Tiefseebergbau Die Jagd auf die Schätze im Meer

Mit dem zunehmenden Bedarf an Metallen für Batterien und Solarzellen wird der noch verbotene Tiefseebergbau interessanter. Einige Unternehmen machen sich bereit. Umweltschützer sind hingegen alarmiert: Energiewende ja – aber zu welchem Preis?
Erstes Schiff für das Einsammeln von Manganknollen: Das Schiff Hidden Gem von The Metals Company steht seit September 2021 im Seehafen von Rotterdam

Erstes Schiff für das Einsammeln von Manganknollen: Das Schiff Hidden Gem von The Metals Company steht seit September 2021 im Seehafen von Rotterdam

Foto: Jochen Tack / IMAGO

Auf dem Grund der Meere, in 2.000 bis 6.000 Metern Tiefe liegen die Schätze des 21. Jahrhunderts: Tonnen unerschlossener Metalle in Form sogenannter Manganknollen. Die erdig-braunen bis schwarzen Mineralklumpen, die überwiegend aus Kupfer, Nickel, Kobalt und Zink bestehen, könnten wichtige Rohstoffe für die grüne Transformation der Industrie liefern. Laut Analysten von BBC Research könnten die Ozeanschätze ein Marktvolumen von bis zu 15 Milliarden Dollar haben – und schon bald einen neuen Rohstoffrausch auslösen.

Unternehmen wie The Metals Company aus Kanada oder Allseas aus der Schweiz machen sich schon bereit, die Klumpen aus der Tiefe zu fördern. Doch noch ist der Abbau verboten, seit das Internationale Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen im Jahr 1982 den Tiefseeboden außerhalb der nationalen Hoheitsgebiete und die mineralischen Ressourcen zum "Gemeinsamen Erbe der Menschheit" erklärte. Die Manganknollen dürfen nicht einfach abgebaut werden.

Knollenbeute: Deutsche Wissenschaftler mit geförderten Manganknollen für eine Studie im Jahr 2016

Knollenbeute: Deutsche Wissenschaftler mit geförderten Manganknollen für eine Studie im Jahr 2016

Foto: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe/dpa

Bisher war das auch kein Problem – der Bergbau an Land reichte aus, um den globalen Bedarf an den Metallen zu decken. Doch mit der voranschreitenden Energiewende und der daraus wachsenden Nachfrage nach Metallen für Batterien und Solaranlagen wird der Ozean wieder interessanter. 2017 versuchten einige Staaten und Unternehmen das Regelwerk erneut mit den Vereinten Nationen zu verhandeln. In der Pandemie beruhigte sich die Debatte, doch spätestens seit Beginn des Ukrainekriegs und der Explosion der Rohstoffpreise steigen die Begehrlichkeiten wieder. Die Förderunternehmen und einzelne Regierungen erhöhen nun erneut den Druck auf die von der Uno gegründete Internationale Meeresbehörde (IMB). Mit Erfolg: Sie stellt derzeit in Aussicht, den Tiefseebergbau ab 2023 freizugeben, um an die wichtigen Metalle im Meer zu gelangen.

Für Umweltschützer ist die Vorstellung ein Albtraum: Sie befürchten zerstörerische Auswirkungen auf die Meere und auf bisher unbekannte Ökosysteme, wie Rebecca Zitoun, Wissenschaftlerin am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel berichtet. Bevor mit dem Tiefseebergbau begonnen werde, sei es wichtig zuerst mögliche Folgen genauer zu untersuchen. "Wir Wissenschaftler brauchen noch Zeit und Geld, um zu untersuchen, welche genauen Auswirkungen der Tiefseebergbau auf die Meeresökosysteme haben wird und welche gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Folgeerscheinungen zu erwarten sind", so Zitoun.

Energiewende ja – aber zu welchem Preis?

Bisherige Forschungsergebnisse zeigen, dass diese Schäden enorm sein könnten: Pro 5000 Tonnen abgebauten Manganknollen wird etwa ein Quadratkilometer Meeresboden abgebaut. Das könne zu sogenannten Trübeströmen führen, erklärt Zitoun – einem Strom rasender Wassermengen an Hängen unter Wasser. Der Effekt gleicht einer Lawine, was Meereslebewesen gefährden könnte.

