Zur Ausgabe
Artikel 31 / 42
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Mittelständler Wolf Die goldene Wette mit der Wärmepumpe

Der Heizungshersteller Wolf setzte früh auf Wärmepumpen. Das hat sich bewährt: Seit die Technik boomt, verzehnfachte sich die Bewertung des Unternehmens – Übernahme inklusive.
aus manager magazin 10/2022
Visionär: Gerdewan Jacobs ist bei Wolf der technische Vater der Wärmepumpen

Visionär: Gerdewan Jacobs ist bei Wolf der technische Vater der Wärmepumpen

Foto: Lara Freiburger für manager magazin

Dieser Artikel gehört zum Angebot von manager-magazin+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Sägen kreischen, Gabelstapler fahren durch die Gänge, es ist laut und trubelig im Mainburger Werk des Heizungs­herstellers Wolf. Geschäftsführer Thomas Kneip (50) und Cheftechniker Gerdewan Jacobs (51) fallen auf in ihren Anzügen. Sie eilen durch die Halle, die 20 jungen Erwachsenen, die an diesem 1. September ihre Ausbildung beginnen, grüßen sie nur kurz. Sie wollen weiter in ihr Allerheiligstes: die Wärmepumpenproduktion. Gerade erst haben sie eine neue Linie in Betrieb genommen.

"2025 wollen wir fast zehnmal so viele Wärmepumpen bauen wie 2021", verspricht Kneip. Im laufenden Jahr steigert er die Produktion bereits um zwei Drittel; für 2023 steht eine weitere Verdopplung im Plan. Die Auszubildenden kann er sehr gut gebrauchen in den nächsten Jahren. "Das ist das spannendste Marktumfeld, das ich in meinem Berufsleben erlebt habe", sagt er.

Wie spannend es wirklich ist, wird erst zwei Wochen später klar: Übernahme. Die deutlich größere Ariston Group kauft die Sparte Climate Systems der Wolf-Mutter Centrotec. Der niederbayrische Mittelständler arbeitet künftig neben den Ariston-Marken Elco und Atag, steigt auf in eine neue Liga. Gemeinsam kommen die drei auf geschätzt gut eine Milliarde Euro Umsatz, Wolf allein liegt bei 530 Millionen. "Einen ganz anderen Hebel", die in einem rasant wachsenden Markt notwendigen Investitionen zu tätigen, erhofft sich einer der Beteiligten.

Es ist der klassische Weg: Innova­tiver Mittelständler tüftelt über viele Jahre an neuer Technologie; stößt an Wachstumsgrenzen, als der Markt abhebt; größerer Konkurrent sieht das Potenzial und übernimmt.

Und in der Tat ist der Markt für Wärmepumpen in Bewegung wie nie zuvor. Es geht – so scheint es – einfach nur steil und stetig bergauf. Während 2019 in Deutschland lediglich 86.000 Wärmepumpen abgesetzt wurden, waren es 2021 schon 154.000. Spätestens seit der Gaspreis in der Folge des russischen Angriffs auf die Ukraine immer neue Höchststände erreicht, ist die "Wärmepumpe" Teil des routinierten Partytalks. Der Verband der Wärmepumpenhersteller hält in diesem Jahr schon die Steigerung auf 200.000 für möglich. Die Nachfrage ist so groß, dass die Kunden schon mal länger als ein Jahr auf ihre Lieferung warten müssen.

Für Volker Breisig, Partner bei der Beratung PwC, beginnt der Boom erst. "Den gut aufgestellten Herstellern stehen goldene Zeiten bevor", sagt er. Langfristig seien Wärmepumpen die einzige Möglichkeit, mit der Deutschland seine Klimaziele im Gebäudesektor erreichen könne.

Auch die Bundesregierung hat die Technologie entdeckt. (Fast) alles, was dabei hilft, Gas ein­zusparen, wird gefördert in diesen Tagen. Wirtschaftsminister Robert Habeck (53; Grüne) und Bauministerin Klara Geywitz (46; SPD) luden Ende Juni zum Wärmepumpengipfel. Branchenverbände, Unternehmen und Politik setzten sich das Ziel, ab 2024 jedes Jahr 500.000 Anlagen einzubauen (siehe Grafik oben). Die Nachfrage werde eher bei einer Million Pumpen liegen, machte Habeck Hoffnung.

