Bilanzskandal Flüchtete Ex-Wirecard-Vorstand Marsalek nach Weißrussland?

Neue Details im Wirecard-Skandal: Eine Spur des geflüchteten Ex-Vorstands Marsalek führt offenbar nach Weißrussland. Zudem warb das Kanzleramt aktiv in Fernost für die Skandalfirma.
Ex-Wirecard-Vorstand Marsalek

Ex-Wirecard-Vorstand Marsalek

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Leopold Fiala

Der flüchtige Ex-Vorstand des Münchner Finanzdienstleisters Wirecard, Jan Marsalek (40), könnte sich einem Bericht zufolge in Belarus aufhalten. Im russischen Ein- und Ausreiseregister, das auch das benachbarte Belarus umfasse, sei für Marsalek eine Eintragung nur Stunden nach seiner Freistellung bei Wirecard zu finden, berichtete der SPIEGEL.

Demnach sei Marsalek in der Nacht vom 18. auf den 19. Juni kurz nach Mitternacht über den Flughafen der Hauptstadt Minsk nach Belarus eingereist. Der SPIEGEL berief sich auf gemeinsame Recherchen mit den Investigativplattformen "Bellingcat" aus Großbritannien, "The Insider" aus Russland" und "McClatchy Report" aus den USA.

Eine Wiederausreise Marsaleks sei in den Datenbanken bislang nicht verzeichnet. Das deute darauf hin, dass sich der Manager weiterhin in Belarus oder in Russland befinde.

Im Juni war zunächst spekuliert worden, Marsalek halte sich auf den Philippinen oder in China auf. Dann wurde jedoch bekannt, dass philippinische Einwanderungsbeamte Daten gefälscht hatten, um die Ein- und Weiterreise des ehemaligen Wirecard-Vorstands vorzutäuschen.

Marsalek war bei bei dem Zahlungsdienstleister für das operative Tagesgeschäft zuständig. Wegen des Bilanz-Skandals wurde er am 18. Juni freigestellt und am 22. Juni entlassen.

Wie genau Marsalek nach Weißrussland gekommen sein könnte, ist dem SPIEGEL-Bericht zufolge unklar. Zu seiner Einreise sei in den russischen Datenbanken keine Flugnummer vermerkt. Es finde sich lediglich ein Hinweis auf einen "Einmalflug".

Kanzleramt setzte sich für Wirecard in China ein

Wirecard hatte eingestanden, dass in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Geld bei zwei philippinischen Banken vermutlich gar nicht existiert. Der Börsenkurs des Dax-Konzerns stürzte ab, das Unternehmen meldete Insolvenz an. In dem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft München I. Marsalek hat über seinen Anwalt erklären lassen, sich nicht der Justiz stellen zu wollen.

Zugleich rückt im Wirecard-Skandal immer mehr die Rolle der Politik in den Fokus. Im Herbst vergangenen Jahres setzte sich das Bundeskanzleramt für den Zahlungsdienstleister und dessen damals geplanten Markteintritt in China ein, wie eine Regierungssprecherin am Samstag der Nachrichtenagentur AFP bestätigte. Aus der CSU kommt zugleich scharfe Kritik an Bundesfinanzminister Olaf Scholz (62, SPD) und seiner Rolle in dem Skandal.

Im Bundeskanzleramt wurde Wirecard im vergangenen Herbst kurz vor einer China-Reise von Bundeskanzlerin Angela Merkel (66, CDU) zum Thema. Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (48), der sich für Wirecard einsetzte, sprach laut der Regierungssprecherin am 3. September 2019 mit Merkel. Danach habe er eine E-Mail an Merkels Wirtschaftsberater Lars-Hendrik Röller (61) geschickt, in der er "über den beabsichtigten Markteintritt von Wirecard in China unter Beifügung eines Kurzsachstandes unterrichtet und um Flankierung im Rahmen der China-Reise gebeten" habe.

Die Reise fand am 6. und 7. September 2019 statt. Am 8. September antwortete Röller den Angaben zufolge Guttenberg per E-Mail und teilte mit, "dass das Thema bei dem Besuch in China zur Sprache gekommen ist". Er habe außerdem "weitere Flankierung zugesagt", erklärte die Regierungssprecherin. Über den Vorgang hatte zuerst der SPIEGEL berichtet.

Guttenberg hatte Wirecard bei dessen Expansion nach China mit seiner Investment- und Consultingfirma Spitzberg Partners beraten. Knapp zwei Monate nach seinem Austausch mit dem Kanzleramt gab Wirecard bekannt, dass es Anteile an der chinesischen Firma AllScore Payment Services erwerben werde.

Kritik an Finanzminister Scholz

Wirecard hatte Ende Juni dieses Jahres Insolvenz angemeldet, nachdem das Unternehmen eingestehen musste, dass in der Bilanz aufgeführte Barmittel von 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf asiatischen Bankkonten lagen, nicht auffindbar seien. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt in dem Fall. Es geht unter anderem um den Verdacht der Marktmanipulation.

In der Kritik stehen wegen Wirecard auch die Finanzaufsichtsbehörde Bafin und Bundesfinanzminister Scholz. Dieser war nach Angaben seines Ministeriums bereits am 19. Februar 2019 darüber unterrichtet worden, dass die Bafin bei Wirecard wegen Marktmanipulation ermittelt.

Scholz trage "natürlich die Gesamtverantwortung dafür, wie in seinem Zuständigkeitsbereich mit dem Skandal umgegangen wurde", sagte der Unions-Obmann im Finanzausschuss, Hans Michelbach (71, CSU), der "Passauer Neuen Presse" vom Samstag. "Hätte er auf frühzeitige Hinweise reagiert, wäre der große Schaden für viele Anleger zu vermeiden gewesen."

Michelbach kündigte eine Sondersitzung des Finanzausschusses zu dem Thema an. "Was jetzt als Allererstes nötig ist, ist vollständige und rückhaltlose Aufklärung seitens des Finanzministers und der Bafin", sagte er der Zeitung.

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans (67) forderte als Konsequenz aus dem Skandal eine grundlegende Reform der Finanzkontrolle. Der Fall Wirecard  sei "nicht der erste Anlass, bei dem Schwachstellen der Finanzaufsicht offengelegt werden", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe vom Samstag. "Die Aufsicht muss mit der Entwicklung Schritt halten können. Sie muss schlagkräftiger und innovativer werden und auf der Höhe der Zeit agieren", forderte Walter-Borjans. Dafür sei "eine Generalreform" erforderlich.

cr/afp
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