Führungskräfte für den Turnaround Warum der neue Bundestrainer seine ersten Fehler schon gemacht hat
Maximale Erwartungen: Julian Nagelsmann steht als neuer Bundestrainer vor einer schwierigen Führungsaufgabe
Foto: Jan Huebner / IMAGOUmrahmt von DFB-Präsident Bernd Neuendorf (62) und Sportdirektor und Nationalikone Rudi Völler (63) saß am Freitag Julian Nagelsmann (36) auf dem Podium der Pressekonferenz in Frankfurt: Er ist der neue Trainer der Fußball-Nationalmannschaft.
Nagelsmann übernimmt ein Team, auf dem maximale Erwartungen lasten: Im Juni kommenden Jahres findet in Deutschland die Europameisterschaft statt, ein Vorrundenaus wie bei der jüngsten WM in Katar im vergangenen Jahr wäre nicht weniger als eine nationale Katastrophe. Zugleich dürfte die DFB-Elf stark verunsichert sein, nach all den Misserfolgen und der dazugehörigen Kritik in Medien und Öffentlichkeit.
Eine Konstellation wie gemacht für die Beurteilung durch Ina Toegel (41). Sie ist Professorin für Leadership und Organizational Change am International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne. Dort beschäftigt sie sich vor allem mit der Frage, wie es Führungskräften gelingen kann, Hochleistungsteams aufzubauen und zu stärken. Frau Toegel hat sich auch schon wissenschaftlich mit einem Kollegen von Nagelsmann auseinandergesetzt, der ebenfalls früher beim FC Bayern beschäftigt war: nämlich mit dem heutigen Trainer von Manchester City, Pep Guardiola (52).
Worauf kommt es also an, damit eine Führungskraft wie Nagelsmann, von der binnen kurzer Zeit ein "Turnaround" erwartet wird, Erfolg hat? Ina Toegel kommt am frühen Freitagnachmittag direkt aus einer Lehrveranstaltung und sitzt zum Video-Interview vor ihrem Computer. Wie sich im Gespräch zeigt, hat sie Nagelsmanns erste Schritte als Bundestrainer in Frankfurt aufmerksam verfolgt.
manager magazin: Frau Professor Toegel, anlässlich der Ernennung von Julian Nagelsmann zum Bundestrainer wollen wir über Führungsqualitäten sprechen, und über die besonderen Anforderungen, denen sich Führungskräfte gegenübersehen, wenn sie auch im Berufsleben Teams neu übernehmen. Die wichtigste Frage also zuerst: Werden wir mit Julian Nagelsmann Europameister?
Ina Toegel: (lacht) Ich würde sagen: ja, denn er hat alle Voraussetzungen dafür. Ich betrachte das bei Führungskräften auf drei Ebenen: Erstens auf der individuellen Ebene, die Persönlichkeit, zweitens auf der Team-Ebene, und drittens in Bezug auf das Stakeholder-Management, also ob er mit dem Umfeld gut umgehen kann.
Gehen wir die Ebenen einmal durch.
Von der Persönlichkeit her bringt Nagelsmann einige gute Voraussetzungen mit. Er hat die Durchsetzungsfähigkeit, die er braucht. Er ist auch offen und kann Veränderungen herbeiführen. In Bezug auf das Team muss er vor allem in der Lage sein, die Basis für einen guten Mannschaftsgeist zu legen. Ich glaube, das kann er, er hat es auch schon bewiesen. Im Stakeholder-Management sehe ich am ehesten eine Herausforderung für ihn. Die Medien und die Öffentlichkeit sind sehr kritisch. Er muss da auch sehr resilient sein, es wird viel Kritik geben. In Deutschland weiß schließlich jeder über Fußball Bescheid.
Ja, es gibt in Deutschland bekanntlich mehrere Millionen Bundestrainer. Als wichtige individuelle Qualität nennen Sie Durchsetzungsstärke. Gibt es auch weniger offensichtliche Eigenschaften, auf die es in einer solchen Situation ankommt?
Eine eher kontra-intuitive Eigenschaft, die Nagelsmann benötigt, ist eine gewisse Ungeduld, ein Sinn für Dringlichkeit. Und die Fähigkeit, Frustration auf die richtige Weise auszudrücken. Es besteht ja wenig Zeit, bis zur Europameisterschaft sind es nur noch gut acht Monate. Trainer, die sehr ruhig und ausgeglichen sind, wären da nicht die richtigen. Ich glaube, Nagelsmann besitzt diese Fähigkeit, daher passt das gut in dieser speziellen Situation.
Generell wird als Bundestrainer gerne jemand genommen, der seine Trainerkarriere eigentlich hinter sich hat, Nagelsmann bildet da insofern eine Ausnahme. Solche gesetzten Trainer würden diese Ungeduld und diesen Sinn für Dringlichkeit wohl eher nicht mitbringen.
Ja, außerdem haben Trainer in der Regel mehr Zeit, sie können langfristiger arbeiten. Insofern ist es eine kluge Entscheidung, in der aktuellen Situation jemanden wie Julian Nagelsmann zu nehmen.
Übertragen auf die Business-Welt hieße das, dass man für dringliche Aufgaben, für Change-Situationen, in denen schnell Veränderungen hermüssen, vor allem junge, dynamische Leute als Führungskräfte einsetzt?
Ich würde nicht unbedingt sagen jung, aber auf jeden Fall dynamisch. Wenn man einen schnellen Turnaround braucht, dann benötigt man dafür auf jeden Fall Dynamik. Aber eben auch die Fähigkeit, Frustration zum Ausdruck zu bringen.