Große Ziele: Wirtschaftsminister Robert Habeck und Bauministerin Klara Geywitz (r.) verkünden die Vereinbarungen des Wärmepumpengipfels

Große Ziele: Wirtschaftsminister Robert Habeck und Bauministerin Klara Geywitz (r.) verkünden die Vereinbarungen des Wärmepumpengipfels

Foto: https://youtu.be/SEdfeEzuewY

Wolf ist Krisengewinner

Während sich der Rest der deutschen Industrie um die Zukunft sorgt, zählen Kneip und Jacobs zu den Krisengewinnern. Sie gehören zu den Pionieren im Wärmepumpenmarkt, diesen Vorteil wollen die Niederbayern nun mithilfe der neuen Größe, ausspielen. Auch die fusionierte Firma spielt nicht auf einer Höhe mit Bosch oder Viessmann, den ganz Großen im Heizungsbusiness. Sie rückt aber näher heran.

Wolf beschäftigt aktuell etwa 2100 Menschen. Um gegen die Größten zu bestehen, mussten die Niederbayern immer wieder innovativ ihre Nische im Markt finden. Als Deutschland etwa 2020 plötzlich über die schlechte Lüftungssituation in Klassen­räumen debattierte, entwickelte Wolf innerhalb von zwei Monaten einen Raumlüfter.

Die erste Wärmepumpe aus Mainburg kam 2010 auf den Markt. Der technische Vater, schon damals: Gerdewan Jacobs.

Der Technikchef spricht ein weiches Deutsch mit niederländischem Einschlag; 2003 war der Ingenieur zu Wolf nach Deutschland gewechselt, als eine Art Entwicklungshelfer. Wolf schrieb kurz zuvor noch rote Zahlen, konnte es sich nicht leisten, viel Geld in Produkte zu investieren, die am Ende floppen würden. "Wir mussten jede Wette gewinnen", sagt Jacobs.

Der nächste Coup – Propan als Kühlmittel

Jacobs setzte auf Wärmepumpen mit Propantechnik. Er hatte nach seinem Studium in Eindhoven selbst Heizungsgeräte entwickelt und dabei unter anderem mit Propan experimentiert. Im Vergleich zu herkömmlichen Kältemitteln ist Propan um den Faktor 700 klimafreundlicher, aber auch hochexplosiv und schwer zu kontrollieren.

Als die Firma 2010 die erste Wärmepumpe ins Sortiment genommen hatte, noch ohne Propan, stagnierte der Markt zunächst bis 2016. Nach und nach erst entdeckte die Politik das Thema und legte Förderprogramme für den Einbau auf.

Der endgültige Durchbruch für Wolf kam 2019. Endlich stellte der Mittelständler die erste Wärmepumpe mit Propan vor; Jacobs und seine Techniker gehörten zu den Ersten im Markt. Ihr Ansatz zählt weiter zu den wenigen, die nach EU-Regeln langfristig eingesetzt werden dürfen.

Als zwei Jahre später auf der ISH in Frankfurt am Main, der Leitmesse der Branche, auch die ersten Big Player solche Anlagen präsentierten, wusste Jacobs: Wolf hat die Wette gewonnen.

Noch heute ist die Wärmepumpe nicht Heizungstechnik Nummer eins in Deutschland. Während derzeit in fast der Hälfte der Neubauten eine Wärmepumpe heizt, sind es im Gesamtbestand gerade einmal 3 Prozent. Es ist ein bisschen wie bei Elektroauto und Verbrenner. Transformation braucht ihre Zeit.

Selbst Wolf verkauft noch deutlich mehr Gasheizungen als Wärmepumpen. Beim Umsatz sind die teureren Wärmepumpen aber schon fast gleichauf, und bei der Stückzahl sollen sie in den nächsten drei bis vier Jahren ebenfalls überholen. Die Produktion wird ausgebaut; Wolf-Chef Kneip rief vergangenes Jahr den "Heat-Pump-Booster" aus – die dritte Impfung für alle in der Wärmepumpenproduktion.

Thomas Kneip ist der Mann für die Strategie. Der Kaufmann beriet acht Jahre für McKinsey, bevor er über die Autobranche zur Wolf-Mutter Centrotec kam; dort sitzt er – noch bis zum Closing des Verkaufs – ebenfalls im Vorstand. "90 Prozent meiner Zeit war ich schon lange hier bei Wolf", sagt er. Sein Booster hat bei den Zahlen gewirkt. 2021 steigerte Centrotec die operative Umsatzrendite (Ebit) auf 9,6 Prozent, nach 6,8 Prozent im Vorjahr. Der jetzt an Ariston verkaufte Bereich Climate Systems, er besteht fast komplett aus Wolf, brachte es auf mehr als 10 Prozent.

