Katharina Slodczyk

Ex-Wirecard-Chef Jetzt wissen wir, wie Markus Braun seinen Kopf retten will

Katharina Slodczyk
Ein Kommentar von Katharina Slodczyk
Der ehemalige Wirecard-Chef hat sich zwar den Fragen der Abgeordneten im Untersuchungsausschuss verweigert, er hat dennoch etwas verraten: seine voraussichtliche Verteidigungsstrategie im Gerichtsprozess.
Mein Name ist Braun, ich wusste von nichts: Der Ex-Wirecard-Chef gibt den Unschuldigen

Mein Name ist Braun, ich wusste von nichts: Der Ex-Wirecard-Chef gibt den Unschuldigen

Foto: Pool / Getty Images

Es war nicht das, was sich die Mitglieder des Wirecard-Untersuchungsausschusses im Bundestag gewünscht haben. Zwei Stunden lang haben sie Markus Brauns (51), den ehemaligen Chef des inzwischen zusammengebrochenen Dax-Konzerns, am Donnerstag mit Fragen traktiert – zu seinen Verbindungen zur Politik, zum Geschäftsmodell des Zahlungsdienstleisters, zu möglichen Fehlern. Über die knappe Antwort "Zu dieser Frage möchte ich mich nicht äußern" sind sie in den allermeisten Fällen nicht hinausgekommen.

Markus Braun, in früheren Zeiten ein äußerst gesprächiger Topmanager, wenn es um die Zukunft von Wirecard und die Technologie des Unternehmens ging, hat jede Kooperation mit den Abgeordneten abgelehnt. Der Mann, der seit Anfang Juli in Untersuchungshaft sitzt, hat bei diesem Auftritt dennoch etwas verraten: seine voraussichtliche Verteidigungsstrategie, sobald es zum Prozess kommt.

In einem kurzen Eingangsstatement sagte Braun: Er hoffe, dass die Staatsanwaltschaft die Vorgänge bei Wirecard umfassend aufklären werde – ebenso wie den Verbleib der "veruntreuten Unternehmensgelder". Der Satz macht nur dann Sinn, wenn nichts von dem Geld bei ihm gelandet ist. Die Ermittler gehen von bis zu drei Milliarden Euro aus, die in fragwürdigen Quellen versickerten.

Braun machte mit diesem kurzen Satz klar, wie er sich verteidigen wird: Er dürfte sich voraussichtlich als Opfer darstellen – als jemand, der ansonsten von nichts gewusst haben will, was bei Wirecard vor sich ging und genauso wie Investoren, Mitarbeiter und Wirtschaftsprüfer getäuscht wurde.

Eine verwegene Strategie

Die Staatsanwaltschaft München sieht das bisher ganz anders. Für sie ist Braun einer der Hauptschuldigen. Er habe ein kriminelles Netz aufgebaut, das vom "militärisch-kameradschaftlichen Korpsgeist und Treueschwürden" geprägt gewesen sei, so die Ermittler. Braun sei darin Kontroll- und gleichzeitig Steuerungsinstanz gewesen. Die Staatsanwaltschaft wirft Braun und anderen ehemaligen Topmanagern des Konzerns, darunter dem flüchtigen Jan Marsalek (40), der für das operative Geschäft zuständig war, gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Bilanzfälschung und Marktmanipulation vor. Brauns Verteidiger weist all diese Vorwürfe zurück.

Markus Braun stand 18 Jahre lang an der Spitze von Wirecard, er war der Kopf des Zahlungsdienstleisters, hat den Konzern groß gemacht und ihn in die Königsklasse der Börse geführt, den Deutschen Aktienindex (Dax ). Ehemalige Kollegen beschreiben ihn als jemanden, der alles im Griff hatte, der die Dinge kontrollierte, Bescheid wusste – bis ins Detail. Das ist schwer vereinbar mit der Sicht, die er jetzt verbreitet: Braun – das Opfer.

Auch andere Zeugen, die der Untersuchungsausschuss am Donnerstag befragt hat, lieferten Argumente für die bisherige Sicht der Staatsanwaltschaft. Braun sei der Chef im Haus gewesen – nicht nur, weil er den Posten des CEO innehatte, sondern auch tatsächlich, betonte eine ehemalige Aufsichtsrätin. Und mehr noch: Sein Handeln habe dem eines alleinigen Eigentümers entsprochen, auch wenn er das mit einem Anteil von etwa 7 Prozent nie gewesen sei.

Braun ließ offen, mit welchen Argumenten er sich genau verteidigen will. Er werde erst mit der Staatsanwaltschaft reden und möglicherweise später ausführlicher mit den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses, sagte er. Doch einige ahnen bereits, worauf es hinauslaufen könnte: Am Ende werde er seinen flüchtigen Kompagnon Marsalek, vermutet der FDP-Politiker Florian Toncar, als Einzeltäter darstellen. Klingt wie eine verwegene Strategie, aber es die vielleicht beste Option, die Braun derzeit hat, um das drohende Strafmaß zu reduzieren – und ein guter Cliffhanger für seinen nächsten Auftritt vor dem Untersuchungsausschuss.

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