Mögliche langfristige Folgen des Tiefseebergbaus zeigen auch Studien deutscher Ozeanforscher: 1989 starteten sie ein Langzeitexperiment vor der Küste von Peru, um dort die Auswirkungen auf die Biodiversität am Meeresboden zu erkunden. Dafür pflügten sie in einem etwa elf Quadratkilometer großen Gebiet den Meeresboden um. 2019, also 30 Jahre später, waren die Spuren des Eingriffs immer noch zu sehen. "Das harte Substrat der Knollen bildet den Lebensraum vieler Organismen. Sie zu entfernen, bedeutet, diesen Organismen die Lebensgrundlage zu entziehen", sagt Zitoun. Tiefseebergbau bedeute daher einen massiven Eingriff in das Meeresleben. "Wir müssen jetzt herausfinden, ob der Abbau das Risiko wert ist", so die Wissenschaftlerin. Das Dilemma lässt sich auf eine simple Frage verkürzen: Energiewende ja – aber zu welchem Preis?

Schweizer Firma treibt Tiefseebergbau voran

Firmen wie Global Sea Mineral Resources mit Sitz in Belgien, das englische Unternehmen Seabed Resources oder The Metals Company mit Sitz in Kanada erkunden bereits intensiv, ob und wie Manganknollen kommerziell abgebaut werden können. Sie alle wollen zeitnah mit dem Einsammeln der Knollen unter Wasser starten. Und werben damit, dass der Tiefseebergbau eine grüne Alternative zum Bergbau an Land sein könnte. Anders als dort werden keine Löcher gebohrt oder Schächte ausgehoben, sondern mit Robotern die Knollen eingesammelt.

Einer der Vorreiter für die speziell dafür angefertigte Maschinen mit Walzen und Raupenketten ist The Metals Company. Das Unternehmen kam 2021 per SPAC-Börsengang an die amerikanische Tech-Börse Nasdaq. "Unser Sammelfahrzeug stört nur die obersten 5 Zentimeter des Sediments, von denen sich der größte Teil schnell absetzt", so ein Sprecher von The Metals Company. Strategischer Partner und Investor des Unternehmens ist Allseas, ein weltweit führendes Unternehmen im Bereich der Offshore-Technik mit Sitz in der Schweiz. Allseas ist spezialisiert auf die Verlegung von Offshore-Pipelines, den Transport von schweren Gütern und den Bau von Unterseekonstruktionen.

Gemeinsam mit The Metals Company stellte das Unternehmen Ende 2021 das erste, 228 Meter lange Schiff für den Tiefseebergbau vor. Im Hafen Rotterdams befindet sich seit September die "Hidden Gem”, ein ehemaliges Bohrschiff, das in das weltweit erste Schiff zur Sammlung von Manganknollen in der Tiefsee umgerüstet wurde. Noch in diesem Jahr sollen mit dem Schiff erste Test-Expeditionen starten. CEO und Chairman von The Metals Company, Gerard Barron (55), ist zuversichtlich, dass die Hidden Gem noch 2022 erste Knollen aus der Tiefe holen könnte. "Wir werden die Förderung von Rohstoffen revolutionieren", sagte er gegenüber dem Spiegel . Die Investoren allerdings haben Zweifel, wie lukrativ das Geschäft wirklich wird – der Aktienkurs ist um mehr als 90 Prozent gefallen.

Mit The Metals Company haben aktuell insgesamt 18 Unternehmen und Forschungseinrichtungen laut dem Geomar-Institut in Kiel eine Lizenz für erste Erkundungen von Massivsulfiden von der Internationalen Meeresbehörde (IMB) im tropischen Nordost-Pazifik erhalten – neben privaten Firmen versuchen darunter auch einige staatliche Firmen pazifischer Inselstaaten wie von den Cook-Inseln oder Nauru, möglichst bald mit der Rohstoffgewinnung im Meer zu beginnen. Im Juni 2021 stellte Nauru bei der IMB den Antrag, die Genehmigung und die Forschungszeit zu beschleunigen. Bisher dürfen sie mit den Lizenzen nur erste Tests machen, nicht aber bereits mit dem kommerziellen Abbau der Manganknollen beginnen.

BMW spricht sich für Aufschub aus

Es ist ein hochriskantes Geschäft – auch weil völlig unklar ist, wie hoch die Nachfrage nach den umstrittenen Tiefseeschätzen wirklich sein wird. Beispiel BMW: Die massiven Forschungslücken seien bei dem deutschen Autobauer BMW der Grund gewesen, gemeinsam mit der Umweltschutzorganisation WWF eine globale Allianz für ein Moratorium des Tiefseebergbaus ins Leben zu rufen. "Wir wollten aus der Industrie ein Zeichen setzen, dass wir Mineralien erst nutzen können, wenn deren Abbau ausreichend erforscht ist und die Folgen für die Umwelt bekannt sind", sagt Claudia Becker, Expertin für nachhaltiges Lieferkettenmanagement bei BMW. 2020 habe Becker mit dem WWF die ersten Gespräche geführt. Die offizielle Unterzeichnung der globalen Allianz für ein Moratorium des Tiefseebergbaus war 2021. Neben BMW unterstützen Konzerne wie Google, Samsung SDI oder Volvo die Allianz.

