter. "Und Rechts-vor-links-Regeln". Er fühlt sich wohl in seinem hellen, lang gestreckten Büro im vierten Stock. Den Bau hält er für fabelhaft renoviert, hier zeigt er sich heiter und am liebsten als das, was er im Grunde seines Herzens ist: ein verhinderter Architekt.

Das ist mehr als Koketterie. Es sitzt ganz tief. Bis heute hat sich Eichel, immerhin außerordentliches Mitglied des Bundes Deutscher Architekten, nicht verziehen, dass sein Bruder und er es nicht gewagt haben, das väterliche Architekturbüro zu übernehmen - in dritter Generation.


Ein Konferenztisch mit Designer-Stühlen, eine Collage von Charles Wilp hinterm Stahlschreibtisch, die ganze lange Wand voller Dokumenta-Plakate. Hier wird hart gearbeitet. Eichel kann seine Neigung, wirklich alles en détail wissen zu wollen, ausleben. Die Mitarbeiter freuen sich. Endlich ein Minister, der nicht nur liest, sondern auch die Autoren, unabhängig von ihrem Dienstgrad, zu sich bestellt.

Fleiß erklärt nicht alles. So bieder, wie er aussieht, war Eichel ja nie. Er beherrscht die Diplomatie des Telefonierens, rüffelt fernmündlich, versucht Dinge im Vorfeld abzustimmen, Kontroversen nicht über die Medien auszutragen.

Mindestens einmal pro Woche tagt das Kollegium. Eichel, Staatssekretäre, Büroleiter, Referenten, "auch mal bis zwei Uhr nachts", so ein Teilnehmer. Plötzlich ist das Finanzministerium ein effektiver Laden. Da wird über Inhalte gesprochen. Aber genauso intensiv über Strategie.

Verfahren wird nach einem Dreistufenplan. Erstens: Jammern (Problembewusstsein schaffen). Zweitens: Handeln (Konzept vorlegen). Drittens: Durchsetzen (loben und verkaufen). Schön eins nach dem anderen. Das Sparpaket. Die Steuerreform. Alles zur rechten Zeit.

Eichel mag Berlin. Von 1962 bis Sommersemester 1964 hat er hier Germanistik und Politologie studiert. Fast wöchentlich, sagt er, ist er im Ostteil der Stadt gewesen.

Wir fahren mit Theo Waigels dunklem BMW durch graue Ostberliner Straßen, und es fallen Eichel lauter Geschichten ein. Das kleine Foyer des Kabaretts "Distel". Das Sparschwein auf der Kommode, darüber das Ulbricht-Porträt. Mit einem Freund habe er Groschen in Papier gewickelt und darauf geschrieben: "Für den Friseur. Der Spitzbart muss weg" - "Und wissen Sie, was eine Woche später passierte?" Eichel freut sich noch heute: "Das Schwein war weg."

Ankunft im Kongresszentrum: Die Standardrede des Ministers auf dem Deutschen Steuerberatertag. Eichel biedert sich nicht an. Deutschland habe bald einen Spitzensteuersatz von 42 Prozent. "Das war nicht mein Ziel als Sozialdemokrat", ruft er selbstbewusst in den Saal. Ihm hätten 45 Prozent ausgereicht. Und außerdem: "Für mich ist das Thema Steuersenkung für diese und und die nächste Legislaturperiode erledigt." 1500 Steuerberater klatschen.

Eichel ist kein Technokrat. Inhalte vertritt er konsequenter als der Kanzler. Sein Amt wird nicht müde, den linken Freunden zu erklären, warum erst ein schuldenfreier, also ein handlungsfähiger Staat Basis für Gerechtigkeit ist. Mit dem Schwung einer Werbeagentur rufen sie es in die neue Welt: Leute, was hier passiert, ist sozialdemokratische Politik - aber auf der Höhe der Zeit. Wir verraten sie nicht. Wir entwickeln sie weiter.


Die dritte Runde. Wir fliegen in die Schweiz. In Zürich war der 58-jährige Finanzminister noch nie zuvor in seinem Leben. Und büxt gleich nach der Landung aus. Bummelt in der verbleibenden freien Zeit bis zu seinem Vortrag vor der Handelskammer Deutschland-Schweiz in der Altstadt - mit einer früheren Mitarbeiterin.

