Montag, 26. August 2019

Strittige Stahlsparten-Fusion mit Tata "Siemens/Alstom nicht mit Thyssen/Tata zu vergleichen"

Guido Kerkhoff

Die EU-Kommission hatte Siemens/Alstom bereits dazwischengefunkt und die Fusion der Zugsparten untersagt. Ereilt Thyssenkrupp das gleiche Schicksal? Chef Guido Kerkhoff rechnet mit Auflagen. Der Fall Siemens sei aber keineswegs mit der geplanten Fusion der Stahlsparten von Thyssen und Tata zu vergleichen.

Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff demonstriert nach dem Warnschuss der EU-Wettbewerbshüter beim geplanten Stahl-Joint-Venture mit Tata demonstrativ Gelassenheit. Das von der Kommission angekündigte "Statement of Objections" sei ein üblicher Vorgang bei Transaktionen dieser Größenordnung. "Ich sehe in dem Vorgehen keinen Grund zu irgendeiner neuen Besorgnis", sagte er am am Dienstag bei der Vorstellung der Quartalsbilanz.

Ein Vergleich mit der in Brüssel kürzlich untersagten Zug-Fusion von Siemens und Alstom sei nicht haltbar. Den Deal mit Tata will Kerkhoff im Frühjahr abschließen. Allerdings ließ er offen, mit welchen Zugeständnissen die Partner auf die EU-Kommission zugehen könnten. Die Stahlsparte musste wie der gesamte Konzern im ersten Quartal Einbußen hinnehmen.

Kerkhoff ist einer der Architekten des geplanten Gemeinschaftsunternehmens der europäischen Stahlgeschäfte von Thyssenkrupp und Tata. Die Konzerne wollen den größten europäischen Anbieter nach ArcelorMittal schmieden. Zwei Jahre hatte Kerkhoffs Vorgänger Heinrich Hiesinger an dem Bündnis gefeilt, ehe er im Sommer 2018 - wenige Tage nach einer Vereinbarung mit Tata - das Handtuch warf.

Vorausgegangen war ein Streit mit Investoren über die grundsätzliche Performance und Strategie des Mischkonzerns mit seinen Geschäften, die von der Stahlproduktion über Autoteile bis zum U-Bootbau reichen.

Kerkhoff: Fall Siemens/Alstom nicht mit Thyssen/Tata zu vergleichen

Insider hatten gegenüber Reuters am Montag erklärt, dass die EU-Kommission noch in dieser Woche das Statement verschicken wird, wenn nicht Thyssen und Tata zuvor Zugeständnisse machten. Kerkhoff sagte dazu, die Argumente der Kommission würden geprüft. Es sei von Anfang an klar gewesen, dass es Auflagen geben werde.

Der Fall Siemens/Alstom sei etwas anderes. "Wir haben in Europa eine ganze Vielzahl von Stahlherstellern." Es habe in der Vergangenheit auch schon große Zusammenschlüsse gegeben. So sei etwa die Übernahme der italienischen Ilva durch ArcelorMittal mit Auflagen genehmigt worden.

Nicht alle sehen das Thema so gelassen wie Kerkhoff. Der umfassende Konzernumbau, zu dem im ersten Schritt das Stahl-Joint-Venture mit Tata gehöre, gerate zumindest teilweise in Gefahr, schrieben die Experten von Independent Research mit Verweis auf die Ankündigung der EU-Wettbewerbshüter.

EU hatte schon im Oktober Bedenken angemeldet

Diese hatten bereits im Oktober bei Thyssen/Tata drei Bereiche als kritisch bezeichnet: Stahl für die Automobilindustrie, für Verpackungen sowie Elektrostahl etwa für Transformatoren. "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befürchtet die Kommission, dass der Zusammenschluss zu einer Verringerung des Wettbewerbs zwischen den Anbietern verschiedener hochwertiger Stahlsorten führen könnte", hieß es.


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Weitreichende Zugeständnisse könnten jedoch auf Proteste bei den Beschäftigten stoßen. Sollte die EU-Kommission größere Verkäufe fordern, die zu einer deutlichen Verringerung der Beschäftigung führen, müssten die Arbeitnehmervertreter ihre Position zu dem Gemeinschaftsunternehmen überdenken, hatte der nordrhein-westfälische IG Metall-Chef Knut Giesler zu Reuters gesagt. Einige Investoren haben die Pläne ohnehin kritisiert, da Tata das über Jahre verlustreiche Werk im britischen Port Talbot mit einbringt.

Kerkhoff baut schon mal um

Kerkhoff treibt derweil die Aufspaltung von Thyssenkrupp in einen Werkstoff- und einen Industriegüterkonzern voran. Bei den neuen Unternehmen werde die Verwaltung gestrafft und die Zahl der Vorstandsressorts auf je drei begrenzt. Der 51-jährige frühere Finanzchef hatte am Morgen trotz rückläufiger Ergebnisse die Prognose bekräftigt, wonach der Gewinn im Geschäftsjahr 2018/19 steigen werde. Er fügte jedoch hinzu: "Gleichzeitig nehmen aber konjunkturelle und politische Unsicherheiten zu." Operativ fuhr der Konzern im ersten Geschäftsquartal einen um Sondereffekte bereinigten Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 333 Millionen Euro ein - ein Minus von 26 Prozent.

Die ohnehin gebeutelte Aktie von Thyssenkrupp Börsen-Chart zeigen verlor bis zum Nachmittag mehr als 2 Prozent auf 14,29 Euro.

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