Montag, 18. November 2019

Serie zu Innovationen für Klimaschutz Grüne Baustellen braucht das Land

Drehofen im Cemex-Zementwerk Rüdersdorf bei Berlin

Gleich nach der Stahlindustrie ist die Baubranche einer der größten industriellen Verursacher des Klimawandels. Rund 8 Prozent der globalen CO2-Emissionen gehen auf die Zementproduktion zurück - vor allem, weil der Grundstoff Kalkstein viel Kohlendioxid enthält und in der Verarbeitung freigibt. Und wie beim Stahl gibt es zwar ambitionierte Bekenntnisse der führenden Konzerne, aber keine plausible Perspektive, wie sich der Ausstoß der Treibhausgase rasch drastisch senken lässt, ohne aufs Bauen selbst zu verzichten.

"Beton hat das Potenzial, zum nachhaltigsten Baustoff zu werden", prahlt etwa HeidelbergCement-Chef Bernd Scheifele. Ziel sei, "gemeinsam mit Politik und Gesellschaft bis spätestens 2050 die Vision eines CO2-neutralen Betons zu realisieren".

Doch die Experten des Öko-Instituts, die im Auftrag des Umweltbundesamts europaweit Brancheninsider nach möglichen technologischen Durchbrüchen zum Klimaschutz befragt haben, zeichnen ein düsteres Bild. "Es gibt keine Vision für ein CO2-armes Geschäftsmodell und daher kaum Bereitschaft, Geld in Hochrisikoprojekte zu investieren", heißt es in ihrer Studie. Produktalternativen zur bewährten Produktion von Portland-Zement würden nicht ernstgenommen.

An einer möglichen Lösung wird in Karlsruhe geforscht

Eine dieser Alternativen heißt Celitement, entwickelt am Karlsruher Institut für Technologie. Die Entwickler um den Mineralogen Peter Stemmermann wissen nur von Vorteilen zu berichten: Mit weniger Einsatz von Kalkstein und deutlich geringeren Temperaturen lässt sich die Hälfte an Energie und CO2 sparen, außerdem ist mit dem Ökozement angerührter Beton auch noch beständiger. Die etablierten Drehöfen würden überflüssig, der Zement käme aus einer Art Druckkochtopf. Mit Schwenk hat sich ein etablierter Zementhersteller als Partner gefunden, schon 2011 wurde eine Pilotproduktion in Karlsruhe eingeweiht.

Im industriellen Maßstab wird das Material aber noch lange nicht hergestellt. "Dabei ist es wissenschaftlich längst ausgereift", klagte Stemmermann jüngst dem SPIEGEL. Ein Zementwerk mit eingefahrenem Produktionsprozess lässt sich nicht mal eben so ersetzen. Kein Unternehmen wagt das Risiko allein. "Für verringerte CO2-Emissionen alleine ist bisher niemand bereit zu bezahlen", so Stemmermann.

Etwas weniger CO2 einsparen würden Verfahren, die Zement aus alternativen Stoffen herstellen. An der Polytechnischen Hochschule Lausanne beispielsweise wurde ein Zement auf Basis von kalziniertem Ton entwickelt. Andere forschen an Geopolymeren, Verbindungen aus Gesteinen und Aktivierungslösungen, die teils schon bei Raumtemperatur aushärten. Allerdings ist der Energiebedarf meist noch höher als beim herkömmlichen Portland-Zement.

Wohin mit dem ausgeschiedenen CO2?

Die Lösung aus Sicht der Industrie ist klar: Sie will die bewährte Methode behalten, aber das dabei anfallende CO2 einsammeln und weiterverwerten. Calcium Looping heißt eines der aussichtsreichsten Verfahren, nach dem 94 Prozent weniger CO2 in die Atmosphäre gelangen soll.

HeidelbergCement hat in seinem belgischen Zementwerk Lixhe eine EU-geförderte Pilotanlage eingeweiht, um CO2 abzuscheiden. Doch auch diese Technik wird nach Einschätzung des Öko-Instituts wohl kaum ohne "erhebliche finanzielle Beteiligung der öffentlichen Hand" weiterentwickelt - und hätte dann mit dem Problem zu kämpfen, wo das abgeschiedene CO2 hinkommt.

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