Ukraine-Krieg, Pandemiefolgen und Verbrenner-Verbot ab 2035 hätten zwar den Bedarf nach Rohstoffen für Autobatterien verkompliziert und verstärkt, nicht aber die Meinung zu dem Thema verändert. "Unsere Position zum Tiefseebergbau hat sich seither nicht verändert", sagt Becker. Das Unternehmen stehe weiterhin hinter dem geforderten Moratorium.

Wie lange BMW den Aufschub unterstützt, hänge von der benötigten Forschungsdauer ab. "Wir würden Rohstoffe aus der Tiefsee erst nutzen, wenn deren nachhaltiger Abbau möglich ist", sagt Becker. Bisher würden die Rohstoffe an Land für den Bau ihrer Batterien ausreichen. Für das begehrte Kobalt habe BMW zwei Lieferanten aus Marokko und Australien beauftragt. Den Anteil für das silbergraue Metall habe das Unternehmen außerdem auf unter zehn Prozent drücken können.

Gewinnversprechen für Entwicklungsländer

Tim Packeiser, Meeresökologe beim WWF, hofft, mit der Unternehmensinitiative von BMW die Entscheidung über einen etwaigen Start von Tiefseebergbauvorhaben weiter aufzuschieben. "Es ist ein wichtiges Zeichen aus der Wirtschaft, sich für mehr Forschungszeit auszusprechen", sagt er. Möglicherweise könne aber auch ein Aufschub nicht ausreichen. "Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass es einen nachhaltigen Tiefseebergbau geben kann", sagt er. "Die Begriffe Nachhaltigkeit und Tiefseebergbau passen einfach nicht zusammen." Dem stimmt auch Zitoun vom Geomar-Institut in Kiel zu. "Bergbau, ob an Land oder im Meer, ist niemals nachhaltig, da die Erze nie so schnell nachwachsen, wie sie abgebaut werden", so die Wissenschaftlerin.

Packeiser befürchtet, dass einzelne, am Tiefseebergbau interessierte Staaten zunehmend Druck auf wirtschaftlich schwächere Staaten mit Ozeanzugang ausüben könnten. "Entwicklungsländer könnten diesem Druck nachgeben, weil ihnen die Tiefseebergbauer vermeintlich hohe Gewinne versprechen, wenn sie deren Ozeangebiete für den Abbau nutzen dürfen."

Allerdings haben sich Ende Juni auf der Ozeankonferenz der Vereinten Nationen in Lissabon die ersten drei Ozeannationen für einen Aufschub des Tiefseebergbaus ausgesprochen. Europäische Staaten finden sich nicht darunter. Frankreichs Premier Emmanuel Macron (44) kündigte immerhin überraschend an, dass er den Tiefseebergbau derzeit nicht unterstützen würde. Er wagt sich damit wesentlich weiter vor als die G7-Staaten in ihrem Ende Mai veröffentlichten Ocean Deal, in dem strengere Umweltauflagen für den Tiefseebergbau gefordert werden.

Bundesumweltministerin zeigt sich noch zurückhaltend

Und Deutschland? Spielt auf Zeit. "Auf dem Umweltministertreffen der G7-Staaten haben wir uns skeptisch zum Tiefseebergbau positioniert. Ich bin sicher, dass ein Einstieg in den kommerziellen Tiefseebergbau auf lange Sicht nicht in Betracht kommt", so Bundesumweltministerin Steffi Lemke (54) gegenüber dem manager magazin. "Sicherlich haben wir durch zusammenbrechende Lieferketten aufgrund des Ukraine-Krieges in verschiedenen Bereichen Beschaffungsprobleme von Rohstoffen. Die Lösung, um unabhängig von Russland zu werden, kann aber nicht der Tiefseebergbau sein", so die Ministerin. Deutschland könne keinen Tiefseebergbau betreiben, solange erhebliche Wissenslücken über das Ökosystem vorherrschen würden und negative Umweltauswirkungen nicht abschätzbar seien.

Sollte der Tiefseebergbau dennoch kommen, fordern Wissenschaftler, dass jeweils nur ein oder zwei der Unternehmen gleichzeitig in Betrieb sind. Sollten alle 18 Lizenzinhaber gleichzeitig arbeiten dürfen, könnte das nicht nur Staubfahnen unter Wasser hochwirbeln, sondern auch zu extremen Lärmstörungen unter Wasser führen, wie eine Studie zeigt. Der Lärm könnte Lebewesen in einem Gebiet von mehr als fünf Millionen Quadratkilometern Probleme bereiten – einer Fläche, die größer ist als die Europäische Union.

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