Ukraine-Krieg Weltgrößter Ölhändler will Geschäfte mit Russland einstellen

Wer jetzt noch mit russischem Gas oder Öl Geschäfte macht, versorgt das Putin-Regime weiter mit "Blutgeld", so die ukrainische Lesart. Nun kündigt die Vitol-Gruppe als weltgrößter unabhängiger Öl-Händler an, seine Geschäfte mit Russland einzustellen. Das setzt die Wettbewerber unter Druck.
Rohstoffhändler Vitol: Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz ebenso in der Schweiz wie die Wettbewerber Glencor und Gunvor

Rohstoffhändler Vitol: Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz ebenso in der Schweiz wie die Wettbewerber Glencor und Gunvor

Foto: Denis Balibouse / REUTERS

Rund 850 Millionen Dollar pro Tag zahlen westliche Abnehmer für russisches Öl, Gas und raffinierte Produkte – und finanzieren damit auch Putins mörderischen Krieg gegen die Ukraine. Verständlich, dass Kiew von Staaten und Unternehmen immer wieder einfordert, auf russische Energieträger zu verzichten. Angesichts jüngster Kriegsverbrechen russischer Soldaten in der Ukraine ist der Druck auf europäische Staaten und Unternehmen noch einmal gestiegen.

Was dies bedeuten kann, zeigte sich bereits Anfang März, als ein Shitstorm über den Ölriesen Shell fegte, weil er zu Schnäppchenpreisen russisches Öl geordert hatte. Konzern-Chef Ben van Beurden (63) entschuldigte sich in aller Form und kündigte den schrittweisen und vollständigen Rückzug aus Geschäften mit Russland an.

Dem Ölmulti folgt nun mit Vitol der weltweit größte unabhängige Ölhändler. Das in der Schweiz ansässige Unternehmen (Umsatz 2020: 123 Milliarden Euro) will bis Ende dieses Jahres den Handel mit Rohöl und Öl-Produkten aus Russland gänzlich einstellen, berichtet Bloomberg  unter Berufung auf eine Mail des Unternehmens. Zuvor hatte laut "Financial Times"  mit Oleg Ustenko der Wirtschaftsberater von Präsident Selenskyj die Chefs von Vitol, Trafigura, Glencore und Gunvor schriftlich aufgefordert, ihre Geschäfte mit Russland zu beenden. "Die Händler befinden sich in einem Kreislauf der Finanzierung von Kriegsverbrechen und Völkermord an der ukrainischen Bevölkerung", zitiert die "FT" aus der Mail.

"Die Händler befinden sich in einem Kreislauf der Finanzierung von Kriegsverbrechen und Völkermord"

Oleg Ustenko, Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten

Informationen der Zeitung zufolge haben die genannten Öl- und Rohstoffhändler zwischen Kriegsbeginn und Ende März in russischen Häfen noch 20 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte umgeschlagen. Trafigura (Umsatz 2020: 129 Milliarden Euro) erklärte, es kaufe weniger russisches Öl als vor der Invasion und schließe keinen neuen Öl- und Gasgeschäfte mehr in Russland ab. Auch Glencore (2020: 125 Milliarden) und Gunvor (2020: 44 Milliarden) betonten dem Bericht zufolge, man werde keine neuen Geschäfte entwickeln, sei aber gesetzlich verpflichtet, bestehende Handelsverträge zu erfüllen, die nicht von Sanktionen betroffen sind. Welches Volumen diese Verträge haben, erklärten die Händler nicht.

Tatsächlich unterliegt russisches ÖL und Gas nicht direkt den EU-Sanktionen, doch verblasst dieses ohnehin schwache Argument angesichts des mörderischen Treibens russischer Truppen in der Ukraine. Wohl auch deshalb sanktionieren sich Raffinerien, Versicherer, Banken und Schifffahrtsunternehmen zusehends selbst, da sie das Risiko eines möglichen Verstoßes gegen Sanktionen oder eines Imageschadens fürchten.

So haben viele europäische Banken die Finanzierung des Handels mit russischen Rohstoffen eingeschränkt, sehen sich die großen Ölkonzerne wie BP, Shell und ExxonMobil durch Aktionäre und Regierung derart unter Druck gesetzt, dass sie nun ihre Beteiligungen und Geschäfte in Russland aufgeben wollen. Selbst bei Raffinerien in Indien, das weder von russischen Waffenlieferungen noch von russischem Öl lassen will, wächst das Unbehagen bei Geschäften mit Russland, berichtet Bloomberg.

Nur wenige Staaten haben einen Importstopp verhängt

Auf staatlicher Seite, so scheint es, sind die meisten Regierungen noch weit von einem Importstopp entfernt. Zwar haben die USA ein Verbot für russische Energieträger verhängt, doch sind sie auch nicht so abhängig davon wie viele Staaten in Europa. Die baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauen importieren seit Anfang April kein russisches Gas mehr, Großbritannien will zum Jahresende auf russisches Öl verzichten, der Rest Europas jedoch tut sich schwer mit diesem Schritt.

Insbesondere die Bundesregierung sträubt sich angesichts der großen Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas. Eine über viele Jahre gewachsene und fatale Abhängigkeit, wie sich jetzt zeigt: Die fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute warnten erst am Mittwoch vor einer schweren Rezession und rasant steigenden Preisen, sollte abrupt kein russisches Gas mehr nach Deutschland fließen.

rei