Ukraine-Krieg Gestörte Lieferketten – wo jetzt Engpässe drohen

Schon Corona sorgte für Probleme bei den weltweiten Lieferketten. Durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine drohen nun massive Ausfälle. In Deutschland stehen vor allem die Chemie-, die Pharma- und die Autoindustrie vor logistischen Problemen.
Nach dem Chipmangel droht nun eine Sanktionskrise: Autoproduktion in Zwickau

Nach dem Chipmangel droht nun eine Sanktionskrise: Autoproduktion in Zwickau

Foto: MATTHIAS RIETSCHEL / REUTERS

Die Ukraine-Krise trifft die Wirtschaft mitten in der Erholung von der Covid-19-Pandemie. Nun drohen neben Problemen in der Energieversorgung auch steigende Preise für Rohstoffe und Produkte – verbunden mit einer weitreichenden Störung der Lieferketten. So betrug das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Russland im vergangenen Jahr rund 60 Milliarden Euro, vor allem wurden Fahrzeuge und Maschinen gehandelt, Deutschland importierte auch große Mengen an Metallen und Kohle. Doch nun liegt der Handel brach und es fallen zudem wichtige Transportwege aus – viele für die Industrie wichtige Teilprodukte erreichen verspätet oder gar nicht mehr ihr Ziel.

Sperrung des Luftraums verursacht Probleme

Nach dem Beschluss, den Luftraum der Europäischen Union für russische Flieger komplett zu schließen, fallen in der Luftfracht nicht nur alle russischen Gesellschaften aus, auch die westlichen Airlines können im Gegenzug laut russischer Luftfahrtbehörde Rosawiazija den Luftraum über dem flächengrößten Land der Erde nicht mehr nutzen. Das bedeutet eine deutlich längere Flugzeit nach China, Japan oder Südkorea. Zudem sinkt deshalb auch die jeweilige Frachtmenge – laut Angaben von Lufthansa Cargo um ein Fünftel.

Die Schifffahrt ist weniger betroffen

Etwas entspannter ist die Lage in der Schifffahrt. Diese ist von dem Krieg weniger berührt, da die großen Handelsströme sich auf Routen weit entfernt von dem Konflikt bewegen. Trotzdem wird beispielsweise im Hamburger Hafen mit nachhaltigen Auswirkungen auf den Güterumschlag gerechnet. So ist auch dort der Handelsverkehr mit Russland schon zum Erliegen gekommen, viele Reedereien haben Buchungsstopps für Transporte nach Russland verhängt.

Kein Güterverkehr über die Eiserne Seidenstraße

Große Erwartungen steckten in der sogenannten Eisernen Seidenstraße, eine 11.000 Kilometer lange Schienenverbindung für den Güterverkehr zwischen China und Europa. Dieses Infrastrukturprojekt der chinesischen Regierung sollte sich zu einer Alternative für den Transport über die Weltmeere entwickeln und fällt nun vorerst weg, da der größte Teil der Strecke auf russischem Gebiet liegt. Besonders die chemische Industrie hatte hier auf diese Möglichkeit gesetzt. Im Duisburger Hafen sollte in Kürze mit dem Bau des größten Hinterland-Terminals Europas begonnen werden – mit der Möglichkeit, nach Fertigstellung bis zu 100 Güterzüge wöchentlich aus China abzufertigen.

Größere Engpässe bei kritischen Rohstoffen

Erste Lieferengpässe zeichnen sich nur wenige Tage nach Kriegsbeginn bereits beim Import von Rohmetallen und metallhaltigen Vorstoffen ab, warnte am Dienstag Industriepräsident Siegfried Russwurm (58). Weiteren Mangel sieht er unter anderem bei den kritischen Rohstoffen, beispielsweise im Bereich der Elektromobilität.

Autoindustrie vor großen Problemen

Während bei Volkswagen an den Produktionsstandorten in Zwickau und Dresden bereits an mehreren Tagen in der Woche nicht mehr gearbeitet werden kann – hier fehlen in der Ukraine hergestellte Kabelbäume – könnte sich für die Branche auch der Ausfall von Palladium-Lieferungen als Problem erweisen. Dieses wird für den Bau von Katalysatoren benötigt, rund 40 Prozent des Weltbedarfs kommt aus Russland, ebenso hoch ist der Anteil bei Titan. Auch der russische Anteil für den Bedarf von Nickel und Platin liegt bei etwa 10 Prozent, dieser Ausfall könnte sich ebenfalls schnell bemerkbar machen. Für die gesamte Autoindustrie gilt, dass die Produktion wegen der starken Vernetzung auf Zulieferebene massiv gestört werden könnte.

Pharmazeutika bleiben am Flughafen liegen

An den Frachtdrehkreuzen wie in Frankfurt am Main ist wegen der Sperrung des Luftraums bereits Ladung liegen geblieben. Das betrifft vor allem die russische Volga-Dnepr-Group, die mit ihrem Tochterunternehmen AirBridgeCargo im vergangenen Jahr mehr als 100.000 Tonnen Fracht zwischen Russland, Europa und den USA umgeschlagen hat. Spezialisiert ist das Unternehmen auf den Transport von Medizinbedarf und Pharmazeutika – auch hier drohen also weltweit Versorgungsengpässe.

Der Preis für Weizen steigt

Ebenso muss bei der Lebensmittelproduktion mit höheren Preisen gerechnet werden. Da Russland und die Ukraine zusammen rund 25 Prozent der globalen Weizenexporte abdecken, drohen Lieferausfälle beim Getreide. Der Preis für Weizen stieg deshalb bereits deutlich an, was Folgen für den Brotpreis haben dürfte. Im Nahrungsmittelbereich könnten sich vor allem die drohenden Ausfälle in der Ukraine bemerkbar machen, denn Nahrungsmittel sind nach Eisen und Stahl das zweitwichtigste Exportgut des Landes.