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Lidl Jute und Plastik

Discount-Chef Klaus Gehrig setzt auf Bio, Non-Food und ganz viel Harmonie.
aus manager magazin 9/2007

Wenn Klaus Gehrig (59) etwas macht, dann gründlich. Sein derzeitiges Lieblingsprojekt: Der Aufsichtsratschef und faktische Alleinherrscher des Discounters Lidl will die Unternehmenskultur auffrischen.

Und weil Gehrig dieses Ziel mit der ihm eigenen Entschlossenheit verfolgt, fallen in der straff geführten Lidl-Organisation die Tabus reihenweise. Gestattet sind nunmehr private Beziehungen zwischen Lidl-Angestellten. Auch beide Ehepartner dürfen jetzt bei dem Billiganbieter arbeiten, ebenso Verwandte.

Wie sich die Zeiten ändern. Bislang konnte bereits ein gemeinsames Bier nach Feierabend einen Karriereknick auslösen. Wer mit Kollegen Freund- oder Liebschaften pflegte, tat dies heimlich nach Arbeitsende. Davon ist keine Rede mehr. Um das Miteinander in der Neckarsulmer Lidl-Zentrale zu fördern, hat Gehrig jetzt sogar Betriebssport anordnen lassen, und zwar bis hinauf in die Vorstandsränge. Beim abendlichen Discount-Kick soll sich Vorstandschef Wilfried Oskierski (42) als passabler Amateurfußballer erwiesen haben.

Gehrig hat offenbar eingesehen, dass sich das verschwiegene Unternehmen wandeln muss, um auch in Zukunft sein hohes Wachstumstempo beibehalten zu können. Das betrifft unter anderem die bislang eher paramilitärische Unternehmenskultur. Der raue Umgangston machte es zuletzt immer schwerer, talentierte Hochschulabsolventen für Lidl zu gewinnen (siehe mm 2/2007).

Das betrifft aber auch das Kerngeschäft, den Einzelhandel. Mit der Übernahme der Bio-Supermarktkette Basic möchte Gehrig vom rasch wachsenden und margenträchtigen Segment der Öko-Lebensmittel profitieren.

Auch das kriselnde Non-Food-Geschäft will Gehrig jetzt sanieren. Immerhin macht der Bereich knapp ein Fünftel des Umsatzes aus.

Über Jahre hinweg waren die Aktionsartikel sichere Verkaufsschlager. Doch inzwischen stagnieren oder schrumpfen die Erlöse mit Außenthermometern, Pürierstäben, Windjacken und ähnlich durablen Artikeln - nicht nur bei Lidl, sondern auch bei den übrigen Discountern und selbst beim Non-Food-Pionier Tchibo.

Um wieder Schwung in das malade Segment zu bringen, haben Gehrig und Oskierski vor einem Jahr Thorsten Hermelink (38) von Tchibo abgeworben. Der bereitet nun bei Lidl eine Art Non-Food-Offensive vor.

Hermelink kennt sich aus. Schon in seiner Zeit bei Tchibo verantwortete der Manager als Bereichsleiter das Geschäft mit Gebrauchsgütern für den Alltag. Er hatte sich zudem Hoffnungen auf einen Geschäftsführerposten bei dem Hamburger Handelshaus gemacht. Als ihm die Beförderung verwehrt wurde, heuerte er bei Lidl an.

Dort variiert Hermelink nun das Konzept seines ehemaligen Arbeitgebers: Ähnlich wie in den Tchibo-Themenwelten sollen die Aktionsartikel bei Lidl künftig nicht nur vom Genre her aufeinander abgestimmt sein, sondern auch im Design und in der Verpackung.

Das bedeutet, dass die Lidl-Einkäufer den Lieferanten detailliertere Vorgaben zu den Produkten machen müssen als bisher. Außerdem soll Hermelink in Zukunft das Non-Food-Geschäft für ganz Europa planen bis hin zu Absatzzielen für einzelne Länder. Bislang waren die nationalen Lidl-Gesellschaften selbst dafür verantwortlich, welche Non-Food-Mengen in die Filialen kamen. Entsprechend groß ist nun die Unruhe bei den Landesgeschäftsführern.

Viel zusätzliche Arbeit also für Hermelinks Truppe. Rund 70 neue Mitarbeiter hat der Lidl-Manager bereits eingestellt. Im Gegenzug mussten ganze Abteilungen gehen, so zum Beispiel der komplette Textileinkauf.

Zudem beschäftigt Lidl neuerdings ein gutes Dutzend Werber, die an einer Werbestrategie für den Non-Food-Auftritt basteln. Das Unternehmen hat für diese Aufgabe die Hamburger Agentur Zum goldenen Hirschen verpflichtet, die bislang eher durch Wahlkampagnen für die Grünen aufgefallen war ("Außen Minister, innen grün"). Auch in der Reklame sollen sich die Lidl-Aktionen künftig stärker an die edle Themenwelten-Optik à la Tchibo anlehnen und weniger an die Schweinebauch-Anzeigen, für die die Discounter bislang bekannt sind.

Beim bevorzugten Werbemedium hingegen bleibt sich Lidl treu: Man setzt weiterhin auf den guten alten millionenfach verteilten Handzettel.

Christian Rickens/Jörn Sucher

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