Mittwoch, 20. November 2019

Medizin Geld oder Leben

Medizin: Der Preiskampf um die Lebensjahre
Corbis

Arzneimittel werden immer teurer. Die Kassen können längst nicht alles bezahlen. Wieviel Gesundheit will sich Deutschland leisten?

Susanne W. hatte sich mit ihrer Hepatitis C arrangiert. Vor 25 Jahren von einer Blutkonserve infiziert, funktionierte die chronisch entzündete Leber immerhin so gut, dass die Frau leidlich mit ihrer Krankheit leben konnte. Dann kam vor einigen Wochen die Diagnose Brustkrebs, und damit wohl das Todesurteil für die Mittfünfzigerin. Denn eine Chemotherapie würde ihre Leber nicht verkraften. Susanne W. ist, so hart das klingt, ein Opfer des deutschen Gesundheitssystems.

Sie hätte wahrscheinlich gerettet werden können. Das seit Anfang 2014 in Deutschland zugelassene Medikament Sovaldi kann Hepatitis C heilen. Ihr Arzt hatte es ihr jedoch nicht verschrieben, als sie vor knapp einem Jahr zu ihm kam, damals ohne akute Erkrankung. Der Grund: Die Tabletten des US-Herstellers Gilead Sciences sind extrem teuer, sie kosten 714,27 Euro - pro Stück.

Wie viel ist ein Menschenleben wert? Im Fall von Susanne W. weniger als 60.000 Euro. So teuer kommt ein Behandlungszyklus mit dem Wirkstoff Sofosbuvir.

Ein tragisches Schicksal, aber kein Einzelfall im deutschen Gesundheitssystem. Rund 300.000 Menschen leiden hierzulande unter der Virusinfektion, die etwa ein Drittel aller Betroffenen langfristig durch Leberzirrhose oder -krebs umbringt. Für eine Behandlung aller Kranken, bei deren Genotyp Sovaldi anschlägt, müssten die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) mehrere Milliarden Euro zahlen. Ihr gesamtes Budget für Pharmazeutika lag im Jahr 2014 bei gut 32 Milliarden Euro.

22.000 Euro pro Packung: Hochwirksame Pillen sind extrem teuer

Es bedarf keiner höheren Mathematik, um zu erkennen, dass eine flächendeckende Versorgung mit dem neuartigen Heilmittel den Haushalt der GKV sprengen würde. "Wir brauchen vernünftige Preise", sagt Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen: "Sonst ist die Grenze der Belastbarkeit bald erreicht."

Deshalb sind die Ärzte angehalten, das Medikament nur in genau definierten Fällen zu verschreiben. Susanne W.s Mediziner wusste, dass ihm Zehntausende Euro Regressforderungen der Kasse gedroht hätten, wenn er seiner Patientin die Tabletten verschrieben hätte. Er spielte auf Zeit und entschied sich gegen die Behandlung. Jetzt macht er sich Vorwürfe - und ist doch nur Leidtragender eines Phänomens, das eine enorme Sprengkraft birgt.

Die Pharmakonzerne entwickeln immer mehr hochwirksame, aber sündhaft teure Medikamente. Für die Arznei Yervoy zur Behandlung von Hauttumoren etwa verlangt der US-Hersteller Bristol-Myers Squibb Börsen-Chart zeigen knapp 16.000 Euro pro Packung.

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung