Stahlsparte NRW bestätigt Gespräche über Staatsbeteiligung an Thyssenkrupp

Der Industriekonzern Thyssenkrupp verhandelt mit der Bundesregierung über Hilfen für seine kriselnde Stahlsparte. Es geht um mindestens fünf Milliarden Euro.
Stahl so schön wie Gold: Die Bundesregierung will helfen

Stahl so schön wie Gold: Die Bundesregierung will helfen

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Die Thyssenkrupp AG  befindet sich in Gesprächen mit der Bundesregierung über ein Hilfspaket für ihre Stahlsparte, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg  berichtet. Demnach solle die angeschlagene Sparte mit mindestens fünf Milliarden Euro gestützt werden. Diese Summe wäre fast doppelt so hoch wie die derzeitige Marktkapitalisierung des gesamten Konzerns.

Die Regierung habe bereits ihre Bereitschaft zur finanziellen Unterstützung signalisiert, auch um die künftige Inlandsproduktion von umweltfreundlichem Stahl sicherzustellen, berichtet Bloomberg weiter.

Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz (57) steht bereits seit Längerem im Austausch mit dem Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium Ulrich Nußbaum (63) und seinem Kollegen Jörg Kukies  (52) im Finanzministerium. Regelmäßig lässt sich Nußbaum von Merz über die schwierige Lage bei Thyssenkrupp Steel Europe unterrichten. Offenbar ist er nach anfänglichem Zögern inzwischen bereit, über direkte Überbrückungshilfen nachzudenken, möglicherweise sogar über eine zeitlich begrenzte Staatsbeteiligung bei Thyssenkrupp Stahl - wie sie die IG Metall fordert.

Thyssenkrupp muss neue Geschäftsperspektive vorweisen

Ein Staatseinstieg wäre allerdings an die Bedingung geknüpft, dass Thyssenkrupp sich mit einem anderen europäischen Stahlhersteller zusammenschließt und eine sichere Geschäftsperspektive vorweisen kann. Berlin will sich keine zweite Dauerlast wie die Commerzbank aufhalsen.

Während laut Bloomberg eine breite Palette von Beihilfen diskutiert werde, prüfen der Stahlhersteller und Politiker die Unterstützung mit liquiden Mitteln in Form eines staatlichen Fonds in Höhe von etwa zwei Milliarden Euro und zusätzliche Förderungen in Höhe von mindestens drei Milliarden Euro. Die Summen könnten sich aber noch deutlich ändern.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat die Gespräche mit dem Konzern mittlerweile bestätigt. Erst vor Kurzem hatte Ministerpräsident Armin Laschet (59, CDU) die Bedeutung des Konzerns für die Region erneut betont: "Thyssenkrupp gehört zur DNA von Nordrhein-Westfalen, Stahl ist systemrelevant." Laschet will sich allerdings derzeit nicht offen als Staatskapitalist positionieren, um seinem Konkurrenten um den Vorsitz der CDU Friedrich Merz (64) keine offene Flanke zu bieten.

Die SPD in NRW will nun offenbar durch eine Entscheidung des Landtags den Einstieg des Staates bei der Stahlsparte herbeiführen, wie die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" am Dienstag berichtet. Nach dem Willen der Fraktion solle das Parlament die Landesregierung auffordern, mindestens 25 Prozent der Anteile an Thyssenkrupps Stahlsparte zu erwerben. Am 13. November wolle die sozialdemokratische Fraktion einen entsprechenden Antrag einreichen, so die "WAZ" weiter. Für den 11. Dezember sei ein virtuelles Spitzengespräch zwischen Politik und den Chefs der deutschen Stahlkonzerne zur Stahlkrise geplant.

Hoffen auf den Wirtschaftsstabilisierungsfonds

Die Aktie reagierte kaum auf die Berichte über die möglichen Staatshilfen, bis zum Mittag legte sie um 0,2 Prozent leicht auf knapp 5 Euro zu.

Thyssenkrupp Stahl hat außerdem ein Übernahmeangebot des britischen Konkurrenten Liberty Steel vorliegen. Dies trifft bei der IG Metall auf Ablehnung, aber Martina Merz hält sich alle Optionen für die schwächelnde Sparte offen. In der kommenden Woche will der Konzern die Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr 2019/20 vorlegen, welches die Stahlsparte voraussichtlich mit tiefroten Zahlen abgeschlossen hat. Es ist damit zu rechnen, dass die Sparte mindestens 1 Milliarde Euro Cash im abgeschlossenen Geschäftsjahr verbrannt hat.

Die Corona-Pandemie hat die tief greifenden Probleme des Traditionskonzerns, der mehr als 100.000 Mitarbeitende beschäftigt, noch verschärft. So befände sich Thyssenkrupp auch in Gesprächen mit dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) der Regierung, der Anfang dieses Jahres eingerichtet wurde, um Unternehmen vor einer durch Pandemien verursachten Liquiditätskrise zu retten, berichtet Bloomberg.

An den komplexen Gesprächen sei Thyssenkrupps Heimatstaat Nordrhein-Westfalen ebenso beteiligt, wie Bloomberg bestätigte. Die Stahlsparte beschäftigt rund 27.000 Mitarbeiter, viele davon im Ruhrgebiet. Deutschlands bevölkerungsreichstes Bundesland will durch die Förderung einer umweltfreundlicheren Produktion Arbeitsplätze erhalten. Dass Thyssenkrupps Stahlwerk bereits vor der Pandemie unrentabel war, dürfte die Genehmigung von WSF-Geldern durch die Europäischen Kommission allerdings erschweren.

cs/tw/Reuters
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