Eigentümer Krass legt mit der Jacht ab

Für Guido Krass (65), den Gründer und Haupteigentümer von Centrotec, ist die Übernahme von Wolf spätestens jetzt die beste Investition seines Lebens. Für geschätzte 80 Millionen Euro hat er die Wolf-Gruppe 2006 gekauft. Jetzt gibt er Climate Systems zu einer Bewertung von rund einer Milliarde Euro ab, 700 Millionen Euro davon fließen als Cash, der Rest in Ariston-Aktien.

Und Centrotec gehört weiter zu 67 Prozent Guido Krass. manager magazin schätzt sein Vermögen auf rund 600 Millionen Euro, der promovierte Wirtschaftsjurist gehört zu den 500 reichsten Deutschen. Krass gründete Centrotec Anfang der 80er Jahre als Kunststoffhersteller. Um die Jahrtausendwende schichtete er um, investierte nach und nach in Unternehmen, die Geld mit Nachhaltigkeit verdienen – unter anderem eben auch Wolf.

Als er Centrotec 2021 von der Börse nahm, lag der Wert noch bei 100 Millionen Euro – der Markt nahm das Potenzial der neuen Wärmepumpengeneration noch nicht wahr. Es sei einfach zu "anstrengend", die Transparenzregeln bei einer Börsennotierung einzuhalten, erläuterte Krass seinen Schritt damals. Lieber wolle er "etwas unternehmen".

Was er da unternehmen wollte, ist jetzt klar. Den Deal seines Lebens klarziehen. Den Wert von Centrotec in weniger als zwei Jahren verzehnfachen. Etwa seit Beginn des Jahres liefen die Verhandlungen; "so etwas geht nicht in zwei Monaten", sagt Kneip.

Großaktionär Krass dürfte eine Sonderdividende gut gebrauchen können. Seit einigen Jahren hat der Firmengründer ein neues Hobby – und gleichzeitig Business. In Australien baut er zusammen mit dem norwegischen Stardesigner Espen Oeino (60) Superjachten. Seine neueste Jacht heißt "Bold". Experten schätzen sie auf 100 Millionen Euro. Wer das nötige Kleingeld hat, kann sie für 875.000 Euro pro Woche chartern .

Mit einem Verbrauch von 371 Litern Treibstoff pro Stunde ist sie allerdings nicht ganz so nachhaltig wie die Wärmepumpe; und von der verabschiedet sich Krass auch noch nicht ganz. Centrotec hält künftig 11 Prozent der Ariston-Anteile, Guido Krass rückt in den Aufsichtsrat ein.

Der Boom dürfte seinen Höhe­punkt schließlich noch nicht erreicht haben. Spätestens mit der Explosion der Gaspreise hat auf dem Wärmepumpenmarkt ein gewaltiger und zunächst einmal teurer Wettlauf begonnen. Alle Hersteller versuchen gerade, ihre Produktion massiv auszubauen. Alles muss schnell gehen.

Noch wird das Rennen gebremst durch die Lieferschwierigkeiten bei Vorprodukten. Aber das wird nicht ewig dauern, und auch die Ariston-Gruppe aus Wolf, Elco und Atag wird im großen Stil investieren müssen, wenn sie es mit anderen großen Wettbewerbern aufnehmen will. Stiebel Eltron etwa will 600 Millionen Euro investieren – bei einem Jahresumsatz von 830 Millionen Euro.

Ein zweistelliger Millionen­betrag soll allein bei Wolf in Kundenservice, Produktion und die Weiterbildung der Fachhandwerker fließen. Wie viel genau, wollen Jacobs und Kneip nicht sagen; die Kampfansage kommt indirekt: "Wir sind ein bodenständiges Unternehmen und möchten nicht angeben."

Doch bei allen Herausforderungen, die der Wettlauf bringen wird, ist den beiden Männern eins klar: Es mag künftig Kulturprobleme mit den Partnern geben, auch die erhofften Synergien von 20 bis 25 Millionen Euro sind keine Selbstverständlichkeit. Aber in der neuen Konstellation sind die Chancen größer denn je, in die Spitzengruppe vorzustoßen.

"Die Karten werden gerade neu gemischt", sagt Jacobs. In fünf Jahren soll Wolf zu den größten Wärmepumpenherstellern gehören. "Wir wollen in der Champions League vorn mitspielen", fasst Jacobs zusammen. Das heißt auch: gemeinsam mit den neuen Kollegen in ganz Europa.

Die Technik und das Selbstbewusstsein jedenfalls sollten sie haben.

Zur Ausgabe
Artikel 31 / 42
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.