Mitarbeiterin? Die Bleistifte sind gespitzt. Seitdem das Ehepaar Eichel nach 16 Ehejahren im August 1999 offiziell seine inoffizielle Trennung bekannt gab (Ehefrau Karin geht als Journalistin und PR-Beraterin eigene Wege, aber keine Scheidung, wegen der Kinder), wartet die Boulevardpresse auf eine Neuerscheinung - am liebsten so eine medienfrohe Scharping-Prinzessin.

Jede Referentin, Journalistin, die zufällig an des Ministers Seite und auf ein Foto gerät, wird als neue Begleitung tituliert: "Wer ist die Schöne an Eichels Seite?" Vorerst aber wird sogar Herr Graeter bei der "Neuen Revue" damit leben müssen, dass Eichel noch immer mit seiner Ehefrau auf Feste geht und die Wochenenden am liebsten mit seinen Kindern Christian (16) und Silja (11) in der Wohnung in Kassel verbringt. Dort hat er seine Freunde, seine Wurzeln.

Auftritt vor der Handelskammer im "Grandhotel Dolder": Hans Eichel redet schnell, sachlich, völlig frei. Seine Stimme ist angenehm, die Gesten uneitel und wohl dosiert. Hugo Bütler, Chefredakteur der "Neuen Zürcher Zeitung", zeigt sich beeindruckt. "Respektabel, wie der hier aufgetreten ist." Kein Zweifel, Eichel gäbe einen prima Schweizer ab.


"Alte europäische Städte, die seit langem keine Kriegsspuren aufweisen, die haben Proportionen und eine Harmonie", sagt er auf der Rückfahrt und stopft sich ein "Luxemburgerli" nach dem anderen in den Mund - süßes Gebäck von "Sprüngli", dem besten Chocolatier der Stadt.

Die Züricher Altstadt hat ihn berührt. "Wer heute ein Haus baut, denkt der noch dran, dass es Jahrhunderte stehen könnte?" - Die Kasseler Dachwohnung, von den Eltern geerbt, baut er im Kopf andauernd um. Zweistöckig ist sie schon, ein Wechsel von hohen und niedrigen Räumen. Räume zum Atmen und Räume zum Verkriechen. Und zwischen die freistehenden Schornsteine hat er einen Kachelofen gesetzt. Noch ein "Luxemburgerli" kommt in den Mund: "Da hocken wir drumherum. Das hat was von 'ner Höhle."

Wie sähe sein Traumhaus aus? "Vielleicht ein Kubus". Im Rheingau, an der Bergstraße. Mitten in den Weinbergen, am Hang.

Nach ein, zwei Glas Rotwein zeigt sich hinter der Fassade ein Genießer. ("Im hessischen Rheingau, da gibt es so gute Tropfen, auch Rote, ach, und dazu frisches Brot und Spunde-Käse ...") Und ein Autonarr. (Drei Autozeitschriften liegen mindestens auf seinem Nachttisch, ein alter 190er Mercedes steht in der Garage.)

Die ganze Schulmeisterei fällt weg, wenn er Anekdoten von kauzigen hessischen Winzern erzählt, von Straußwirtschaften im Rheingau, "wo ein Abend nicht mal 30 Mark kostet". Natürlich: Auch im Genuss hält ein Eichel Maß, wir wollen jetzt nicht übertreiben. Klar, trinkt er auch mal eine ganze Flasche im Überschwang, "gestern abend zum Beispiel", gesteht er ein, "aber ich habe dafür viereinhalb Stunden gebraucht".


In Berlin wohnt er am Potsdamer Platz. Zwei-Zimmer, 50 Quadratmeter, sechster Stock. Auf Wunsch des Bundeskriminalamts ohne Balkon. Wenn man dem französischen Finanzminister so was anbieten würde, sagt einer aus Eichels Umgebung, der würde dich rausschmeißen.

Morgens saugt er im Schnellverfahren die Wohnung. Auch die Waschmaschine weiß er zu bedienen. Ein karges Leben. Geht er abends ungern nach Haus? Hans Eichel schaut fassungslos. Wieso denn das? Da sind die schönen Möbel von den Großeltern, alles Wiener Barock. Das Sofa, der Esstisch aus Nussbaum, darüber die Lampe von Ikea ("Tatsächlich nur 49 Mark").

"Jedes Leben ist ein tragisches Leben", hat Waigels Hausphilosoph, der Religionswissenschaftler Joseph Bernhart, einmal geschrieben. Nicht mal das will auf Hans Eichel passen. Zu pathetisch, zu katholisch für einen Protestanten aus Kassel, der sich im Licht einer Ikea-Lampe wärmt.

Sibylle Zehle

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