Nagelsmann übernimmt ein Team, dass wegen vieler Misserfolge und der Kritik, die es dafür gab, verunsichert sein dürfte. Wie geht man als Führungskraft an solch eine Situation heran?
Wichtig ist es, dass sehr schnell und entschieden, beinahe brutal, gleich zu Beginn die "heiligen Kühe" entfernt werden. Trainer wie Führungskräfte sollten den Mut haben, Spieler und Mitarbeitende aus dem Team zu nehmen, die nicht ihre beste Leistung bringen, auch wenn sie populär sind. Danach ist es dann wichtig, das Selbstvertrauen der übrigen zu stärken: Ihr seid die richtigen Spieler, ich könnte kein besseres Team haben als euch. Motivation und Inspiration sind wichtig.
Das Entfernen "heiliger Kühe" geht im Fußball allerdings wohl einfacher als in der Geschäftswelt. Der Trainer kennt die Spieler und weiß sie einzuschätzen, schon bevor er dazustößt. In der Berufswelt kann man eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter nicht so einfach aussortieren wie einen Spieler aus der Nationalelf.
Stimmt zum Teil. Oft ist es im Unternehmen aber auch einfacher als man denkt. Ich habe mit vielen CEOs zu tun. Die bekommen schon in der Vorbereitung auf einen neuen Job sehr gut mit, wer von besonderem Wert für ein Team ist und wer nicht.
Beim Thema "heilige Kühe" müssen wir über Manuel Neuer sprechen, der ja auf ein Comeback in der Nationalelf hofft – gleichzeitig aber mit Nagelsmann aus gemeinsamen Bayern-Zeiten zerstritten ist. Nagelsmann hielt sich in der Pressekonferenz heute bedeckt, als er auf das Thema angesprochen wurde, er wollte sich offenbar noch nicht festlegen. Haben Sie da einen Rat für ihn?
Das war ein Fehler von Nagelsmann. Er hätte klar Position beziehen müssen.
Sie meinen, er hätte heute schon sagen sollen: Neuer rein oder Neuer raus?
Er muss wissen, wer jetzt, in diesem Moment, gut für das Team ist. Und das muss er klar sagen. Mit Wischi-waschi wird es nicht gehen.
Auch hier wieder die Frage mit Blick auf die Unternehmenswelt: Wie gehe ich als Führungskraft damit um, wenn ich in einem neuen Team auf einen "alten Bekannten" treffe?
Ja, Nagelsmann und Neuer haben eine persönliche Geschichte und sie haben Konflikte miteinander. In der kurzen Zeit, die jetzt zur Verfügung steht, werden sie das nicht lösen können. Deshalb wird das mit den beiden nicht gutgehen. Nagelsmann sollte das klar entscheiden und dann auch so kommunizieren. Das wäre authentisch.
Und übertragen auf die Business-Welt?
Das kann man nicht verallgemeinern. Entscheidend ist, ob ausreichend Zeit zur Verfügung steht, um Konflikte zu lösen. Wenn man diesen Luxus nicht hat, muss man sich trennen.
Sie sagen in Ihren Forschungsarbeiten auch: Es sei wichtig für eine neue Führungskraft, eine klare Strategie und eine Zielsetzung vorzugeben. Das ist im Sport nicht schwer, das Ziel ist in der Regel das kommende Turnier, der nächste Titel. Im unternehmerischen Alltag sind die Ziele meist abstrakter und schwieriger zu vermitteln, oder?
Das Ziel ist im Sport klar, das stimmt. Aber wie man es erreicht, ist nicht klar. Als Trainer muss man erklären, wie man das Ziel erreicht. Das gilt auch für die Business-Welt. Das Ziel kann klar sein, aber der Weg dorthin liegt im Nebel für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Man muss also entscheiden, was man macht, aber man muss auch entscheiden, was man nicht macht. Ich höre von CEOs und Führungskräften zu selten, was sie nicht machen wollen. Nagelsmann hat jetzt die Chance, klar zu vermitteln: Das machen wir und das machen wir nicht.
Bei der Pressekonferenz heute hat Nagelsmann in dem Zusammenhang gesagt, er setze auf die "einfache Spielidee", die "leicht umzusetzen ist". Für mich hört sich das nach einer typischen Fußballer-Plattitüde an, die eigentlich nicht viel aussagt. Welcher Trainer hätte schließlich das Gegenteil angekündigt: Ich versuche es mal mit der komplizierten Spielidee und verzichte auf die einfache? Im Business-Leben kann man sich mit solchen Phrasen jedenfalls nicht aus der Affäre ziehen, richtig?
Es gibt auch viele CEOs, die zu solchen Klischees greifen. Aber Sie haben recht, das ist keine gute Strategie von Nagelsmann. Da muss er sich stärker äußern. Er muss klarer sein.
Sie sagten eingangs, ja, Nagelsmann bringt uns zum Titel. Jetzt haben wir aber doch einige Fehler und Kritikpunkte herausgearbeitet. Also zum Abschluss die Frage: Ist Nagelsmann wirklich der richtige Mann für den Job?
Ich glaube schon. Ich hoffe, er lernt, dass er klarer kommunizieren muss. Er wird nicht von allen geliebt werden. Aber er ist dynamisch, er hat die Persönlichkeit und auch die Glaubwürdigkeit. Ich würde mein Geld auf ihn setzen. Aber wir werden erst in neun Monaten wissen, ob es richtig war.