Attraktiver Markt für Start-ups Junge Unternehmer zieht es nach Brasilien

Die deutschen Start-ups Flixbus und N26 versuchen den brasilianischen Markt zu erobern. Investoren und Auslandshandelskammer erwarten in den nächsten Jahren einen regelrechten Boom an jungen Unternehmern in dem Land.
São Paulo: Brasilien ist ein begehrter Standort für Start-ups

São Paulo: Brasilien ist ein begehrter Standort für Start-ups

Foto: Paulo Ricardo Fagundes / Getty Images/iStockphoto

Brasilien hat in den vergangenen Jahren ein exponentielles Wachstum von Start-ups erlebt. In den letzten fünf Jahren hat sich die Zahl in dem Land auf rund 15.000 verdreifacht. Auch die Zahl der Geldgeber nimmt zu. Trotz der Pandemie verdreifachten sich die Investitionen bis 2021, besonders bei Risikokapitalinvestitionen ist das Land in Lateinamerika führend. Daher weiten auch ausländische Start-ups ihre Aktivitäten nach Brasilien aus. Darunter kürzlich das deutsche Busunternehmen Flixbus und die Neobank N26.

Angesichts des Wachstums der Investitionen in Risikokapital auf rund acht Milliarden Dollar und neuer rechtlicher Rahmenbedingungen für Start-ups geht Bruno Vath Zarpellon, Leiter der Innovations- und Nachhaltigkeitsabteilung der Deutsch Brasilianischen Industrie- und Handelskammer (AHK São Paulo), davon aus, dass es künftig auch noch weitere deutsche Start-ups nach Brasilien ziehen wird. "Ausländische Start-ups können erwarten, dass sie in Brasilien einen großen Verbrauchermarkt vorfinden, der offen für Innovationen ist, und darüber hinaus Instrumente zur Unterstützung der Internationalisierung und des Wachstums ihrer Unternehmen bietet", sagt Zarpellon.

In Brasilien gab es 2021 zehn neue Einhörner

Seit 2017 unterstützen die Kammer in São Paulo und das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus São Paulo (DWIH) deutsche Start-ups bei ihren ersten Schritten auf dem brasilianischen Markt. Dafür haben sie ein Programm erschaffen, dessen Ziel es ist, Start-ups und große AHK-Mitgliedsunternehmen wie BASF, Bayer, Siemens und Voith in dem Land zusammenzubringen. "Deutsche Start-ups können dabei ihre Lösung für ein brasilianisches Problem präsentieren und, falls sie überzeugen, sich weiter mit den Firmen austauschen", sagt Zarpellon. São Paulo ist dabei nicht irgendeine Stadt, sie ist die größte deutsche Industriestadt außerhalb Deutschlands. Mehr als 800 der 1400 deutschen Unternehmen in Brasilien haben sich im Großraum angesiedelt. Viele deutsche Wirtschaftsgiganten haben hier ihre Lateinamerikazentralen.

Mit zehn neuen Einhörnern im Jahr 2021, also Unternehmen, die eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Euro erzielten und schätzungsweise sieben weiteren Start-ups, die dieses Niveau im Jahr 2022 erreichen werden, liegt Brasilien auf dem achten Platz mit den meisten Einhörnern weltweit. Derzeit gibt es mehr als 20 Einhörner in dem Land. "Außerdem sind die lokalen Verbraucher offener für innovative Dienstleistungen und neue Technologien", sagt Zarpellon. Dies begünstige auch den zunehmenden Zugang zu Investitionen. Kürzlich führte die Regierung in Brasilien zudem Bürokratieabbau und einige vereinfachte Richtlinien für Investoren, Steuersenkung und Fördermechanismen ein. "In diesem Sinne sollen subnationale Einheiten dazu beitragen, die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Brasilien zu stärken", sagt Zarpellon von der AHK São Paulo.

Kein Wunder also, dass es auch N26, 2019 als Einhorn gekürt, in das Land zieht. Seitdem 2013 das erste Fintech in Brasilien startete, ist der Markt schnell gewachsen. In den letzten sechs Jahren ist die Anzahl um 147 Prozent auf über 1100 Fintechs angestiegen. Damit ist Brasilien derzeit das größte Fintech-Ökosystem in Lateinamerika und die Stadt São Paulo das viertgrößte Fintech-Ökosystem der Welt. Der Sektor erreichte allein im ersten Halbjahr 2021 Investitionen in Höhe von 517 Millionen US-Dollar.

Andere Fintechs sind in Brasilien bereits erfolgreich

In Brasilien gibt es neben N26 aber bereits einen großen Platzhirschen unter den Neobanken: Die Nubank. Mit mehr als 40 Millionen Kunden allein in Brasilien ist sie eines der erfolgreichsten Fintechs. Auch andere Anbieter wie Inter und die C6 Bank haben sich bereits auf dem Markt platziert.

