Freitag, 15. November 2019

Nachfolge in Unternehmen "Die natürliche Ordnung ändert sich"

Nachfolge ist heute viel komplizierter als früher: Das Reinreden in die zweite Generation führt dazu, dass diese keine Kontrolle mehr über das eigene Handeln hat

3. Teil: "Ein geordneter Verkauf eines Familienunternehmens ist auch eine Nachfolgeoption"

mm.de: Viele Groß-Väter wollen doch lieber Dynastien gründen statt Sinn zu stiften.

Rau: Das kann ein Denkfehler sein. Unternehmen müssen keine Dynastien werden. Sie können für eine Zeit einen Zweck erfüllen und dann wieder verschwinden. In Kanada zum Beispiel ist Unternehmertum für Einwanderer der ersten Generation oft die beste Möglichkeit zum Broterwerb. Hat man sich dann integriert, öffnen sich viele gesellschaftliche Türen und die Firma hat ausgedient. Und was oft vergessen wird: Bei funktionierenden Finanzmärkten ist ein geordneter Verkauf eines Familienunternehmens auch eine Nachfolgeoption.

mm.de: Was kann denn ein Unternehmer tun, um Nachfolger aus der eigenen Familie heranzuziehen?

Rau: Er kann ein unternehmerisches Vermächtnis schaffen, wir sprechen in unserer Forschung von "entrepreneurial legacy".

mm.de: Was verstehen Sie darunter?

Rau: Ein unternehmerisches Vermächtnis besteht nicht aus materiellem Vermögen, sondern aus immateriellen Werten wie einer gemeinsamen Geschichte, Legenden über Kreativität und Durchhaltevermögen der Ahnen. Identifizieren sich die Kinder mit dem Werk des Vaters und einem gemeinsamen Narrativ, etwa weil sie schon als Steppkes ihren Roller über den Betriebshof lenkten und so in die Firmenkultur reinwachsen konnten, ist die Chance viel höher, dass sie ihren Vätern irgendwann folgen möchten. Dann entsteht eine Selbstverpflichtung bei den Kindern, aber die muss von den Vätern geprägt werden.

mm.de: Wenn die Söhne den Vätern nicht nachfolgen wollen, gibt es ja immer noch die Töchter...

Rau: Ja, und psychologisch betrachtet ist das oft die einfachere Nachfolge. Wenn der Vater an die Tochter übergibt, lässt die Tochter dem Vater meist das Gefühl, er sei noch die Nummer eins, obwohl er weiß, dass es nicht mehr stimmt.

mm.de: Und Söhne können das nicht?

Rau: Für einen Sohn ist das viel schwieriger, weil er sonst an Autorität verliert. Er wird dann nie die gleiche Legitimität haben wie der Vater. Ein Sohn muss den Vater als Clanchef ablösen, eine Tochter muss das nicht.

mm.de: Aber wenn sie alles anders macht als der Vater, dann ist dessen Geduld doch auch schnell vorbei.

Rau: Auch große Unternehmer-Väter müssen verstehen: Nachfolge ist immer auch eine große Chance zu Innovation! Die Nachfolger müssen Dinge anders machen, um den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens auch in der Zukunft zu sichern. Das ist eine strategische Frage für die ganze deutsche Wirtschaft.

mm.de: Das klingt eine bisschen zu hoch gegriffen.

Rau: Ganz und gar nicht! Denn je besser es einem Land gelingt, die Nachfolgen in Familienunternehmen zu organisieren, also die nächste, kreative Generation ans Ruder zu bringen, desto besser ist das für Wohlstand, Wachstum und Beschäftigung - gerade für den Standort Deutschland.

Der Vater-Sohn-Komplex: Lesen Sie die ganze Geschichte im neuen manager magazin

Die ganze Geschichte

Seite 3 von 3

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung