Freitag, 20. September 2019

Lufthansa-Mitarbeiter zum Streik Warum wir uns nicht einig werden

Lufthansa-Schalter während Streik im März: "Das ist schon starker Tobak"

Sie stehen auf den beiden gegnerischen Seiten des Konflikts: Der eine Lufthansa-Mitarbeiter streikt, der andere leitet während des Ausstandes den Flugbetrieb. Hier erklären sie, warum bei der Fluglinie nun schon wieder Chaos herrscht.

Für Außenstehende ist es kaum noch nachvollziehbar: Die Piloten des Lufthansa-Konzerns streiken wieder - zum 13. Mal in nur anderthalb Jahren. Offiziell geht es dabei um die Übergangsversorgung bis zum gesetzlichen Renteneintritt. Lufthansa will, dass die Piloten künftig mit durchschnittlich 61 statt den bislang 58 Jahren aus dem Beruf aussteigen.

Doch hinter dem Konflikt steckt mehr: Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat mit einem weitreichenden Konzernumbau begonnen, unter der Marke Eurowings werden die Billigflüge gebündelt, hier verdienen Piloten rund 40 Prozent weniger als bislang.

Der Konzern hält das angesichts der wachsenden Konkurrenz für überlebenswichtig. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) wirft Spohr dagegen vor, er wolle die gesamte Tarifstruktur des Unternehmens abbauen. Die Fronten sind verhärtet, eine Einigung scheint ferner denn je.

SPIEGEL ONLINE hat zwei Beteiligte am Tarifstreit befragt:

Daniel Stiegler (Name geändert) fliegt unter dem alten Konzerntarifvertrag im Lufthansa-Konzern einen Airbus:

"Ich streike mit. Dabei fand ich die Position von Cockpit lange sehr extrem. Aber jetzt sind sie auf die Lufthansa zugegangen: Die Bezahlung von neuen Piloten bei den Billigtöchtern soll sich an Easyjet orientieren. Und bei bestehenden Regelungen wie der Übergangsversorgung hat Cockpit die Einschnitte im Umfang von 500 Millionen Euro akzeptiert.

Dass die Lufthansa darauf nicht eingegangen ist, finde ich entlarvend: Sie will sich nicht einigen. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht kommt das Angebot von Cockpit zu spät und die Fronten sind verhärtet. Oder Lufthansa versucht, die Tarifvereinbarungen abzuschaffen, indem neue Strukturen aufgebaut werden. Jedenfalls frustriert es mich, dass selbst ein so realistisches Angebot kein Gehör mehr findet. Das ist schon starker Tobak.

Der bisherige Konzerntarifvertrag muss sicher erneuert werden. Wer jetzt von der Flugschule kommt, kann ja bei einer Billigtochter anfangen. Aber er sollte weiter die Möglichkeit haben, innerhalb des Konzerns zu wechseln und überall zum Kapitän aufzusteigen. So wie der Umbau derzeit geplant ist, müssen wir dadurch aber sogar Kündigungen fürchten.

Außerdem bringen die neuen Strukturen erst mal neue Kosten mit sich. Die neuen Gesellschaften sind so klein, dass man den europäischen Luftfahrmarkt damit nicht aufrollen kann. Man hätte auch die Gehälter für Berufseinsteiger bei der schon etablierten Germanwings senken können. Jetzt müssen wir Eurowings erst mal mindestens drei Jahre aufbauen, um dieselbe Größe zu erreichen.

Ich glaube, viel hängt jetzt auch an Carsten Spohr persönlich. Deutsche Dax-Chefs sind einsame Wölfe. Selbst wenn es unterhalb von ihm andere Gedanken geben sollte, werden die wohl kaum an Spohr herangetragen. Ob er Druck von seinen Kapitalgebern bekommt? Kann sein, muss aber nicht.

Selbstverständlich fürchte ich die finanziellen Folgen von Streiks für die Lufthansa. Ich habe auch die Sorge, dass sich die öffentliche Meinung endgültig gegen uns Piloten dreht. Aber ich weiß nicht, welche andere Möglichkeit uns bleibt. Gerade jetzt, wo wir große Zugeständnisse gemacht haben, lässt man uns im Regen stehen. Das müssen wir öffentlich deutlich machen."

Werner Knorr ist Chefpilot der Lufthansa, Mitglied der Tarifkommission und leitet den Flugbetrieb während des Streiks:

"Ich war vom Vorgehen der Vereinigung Cockpit überrascht. Bis Montag hatte ich damit gerechnet, dass wir mit Verhandlungen beginnen können. Wir hatten zwar noch viele Fragen zum Angebot von Cockpit - etwa, wie genau sich die 500 Millionen Euro Einsparungen zusammensetzen. Aber das Paket ist ein Schritt in die richtige Richtung und eine gute Verhandlungsgrundlage. Darüber hätten wir mal zwei, drei Tage wirklich reden müssen.

Leider hat Cockpit das Angebot aber mit der Bedingung verknüpft, den Konzernumbau für den Zeitraum der Verhandlungen zu stoppen. Das konnten wir nicht akzeptieren, auch weil die Verhandlungen schon so lange ohne Ergebnis laufen.

Wenn wir von der Gewerkschaft spürbare Kostensenkungen erwarten, müssen wir natürlich auch über die Sicherheit der Arbeitsplätze und die Perspektiven von Piloten reden. Deshalb haben wir Brücken gebaut und zum Beispiel vorgeschlagen, den geplanten Abbau der Germanwings-Flotte vorerst einzufrieren.

Wir glauben aber, dass wir bei Kontinentalflügen um die 30 Prozent günstiger werden müssen und bei Germanwings auch noch mal um rund 20 Prozent. Das könnten wir durch den Vergleich mit Wettbewerbern wie Easyjet konkretisieren. Auch darüber hätten wir gerne mit der Vereinigung Cockpit verhandelt - aber eben ohne dafür den dringend notwendigen Konzernumbau zu stoppen.

Eine Machtprobe ist der Streit nicht. Wir wollen nicht gewinnen, sondern der Lufthansa eine Zukunft geben. Die Vereinigung Cockpit muss erkennen, dass die Konzepte aus früheren Jahrzehnten nicht die Lösung für heutige Probleme sind.

Im Moment verdienen wir als Konzern zwar gutes Geld. Aber wir haben auch massiven Rückenwind durch niedrige Kerosinpreise und günstige Währungsentwicklungen. Das sind vorübergehende Faktoren, die auch unseren Wettbewerbern helfen. Deshalb brauchen wir die Reformen mehr denn je.

Ich habe den Krisenstab nach dem Germanwings-Absturz geleitet. Damals gab es eine unglaubliche Solidarität im Unternehmen, es war ein emotionaler Ausnahmezustand und alle waren bereit zu helfen. Das war sensationell und hat gezeigt, was unsere Mitarbeiter mit einem gemeinsamen Ziel leisten können. Fast ein halbes Jahr danach sind wir aber wieder im Alltag angelangt, und in den Tarifgesprächen haben wir leider weiterhin unterschiedliche Ziele."

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