Donnerstag, 12. Dezember 2019

Erneuter Chefwechsel bei Thyssenkrupp Gleiches Drama, nächster Akt

Thyssenkrupp: Der Traditionskonzern kommt nicht zur Ruhe
picture alliance/dpa
Thyssenkrupp: Der Traditionskonzern kommt nicht zur Ruhe

An eine solche Selbstzerfleischung eines großen deutschen Industriekonzerns kann man sich gar nicht erinnern. Der Traditionsladen Thyssenkrupp schreibt also mal wieder Industriegeschichte. In den letzten 18 Monaten hat das Krisenunternehmen so viel Personal verschlissen, wie andere Firmen in Jahrzehnten. Nach Ulrich Lehner, Bernhard Pellens und Martina Merz rückt jetzt der ehemalige Siemens-Manager Siegfried Russwurm als vierter Kandidat an die Aufsichtsratsspitze. Vom Chefposten wichen erst Heinrich Hiesinger (freiwillig), jetzt Guido Kerkhoff (unfreiwillig). Für ihn wechselt sich die noch amtierende Chefkontrolleurin Martina Merz ein, bis ein neuer Vorstandschef gefunden ist.

Vorstandschef Guido Kerkhoff soll abgelöst werden
Thilo Schmuelgen/REUTERS
Vorstandschef Guido Kerkhoff soll abgelöst werden

Auch die jüngste Hauruckaktion ist Folge jahrzehntelanger Misswirtschaft bei dem ehemaligen Dax -Konzern - vor allem aber Ausdruck eines erbitterten Machtkampfs im Aufsichtsrat. Als Sieger steht jetzt Großaktionär Cevian, der 15 Prozent hält, fest. Mit dem Revirement hat der Finanzinvestor den Weg für einen Komplettverkauf der wertvollen Aufzugssparte frei gemacht. So kann der schwedische Fonds, der sich mit seinem Thyssenkrupp-Engagement bislang ordentlich verspekuliert hat, bald womöglich über eine Sonderausschüttung oder eine Beteiligung am finnischen Aufzugshersteller Kone (falls der Wettbewerber zum Zuge kommt) doch noch seinen Schnitt machen. Kerkhoff hatte dagegen gehalten, wollte mit Rücksicht auf die Finanzierung der restlichen Thyssenkrupp-Geschäfte lediglich eine Minderheit an dem besten Stück des Konzerns abgeben.

Tragisch ist die Rolle von Ursula Gather, Chefin der Krupp-Stiftung (23,03 Prozent). Vorgänger Berthold Beitz hatte jahrzehntelang Einheit und Existenz des Konzerns garantiert. Nun ebnet Gather den Weg für die Zerschlagung mit. Offenbar sieht sie, wie Cevian, keine andere Möglichkeit mehr, an jene Ausschüttungen zu kommen, die sie zur Finanzierung der mildtätigen Stiftung benötigt.

Die unabhängigen Aufsichtsräte können so viel Eigensinn der Eigentümer nur als Zumutung empfinden. Sie haben keinen Einfluss, sollen aber den Kopf hinhalten. Kein Wunder, dass sich Lufthansa-Chef Carsten Spohr Anfang nächsten Jahres bei Thyssenkrupp wie zuvor schon einige andere Kontrolleure zurückzieht. Ähnliche Absichten werden auch Carola Gräfin von Schmettow, Deutschlandchefin von HSBC, nachgesagt.

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