Heiner Thorborg

Kampf um die CDU-Spitze Wie auf dem Spielplatz

Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Wäre die CDU ein börsennotiertes Unternehmen, entstünde gerade ein neuer Pennystock. Und die Verantwortung dafür tragen nicht nur die drei Kandidaten für den Parteivorsitz.
Lange Hängepartiepartie für die drei Kandidaten: Norbert Röttgen, Armin Laschet, Friedrich Merz (von links)

Lange Hängepartiepartie für die drei Kandidaten: Norbert Röttgen, Armin Laschet, Friedrich Merz (von links)

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MICHAEL KAPPELER / AFP

Wäre die CDU eine börsennotierte Gesellschaft, wäre ihr Aktienkurs inzwischen abgestürzt. Analysten und institutionelle Investoren wissen nämlich genau, dass ein Vakuum an der Spitze nicht nur in der Belegschaft Ängste auslöst. Schnell kommen Fragen auf, ob die Organisation noch in der Lage ist, das operative Geschäft am Laufen zu halten, Kundenwünsche zu erfüllen und die positive Grundstimmung der Stakeholder aufrecht zu erhalten.

Anleger, die bei ihrem Portfolio Wert auf Nachhaltigkeit legen – und das sind heute ziemlich viele –, analysieren die Qualität der Nachfolgeplanung ganz genau, bevor sie investieren. Mit gutem Grund. Denn was passiert, wenn der Übergang auf die nächste Generation schlecht vorbereitet ist, lässt sich bei so einigen großen Familienunternehmen beobachten. Von Bahlsen über Darboven oder Oetker bis hin zu Tönnies und Tchibo. Zu beobachten sind da: Achtzigjährige, die sich für unersetzbar halten, überforderte Kinder jeden Alters, übergroße Egos in bis zu drei Generationen, wenig Rücksicht auf die Mitarbeiter und frustrierte familienfremde Manager, die es keinem recht machen können. Es geht zu wie in einer Sandkiste, in der sich die Kids um die Förmchen streiten.

Also genau wie derzeit in der CDU.

Jede Menge Eitelkeiten, aber keine Kontrolle

In derart schlecht gemanagten Unternehmen ohne klare Nachfolge profitieren am Ende nur die Anwälte, die Konkurrenz und hungrige Beteiligungsgesellschaften. Es kommt zu Aufspaltungen, die nichts mit unternehmerischer Logik, aber viel mit Eitelkeit zu tun haben, und Notverkäufen. Am Schlimmsten wird es, wenn ein unfähiges Familienmitglied ans Ruder kommt und das Unternehmen innerhalb weniger Jahre an die Wand fährt. Auch das wird Beobachtern der politischen Landschaft bekannt vorkommen.

Artikel und Bücher zu den Folgen schlechter Nachfolgeplanung gibt es genug, aber die liest bei der CDU offensichtlich keiner. Alle sind zu beschäftigt damit, die jeweils eigne Agenda voranzutreiben. In börsennotierten Unternehmen ist es die Aufgabe des Aufsichtsrats, die Personalfragen an der Spitze der Organisation zu bearbeiten und die Nachfolge zu planen. Leider gibt es kein solches Kontrollgremium bei der CDU, der Parteivorsitz kontrolliert sich selbst – oder eben nicht, wie man zurzeit verfolgen kann.

Merkels Langfristplanung war schwach

Schuldig im Sinne der Anklage ist Angela Merkel. Als sie 2018 nach 18 Jahren den Parteivorsitz aufgab, war die Nachfolgeplanung denkbar schwach. Alle herausragenden Persönlichkeiten waren entweder längst weggebissen oder nach Brüssel weggelobt. Merkels Wunschnachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer hielt sich prompt auch nur ein paar Monate bis zu ihrer Rücktrittsankündigung im Februar. Seither herrscht Corona und die Parteiversammlung zur Bestimmung eines neuen Chefs wird abermals verschoben.

Bei einem Dax-Unternehmen wie SAP reicht heute eine Gewinnwarnung und der Börsenkurs bricht um 22 Prozent ein, was einem Verlust an Unternehmenswert von fast 30 Milliarden Euro entspricht. Kaum auszudenken, was es für ein Kursdebakel gäbe, wäre der Softwarekonzern seit acht Monaten in einen dilettantisch exekutierten Machtkampf um den Topjob verheddert.

Die Quittung für die CDU kommt bei der Bundestagswahl

Wohl wahr, eine Partei kann der Markt nicht so schnell und so dramatisch abstrafen wie einen Konzern. Das heißt aber nicht, dass ein acht Monate dauerndes Führungs-Chaos in der CDU ohne Folgen bleibt. Im kommenden Jahr ist Bundestagswahl, und die Bürger werden die Konsequenzen daraus ziehen, dass das in Berlin aufgeführte Drama so viel interessanter zu sein scheint als die Ideen, die die Kandidaten für den Chefposten im Angebot haben. Wie im Unternehmen: Herrscht Durcheinander an der Spitze, gehen die Leistungsträger in der Belegschaft von Bord. Wer kann, sucht sich einen anderen Job und zwar pronto.

Hinzu kommt: Die Regierungspartei, die alle börsennotierten Gesellschaften im Land wegen Corona dazu gezwungen hat, ihre Hauptversammlungen virtuell abzuhalten, diskutiert trotz steigender Infekionszahlen ernsthaft einen Präsenzparteitag mit 1000 Delegierten. Merke: Für die Parteigranden gelten Regeln offenbar selbst dann nicht, wenn sie diese Regeln selbst formuliert haben. Diese Arroganz kommt im Volk ungefähr so gut an, wie ein CEO im Unternehmen, der trotz massiven Personalabbaus einen Firmenjet kauft und damit sinnlos in der Gegend herumdüst.

Das Chaos muss enden – und zwar schnell

Verknüpft mit dem CDU-Vorsitz ist zudem die Option auf die Kanzlerkandidatur. Da werden wir dann die Wahl haben zwischen dem Verschwörungstheoretiker Friedrich Merz ("Die verschieben den Parteitag nur, um mich zu verhindern!"), dem farblosen Armin Laschet aus dem bevölkerungsstarken Bundesland Nordrhein Westfalen und Norbert Röttgen. Norbert wer? Genau.

Viele glauben, die drei wären durch die lange Hängepartie ohnehin verschlissen und hoffen auf einen kurzfristig berufenen Überraschungskandidaten. Bei einem Unternehmen wäre das ein externer Kandidat. Wo der herkommen soll, weiß jedoch keiner so recht. Von der CSU? Wie auch immer: Je schneller das Chaos beseitigt wird, desto besser. Denn auch für Parteien gibt es einen Markt, nicht nur für Unternehmen.

Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.