Jack Ma Vermisster Digitalmilliardär in Tokio aufgetaucht

Alibaba-Gründer Jack Ma ist seit zwei Jahren aus der Öffentlichkeit verschwunden, nachdem er die chinesischen Behörden verärgert hatte. Nun tauchte der Techmilliardär wieder in Japan auf.
Sechs Monate Japan: Techmillardär Jack Ma (58) soll sich nun in Tokio aufhalten

Sechs Monate Japan: Techmillardär Jack Ma (58) soll sich nun in Tokio aufhalten

Foto: Charles Platiau / REUTERS

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Lange war Jack Ma (58) der reichste und bekannteste Privatunternehmer Chinas. Doch nachdem sich der Gründer der größten Onlinehandelsplattform der Welt, Alibaba, im Oktober 2020 in einer öffentlichen Rede über die Finanzaufsicht des Landes beschwerte und ihr eine "Pfandhausmentalität" unterstellte, die "Innovationen behindere", ist Ma wie vom Erdboden verschluckt.

Nun gibt es eine neue Spur des Techmilliardärs: Seit fast sechs Monaten soll er im Zentrum Tokios leben, wie die Financial Times, die dem japanischen Medienunternehmen Nikkei gehört, am Dienstag berichtete. Demnach soll Ma mit seiner Familie monatelang in Japan und dabei auch in heißen Quellen und Skigebieten auf dem Lande außerhalb Tokios aufgehalten haben.

Seit seinem Zerwürfnis mit den chinesischen Behörden wurde Ma immer mal wieder in verschiedenen Ländern gesichtet, darunter regelmäßig in den USA und Israel, aber auch in Spanien und in den Niederlanden. Der Milliardär ist damit den strengen Lockdownregelungen zur Bekämpfung der Coronapandemie im Land entgangen, die derzeit für heftige Proteste im Land sorgen.

In spanischen Gewässern: Die Superyacht des Techmilliardärs "Zen" ankerte im Oktober letzten Jahres vor der Küste von Mallorca

In spanischen Gewässern: Die Superyacht des Techmilliardärs "Zen" ankerte im Oktober letzten Jahres vor der Küste von Mallorca

Foto: NACHO DOCE / REUTERS

Die von Ma gegründeten Unternehmen Ant und Alibaba sind allerdings weiter mit einer Reihe von regulatorischen Hindernissen konfrontiert. Nachdem die chinesischen Aufsichtsbehörden erst den geplanten Börsengang von Ant in Höhe von 37 Milliarden US-Dollar abgesagt hatten, belegten sie Alibaba im vergangenen Jahr wegen kartellrechtlicher Verstöße mit einer Strafe von 2,8 Milliarden US-Dollar – die bislang höchste Strafe der Kartellbehörden gegen einen chinesischen Internet-Riesen. Ma, der trotz kommunistischen Parteibuchs schon oft mit der Staatsführung aneinandergeraten ist, durfte das Land bis zum Abschluss der Kartell-Untersuchungen nicht verlassen.

Die ungewöhnlich hohe Strafe der Wettbewerbshüter war ein weiterer Schlag gegen den mächtigen Alibaba-Konzern, der seine Aktivitäten vom Online-Handel über Finanzdienste bis in Bereiche wie Logistik, Unterhaltung oder Touristik ausgeweitet hat. Das Vorgehen von Alibaba gegen Händler, die auch auf konkurrierenden Plattformen anbieten, "beseitigt oder behindert den Wettbewerb", argumentierte die Marktaufsicht in ihrer Entscheidung. Es beeinträchtige die Innovation und Entwicklung der Plattformen. Die Rechte und Interessen der Verbraucher würden geschädigt.

Doch Experten sehen in dem Vorgehen eine deutlich politische Nachricht. So ist Ma, der unter seinen Anhängern wie ein Rockstar gefeiert wurde, den Machthabern in Peking schlicht zu forsch und mächtig geworden: Laut dem "Wall Street Journal" soll Chinas Präsident Xi Jinping (67) sogar persönlich befohlen haben, den geplanten weltgrößten Börsengang von Ant Financial zu vereiteln.

