Arvid Kaiser

ThyssenKrupps teurer Schlussstrich in Brasilien Das dümmste Investment der deutschen Industriegeschichte

ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger: Schlussrechnung über acht Milliarden Euro

ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger: Schlussrechnung über acht Milliarden Euro

Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa

Die Aktionäre von ThyssenKrupp feiern mit ihrem Chef. Heinrich Hiesinger kann einen "weiteren Meilenstein bei der strategischen Weiterentwicklung" verkünden. Mit dem Verkauf des brasilianischen Stahlwerks "beendet ThyssenKrupp das verlustreiche Amerika-Kapitel", wie der Konzern selbst mitteilt. "Dieses Konzept ist nicht aufgegangen", wird der 2005 von Hiesingers Vorgänger Ekkehard Schulz gefasste Plan abschließend kommentiert.

Das Urteil ist so schonungslos wie zweifelsfrei richtig. Zwölf Milliarden Euro Baukosten und Anlaufverluste hat der Konzern in Amerika verbucht - locker die teuerste Fehlinvestition der deutschen Industriegeschichte. Dass nach Verkaufserlösen und Abschreibungen unterm Strich nur ein Minus von acht Milliarden bleiben soll, klingt fast schon wieder nach einem Erfolg.

Vor allem aber ist es ein Schlussstrich. Nichts wie raus aus diesem Abenteuer, heißt die annähernd panische Devise bei ThyssenKrupp (Kurswerte anzeigen). Runter mit den Schulden, damit die margenstärkeren Geschäfte wie Anlagenbau oder Aufzüge nicht weiter unter der Stahlmisere leiden.

Der nächste Schritt ist klar: Nach Steel Americas soll sich auch Steel Europe aus der Bilanz verabschieden, die Fusionsverhandlungen mit Tata sind kein Geheimnis. Damit würde sich der Ruhr-Konzern von seinen Wurzeln trennen und den Kern seiner Belegschaft vergraulen, aber betriebswirtschaftlich ist die Logik kaum von der Hand zu weisen.

Die Lage der Stahlbranche ist trostlos. Das Metall bleibt zwar unser wichtigster Werkstoff für Häuser, Autos und allerlei Geräte, es gibt aber schlicht zu viel davon. Weltweit sind die Kapazitäten der Industrie nur zu zwei Dritteln ausgelastet, eine echte Marktbereinigung und damit ein Ende der Krise sind nicht in Sicht. In dieser Lage in dem kapitalintensiven Geschäft noch auskömmlich Geld zu verdienen, ist eine hohe Kunst - und verlangt Nerven aus Stahl. Die hat ThyssenKrupp nicht.

Lange genug durchgehalten, bis das Werk für andere attraktiv ist

So erleichternd Hiesingers harter Schnitt in Brasilien für Aktionäre und Gläubiger des Konzerns auch sein mag - er schließt für alle Zeiten aus, dass das Minus von acht Milliarden Euro sich vielleicht doch noch mindern ließe.

Andere wagen durchaus das Risiko, sich ausgerechnet jetzt noch ein Stahlwerk ans Bein zu binden. Der italienisch-argentinische Familienkonzern Techint lässt seine Stahlschmiede Ternium 1,5 Milliarden Euro für ThyssenKrupps Problemwerk bei Rio bezahlen - wohl nicht aus Mitleid. Die Investition in die moderne Anlage erscheint dem in Lateinamerika versierten Unternehmen jetzt, auf dem Tiefpunkt des Marktes, attraktiv.

ThyssenKrupp hat auch fleißig dafür gesorgt. Laut Hiesingers Auskunft "ist es uns gelungen, das Werk wie versprochen operativ in die schwarzen Zahlen zu führen". Bescheidene 104 Millionen Gewinn vor Zinsen und Steuern meldete die Sparte für das vergangene halbe Jahr. Auch die Betriebsgenehmigung des ökologisch bedenklichen Kolosses im früheren Mangrovensumpf liegt seit September 2016 endlich vor.

Sehr brav. ThyssenKrupp ist gerade lange genug an Bord geblieben, bis der Betrieb läuft und alle Anfangskosten zu seinen Lasten abgehakt sind. Dauerhaft schwarze Zahlen vorauszusagen, wäre immer noch gewagt. Aber die Misere von 2017 kann auch als Spiegelbild der Euphorie von 2005 gesehen werden: So eindeutig verkehrt der Bau heute erscheint, so eindeutig lohnend erschien er damals inmitten des wachsenden Rohstoffhungers der aufstrebenden Schwellenländer.

Es ist ein Schweinezyklus, aber mit gewaltigem Einsatz. Die mehreren Milliarden Euro, die ein Stahlwerk kostet, können sich nur über mehrere Jahrzehnte amortisieren. Wenn eine solche Investition überhaupt eine Chance haben soll, muss sie auch durchgehalten werden. Aber diese Kapazität hat auch der Primus der deutschen Schwerindustrie nicht mehr.

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