Zarpellon von der AHK ist dennoch positiv gestimmt. "Ich glaube, dass N26 trotz der nationalen Konkurrenten viele potenzielle Kunden finden wird, da die meisten jungen Brasilianer geneigt sind Fintech-Dienstleistungen, elektronische Zahlungen und neue Kommunikationsmethoden wie Kreditkarten oder PIX-Überweisungen zu nutzen", sagt er. Traditionelle Banken müssten sich so auch noch mehr beeilen, in die digitale Transformation zu investieren, um ihre digitalen Dienstleistungen zu verbessern und zu entwickeln. "Die Ausbreitung der digitalen Banken demokratisiert auch die Bankdienstleistungen für die weniger bevölkerten Regionen Brasiliens. Die Ankunft von N26 ist eine Chance für das Wachstum und die Verbesserung der nationalen Fintechs, motiviert durch einen starken Wettbewerber", so Zarpellon.

Doch Zarpellon sieht auch Risiken, beispielsweise in dem Umgang mit Datensicherheit. "Dieses Risiko ist bei Fintechs aufgrund der Sichtbarkeit und Spezifität der Daten noch größer", sagt er. "Meiner Meinung nach sollte der Schwerpunkt auf der Entwicklung effizienter Lösungen gegen Betrug und der Förderung der Transparenz liegen." Auch müssten Authentifizierungsmethoden und die Zusammenarbeit mit den Aufsichtsbehörden entscheidende Instrumente sein, um Risiken zu mindern und die Sicherheit der aktuellen und künftigen Kunden zu gewährleisten.

Markteintritt von N26 könnte schwieriger werden als gedacht

N26 bereitet den Markteintritt in Brasilien bereits seit etwa drei Jahren vor. Die Entscheidung auf den Markt zu gehen beruhe zum einen auf den lokalen Gegebenheiten und zum anderen auf der Nachfrage, die Verbraucher in diesem Markt haben. "Hier können wir mit unseren unterschiedlichen N26 Kontenmodellen ansetzen und den Verbrauchern digitale Lösungen anbieten, die ihren Bedürfnissen entsprechen", erklärt ein Sprecher von N26.

Doch der Markteintritt in Brasilien könnte schwieriger werden, als beschrieben. Zuletzt hagelte es öffentlich Kritik an dem Start-up aus Berlin. Die Bafin zwang das Unternehmen im vergangenen Jahr wegen gravierender interner Probleme ihren Neukundenwachstum in der Heimat auf 50.000 pro Monat zu begrenzen.

Auch im Ausland hatte das Unternehmen bereits mit Verlusten zu kämpfen. Durch den Rückzug aus Großbritannien und aus dem US-Markt versenkte das Unternehmen allein Millionen Euro für Marketing. "Unser Rückzug aus den USA war eine strategische Entscheidung", heißt es von N26. Das Unternehmen wolle sich zukünftig stärker auf das europäische Geschäft konzentrieren und Produktentwicklung und Innovation stärker bündeln.

Unerwarteter Angriff

Der neue Angriff auf die Nubank war daher unerwartet. N26 begründet ihn mit einer bleibender globale Vision, trotz der aktuellen Konzentration auf den europäischen Markt. Dabei gab es auch auf dem neuen Hoffnungsmarkt in Braslien schon Probleme. Bereits 2019 suchte das Fintech nach einem Bankpartner in dem Land - ohne Erfolg. Jetzt will das Unternehmen eine eigene lokale Banklizenz beantragen, um das Produkt unabhängiger zu gestalten. "Für den brasilianischen Marktstart haben wir einen anderen Ansatz als in den USA gewählt, eine eigene Fintech-Lizenz für Brasilien erworben und uns gegen eine Partnerbank entschieden", so das Unternehmen.

Das deutsche Start-up scheint sich dabei wenig vor der Nubank zu scheuen. "Verschiedene Banken können nebeneinander koexistieren und unterschiedliche Kundentypen und -bedürfnisse bedienen. Das gilt auch für den brasilianischen Markt, der derzeit wenig Wahlmöglichkeiten und eine geringe Kundenorientierung bietet", heißt es von einem Sprecher von N26.

Seit dem Erwerb der lokalen Fintech-Lizenz in Brasilien habe sich das Team aus rund 60 Leuten in São Paulo auf die entsprechende Produktentwicklung konzentriert, das derzeit in der Beta-Testphase laufe. Interessierte Verbraucher können sich auf einer Warteliste registrieren, von der Teilnehmer für das Beta-Programm ausgewählt werden.

