Mittwoch, 13. November 2019

Informant als "Krebsgeschwür" bezichtigt Vale-Chef schlug Warnung vor Dammbruch in den Wind

Ex-Vale-Chef Fabio Schvartsman (im Februar vor einem Untersuchungsausschuss des brasilianischen Parlaments)

Das schwerste Bergwerksunglück der vergangenen 50 Jahre mit 270 Toten hätte verhindert werden können, wenn der brasilianische Eisenerzkonzern Vale sein Werk in Brumadinho vor dem Dammbruch im Januar gestoppt hätte. Laut einem Bericht des "Wall Street Journal" erhielt der Vorstand nur zwei Wochen zuvor eine Warnung - behandelte diese jedoch als lästige Störung.

Das Blatt zitiert aus Protokollen der brasilianischen Polizei, die den im Februar zurückgetretenen Vale-Chef Fabio Schvartsman befragt hatte. Demnach ging am 9. Januar 2019 eine anonyme Mail mit der Betreffzeile "Die Wahrheit" an Schvartsman, den heutigen Chef Eduardo Bartolomeo und andere Manager.

"Wir stehen vor großen Herausforderungen, unseren Betrieben fehlt es am Minimum angemessener Investitionen, uns fehlt Personal in Betrieb, Wartung und Konstruktion und es wird schlecht bezahlt... Die Geräte zerbrechen, die Dämme sind am Limit", heißt es darin.

Dem Bericht zufolge reagierte Schvartsman darauf, indem er seine Kollegen anwies, den Urheber herauszufinden. Er wolle ihm "Auge in Auge gegenüberstehen". Demnach sah der Manager in dem Whistleblower ein "Krebsgeschwür". Die Mail sei nicht in der Absicht geschrieben worden, echte Probleme aufzudecken, sondern die von Schvartsman betriebene Reform der Konzernstruktur zu hintertreiben.

Am 25. Januar jedoch brach tatsächlich ein Damm und ließ eine tödliche Schlammlawine über die darunter liegende Pausenhalle und das anschließende Tal hereinbrechen.

Die Prüfer vom Tüv Süd wurden bereits bezichtigt, die Sicherheit des Damms ebenso wie anderer Anlagen von Vale noch kurz vor der Katastrophe wider besseres Wissen zertifiziert zu haben. Auch einfache Angestellte des weltgrößten Eisenerzproduzenten stehen unter Anklage. Der Konzernführung selbst konnte bislang keine Mitwisserschaft nachgewiesen werden.

Sowohl Vale als auch Schvartsmans Anwalt verweisen darauf, dass die nun enthüllte Mail keine konkreten Belege zu Brumadinho enthalten habe. Keineswegs habe eine Kultur der Vergeltung gegenüber Informanten geherrscht.

Schvartsman war erst 2017 als Aufräumer zu Vale gekommen. "Nie wieder Mariana", hatte er als Losung ausgegeben - unter Verweis auf ein ähnliches Bergwerksunglück im Jahr 2015, als ebenfalls der Damm eines Rückhaltebeckens gebrochen war. Damals starben 19 Menschen und eines der größten brasilianisches Flusssysteme wurde mit giftigen Schwermetallen verseucht.

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