Milliardenplan mit Wasserstoff Grüner Stahl als Rettung - Thyssenkrupp hofft auf den starken Staat

Duisburg wird zum Testfall für den Klimaschutz und die deutsche Industriepolitik. Thyssenkrupp präsentiert einen Milliardenplan für CO2-freie Stahlproduktion – und wirft sich in die offenen Arme des Staats.
Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (Bildmitte) posiert mit NRW-Regierungschef Armin Laschet (r.) und einer Mini-Stahlbramme aus dem neuen Produktionsverfahren.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (Bildmitte) posiert mit NRW-Regierungschef Armin Laschet (r.) und einer Mini-Stahlbramme aus dem neuen Produktionsverfahren.

Foto: Jonas Güttler / dpa

Der größte deutsche Stahlkonzern Thyssenkrupp drückt bei der Umsetzung seiner Pläne für eine umweltschonendere Produktion aufs Tempo. Das Unternehmen stellte am Freitag in Duisburg Pläne für den Bau einer Anlage vor, die mit Hilfe von Wasserstoff und erneuerbarer Energie Stahl CO2-neutral produzieren soll. "Der Hebel zum Klimaschutz ist fast nirgends so groß wie beim Stahl", betonte Vorstandschefin Martina Merz (57). Dies werde viel Geld kosten, was der Konzern nicht alleine stemmen könne. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (62) sagte Unterstützung zu. "Stahl ist eine Schlüsselindustrie", erklärte der CDU-Politiker.

Auf einem Werksparkplatz zwischen Kohlebergen und abgestellten Stahlbrammen präsentierte der Konzern die Pläne für einen neuartigen Hochofen, in dem Stahl mit Wasserstoff aus erneuerbaren Energien statt mit Kohle erzeugt werden soll. Staat CO2 würde nur noch Wasserdampf aus der "Direktreduktionsanlage mit Einschmelzer" entweichen. In Betrieb gehen soll der Hochofen 2025 und ab 2030 etwa 3 Millionen Tonnen Stahl im Jahr liefern, ein gutes Viertel der bisherigen Jahresproduktion in Duisburg. Laut Merz sorgt allein dieser Standort für 2 Prozent des deutschen Ausstoßes von CO2.

Die Kosten für den Bau einer solchen Anlage mit einer Kapazität von rund einer Million Tonnen werden auf rund eine Milliarde Euro geschätzt – Geld, das Thyssenkrupp nach jahrelangem Niedergang nur schwer aufbringen könnte. "Wir sind uns mit der Politik einig, dass kein Unternehmen die Transformation alleine stemmen kann. Es braucht anfangs geeignete Förder- und Anreizinstrumente", betonte Merz. Und erhielt umgehend Hilfe vom Wirtschaftsminister.

Altmaier will in Brüssel für Staatshilfe werben

Altmaier kündigte an, sich auch bei der EU für Staatshilfen einzusetzen. Ihm gehe es auch darum, industrielle Arbeitsplätze in Deutschland und Europa zu halten. Er habe mit den Stahlunternehmen kürzlich vereinbart, dass diese ihre Investitionspläne nun rasch präsentierten. Er werde dann mit der EU-Kommission klären, welche Beihilfe der Staat leisten dürfe. Er hoffe, dass die Fragen bis zur Sommerpause 2021 geklärt werden und Brüssel grünes Licht gibt.

Die Frage nach der von der NRW-SPD geforderten Staatsbeteiligung an einem fusionierten Stahlkonzern wollte der Wirtschaftsminister allerdings nicht hören. Sie stelle sich nicht und sei "gegenstandslos". Laut Medienberichten hatte Thyssenkrupp die in der Corona-Krise angebotenen Kapitalhilfen der staatlichen Förderbank KfW geprüft.

Das neue Verfahren dürfte die Stahlproduktion erheblich verteuern. Damit hätte der grüne Stahl es schwer, auf dem Markt mit traditionell hergestelltem Stahl zu konkurrieren. Im Rahmen des "European Green Deal" wird daher diskutiert, ob die EU eine Art CO2-Zoll auf Importe aus Ländern ohne solche Klimaschutzpläne einführen könnte. Die Idee wird von vielen Ökonomen favorisiert, ist aber wegen der Folgen für die Handelspolitik hochumstritten.

Merz erklärte, dass Thyssenkrupp die Pläne für eine CO2-freie Stahlproduktion unabhängig von möglichen Zusammenschlüssen in der europäischen Stahlbranche umsetzen werde. "Wir wollen und werden sowohl die Weiterentwicklung des Stahls hier in Duisburg machen als auch die grüne Transformation. Das ist unabhängig von der Prüfung, ob mögliche Allianzen uns noch weiterbringen."

Der Konzern sucht für das Stahlgeschäft Partner  und schließt selbst einen Verkauf der verbliebenen Kernsparte nicht aus. Thyssenkrupp hat sich für ein Bündnis mit Salzgitter ausgesprochen, Insidern zufolge gibt es auch Gespräche mit dem schwedischen Konkurrenten SSAB. Als mögliche Interessenten gelten auch Tata Steel Europe und Baosteel aus China. Thyssenkrupp stand zur Jahresmitte kurz vor der Überschuldung, konnte sich mit dem Verkauf des profitablen Aufzuggeschäfts  aber noch retten.

Zu abhängig von der Autoindustrie

Stahlbetriebsratschef Tekin Nasikkol stellte sich hinter die Pläne für eine klimafreundliche Stahlproduktion, forderte aber das Management auf, die im Tarifvertrag zugesagten Investitionen rasch auf den Weg zu bringen. "Es geht heute nicht nur um das Thema Klimaschutz. Es geht auch darum, dass man industrielle Arbeitsplätze weiter sicherstellt." Das vorgestellte Projekt könne dies leisten. "Wir können uns nicht erlauben, dass industrielle Arbeitsplätze irgendwann mal exportierten werden ins Ausland." Thyssenkrupp Steel Europe beschäftigt rund 28.000 Mitarbeiter. Das Unternehmen ist aus mehreren Zusammenschlüssen der einstigen Großkonzerne der deutschen Schwerindustrie im Ruhrgebiet entstanden.

Wie viel Stahl künftig noch in Deutschland produziert wird, ist aber ungewiss. Die Hüttenwerke stecken nicht erst seit Ausbruch der Corona-Pandemie in der Krise. Der Stahlabsatz ist bereits vorher gesunken. Viele Jahre sei es der Branche im europäischen Vergleich gut gegangen, sagte Roland Döhrn, Stahlexperte des Essener Wirtschaftsforschungsinstituts RWI. "Die deutsche Wirtschaft ist im Vergleich zu vielen anderen Ländern außergewöhnlich stahlintensiv." Ihre enge Verknüpfung mit der Automobilindustrie, auf die etwa ein Viertel des deutschen Stahlbedarfs entfalle, werde aber zunehmend zum Problem für die Branche. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass beim Umstieg auf die E-Mobilität die für den Auslandsabsatz bestimmten Fahrzeuge künftig vermehrt "näher am Kunden" produziert werden, sei relativ hoch.

ak/reuters/dpa-afx
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