Für den Pre-Launch von N26 in Brasilien haben sich derzeit etwa 200.000 Kunden angemeldet. "Das sind Zeichen der Offenheit des Marktes. In Anbetracht all der Vorteile in Bezug auf die Zinssätze und die hervorgehobenen niedrigen Zinsen wird erwartet, dass der Sektor den disruptiven Wandel in der Art und Weise, wie Menschen Bankdienstleistungen nutzen, Transaktionen durchführen und investieren, beschleunigen wird", sagt Zarpellon.

Experten sehen Raum für weitere Fintechs

Der Meinung ist auch Fernando Fritz, operativer Geschäftsführer der InvestSP, einer Investitionsförderungsagentur aus dem Bundesstaat São Paulo in Brasilien. Die Agentur fungiert als Schnittstelle zwischen privaten Unternehmen und öffentlichen Institutionen. Hauptziel ist es, den Privatsektor zu unterstützen. "Im brasilianischen Ökosystem besteht bereits ein starkes Verständnis dafür, dass der Zugang zu Risikokapital, das für Investitionen in neue Unternehmen erforderlich ist, lohnendes Kapital ist. Technologie kombiniert mit schneller Entwicklung, die sich auf ein bestimmtes Problem des Marktes oder Verbrauchers konzentriert, wirkt sich in schnellen Ergebnissen für die Unternehmen aus.

"Die Größe des Marktes, den wir in Brasilien haben, zusammen mit der Herausforderung des Unbanking, also Personen ohne Bankkonto und finanzieller Bildung bedeuten, dass es noch weiteren Raum für andere Fintechs gibt", sagt Fritz. Besonders im mittleren Westen, Norden und Nordosten des Landes gibt es derzeit noch viele Städte ohne Zugang zu Bankagenturen. Über 40 Prozent der brasilianischen Städte haben zudem keine Bankfilialen, während es im Land mehr als ein Smartphone pro Kopf gibt. "Das Ökosystem ist hier noch nicht gesättigt", sagt Fritz. Er ist daher der Meinung, dass N26 den brasilianischen Markt gut erkunden werde. "Auf der anderen Seite es ist auch eine Möglichkeit, zur Lösung der strukturellen Probleme Brasiliens in der Branche beizutragen", sagt er.

"Das brasilianische Start-up-Ökosystem befindet sich in einer interessanten Reifephase und hat eine relevante Marktgröße", sagt Fritz. Vor allem Unternehmen in den Bereichen Gesundheit, Finanzdienstleistungen, Mobilität und Verkehr, Bauen und Wohnen, Bildung und nachhaltige Landwirtschaft würde es derzeit auf den Markt ziehen.

Der Mobilitätsmarkt ist einer der fünf Sektoren, in dem in Brasilien im Jahr 2021 am meisten in Start-ups investiert wurde. Der Grund: Der größte Teil des Transports in Brasilien ist noch Straßentransport, es mangelt an Schienenalternativen für den Personenfernverkehr. Daher sieht Fritz auch für das Fernbusunternehmen Flixbus in Brasilien gute Chancen.

Wie auch N26 erwartet das Unternehmen aber bereits andere relevante Konkurrenten wie Buser und 4Bus auf dem Markt. Flixbus scheint jedoch bereit für den Konkurrenzkampf. "Mehr Anbieter auf dem Markt werden den Wettbewerb verstärken, was insgesamt zu einem besseren Angebot für die Kunden führt", sagt ein Sprecher des Unternehmens. "Der Markt in Brasilien ist derzeit sehr zersplittert, es gibt viele Anbieter, aber jeder von ihnen ist nur in einem bestimmten Teil des Landes aktiv und hat nur wenig Wettbewerb."

Dennoch wird es sowohl für N26, als auch Flixbus Hürden geben. Denn auch in Brasilien müssen viele Start-ups nach wenigen Monaten wieder aufgeben. "Unkenntnis der Gesetzgebung und der Bürokratie, Erfahrungsmangel mit den Management- und Governance-Prozessen, Schwierigkeiten bei der Durchführung von Tests und den erforderlichen Validierungen", zählt Fritz als Gründe auf. Zudem würden Unternehmer kulturelle Unterschiede häufig unterschätzen.

Viele junge Unternehmen würden dadurch das Vertrauen potenzieller Kunden nicht gewinnen, weil die Dynamik und die Gepflogenheiten des lokalen Geschäftsumfelds ignoriert werden. "Beispielsweise sind Brasilianer im Vergleich zu Deutschen flexibler und offener für neuen Anwendungen, sind starke Nutzer der sozialen Netzwerke und kümmern sich weniger um den Datenschutz", sagt Fritz. In der Zukunft erwartet Fritz einen offenen Markt, der durch neue regulatorische Rahmenbedingungen mehr Start-ups ins Land zieht.

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