Jack Ma lebt weiterhin glamourös

Alibaba hatte 2021 die langsamste Wachstumsrate seiner Geschichte gemeldet. Ma fiel in der Rangliste der reichsten Chinesen um vier Plätze zurück und wird heute mit 25,7 Milliarden Dollar auf dem neunten Rang geführt. Das geht aus der Hurun-Liste  hervor, die die reichsten Menschen Chinas, die ein Vermögen von mindestens fünf Milliarden Yuan (689 Millionen Euro) besitzen, aufführt.

In Tokio lebt der Milliardär weiterhin recht glamourös: Er soll seinen persönlichen Koch und seinen Sicherheitsdienst mit in die japanische Stadt gebracht haben. Öffentlich zeigt er sich aber auch in Japan so wenig wie möglich. Seine gesellschaftlichen Aktivitäten konzentrieren sich auf eine kleine Handvoll privater Mitgliederclubs, die in Tokios Luxus-Viertel Ginza und dem Finanz-Viertel Marunouchi gegenüber dem Kaiserpalast liegen.

Der exklusive Club in Ginza hat sich zu einem belebten, aber diskreten gesellschaftlichen Zentrum für wohlhabende Chinesen entwickelt, die sich entweder in Tokio niedergelassen haben oder zu einem längeren Besuch hierherkommen, wie die Mitglieder der "Financial Times" berichtet haben.

Mythen um Freizeitbeschäftigungen

Angeblich soll nun aus Ma ein begeisterter Sammler und Künstler geworden sein. Laut Freunden, die mit der "Financial Times" gesprochen haben, sei der Multimilliardär der Aquarellmalerei verfallen. Andere Stimmen behaupten, Ma habe sich mehr dem Thema Nachhaltigkeit gewidmet, um seine E-Commerce-Kerntechnologien von Alibaba und Ant zu verbessern. Der Besuch einer Universität in den Niederlanden im Juli vergangenen Jahres sei ein weiteres Indiz gewesen, um sich über eine nachhaltige Lebensmittelproduktion zu informieren.

Interessiert an nachhaltiger Lebensmittelproduktion: Jack Ma, rechts, im vergangenen Jahr in einer niederländischen Blumen-Farm

Interessiert an nachhaltiger Lebensmittelproduktion: Jack Ma, rechts, im vergangenen Jahr in einer niederländischen Blumen-Farm

Foto: ANTHURA / via REUTERS

Die Ant Group ist vor allem wegen ihres in China populären mobilen Bezahldienstes Alipay bekannt geworden. Mehr als 700 Millionen Menschen in China nutzen den Online-Bezahldienst monatlich. Jährlich werden demnach umgerechnet mehrere Billionen Euro transferiert. Alipay vergibt aber auch Kredite an Haushalte und kleinere Unternehmen, bietet Vermögensverwaltung und Versicherungen an – und erstreckt sich damit in den staatlich kontrollierten Finanzsektor.

Börsengang wieder denkbar

Ma revolutionierte durch die Ant Group den Zahlungsmarkt in China. Nun wird sich zeigen, wie und ob er Geschäfte aus Japan weiterführen wird. Trotz mehrerer politischer Konflikte haben Japan und China in den letzten 50 Jahren ihre Wirtschaftsbeziehungen ausgebaut. China ist heute Japans größter Handelspartner.

Laut dem "Wall Street Journal" plant Ma jedoch einen Großteil seiner Stimmrechtsanteile bei Ant an Führungskräfte zu übertragen, unter anderem an CEO Eric Jing (49). Seine Beteiligung an Ant will Ma demnach von zuletzt knapp über 50 auf 8,8 Prozent reduzieren. Mit dem Schritt könnten letzte Bedenken Pekings ausgeräumt werden: Ein Börsengang wäre demnach wieder denkbar.

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