Jobabbau, Flurfunk, Existenzängste Warum Gerüchte für Firmen teuer werden können

Von Anja Schauenburg
Umstrukturierung lösen Existenzängste aus

Umstrukturierung lösen Existenzängste aus

Foto: Getty Images

Nun also auch Miele: Seit einigen Wochen durchleuchtet eine Einheit der Unternehmensberatung McKinsey den Hausgerätehersteller. Die Consultants sollen prüfen, wo das Unternehmen jährlich "deutlich mehr als 100 Millionen Euro" einsparen kann, so die Ankündigung.

Für die Zentrale in Gütersloh bedeutet das: Mindestens 500 Stellen werden gestrichen. Der Betriebsrat geht davon aus, dass es am Ende mehr werden. Ob dem Familienunternehmen damit der gewünschte wirtschaftliche Schub zuteil wird, muss sich allerdings erst noch zeigen. Denn McKinsey mit seinem Ruf als knallharter Cost-Cutter verursacht bei vielen in Ostwestfalen ein Stirnrunzeln. Die Meckies und ein traditioneller Mittelständler - da prallen Welten aufeinander.

GRAFIK Produktionsverlust Gerüchte in Unternehmen

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Foto: www.personalumbau.de

Ängste verursachen Kosten

In den letzten Wochen des Jahres, wenn sich abzeichnet, dass interne Ziele nicht erreicht und Budgetgrenzen gerissen werden, haben Personalabbau und Restrukturierungen Hochkonjunktur. Doch etwa die Hälfte aller Turnaround-Bemühungen scheitert, weil den Mitarbeitern im Veränderungsprozess zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Stecken Unternehmen in der Krise, ist Cost-Cutting und Stellenabbau für viele immer noch die erste Wahl. In manchen Situationen ist der rettende Kostenschnitt durchaus notwendig, weil sich das Unternehmen kurzfristig Luft verschaffen muss. In vielen Fällen wird dabei aber nicht mit einkalkuliert, wie sich eine solche Maßnahme auf die Wahrnehmung der Mitarbeiter auswirkt, die im Unternehmen verbleiben und die Zukunft mitgestalten sollen. Kosten, die aus internen Konflikten heraus resultieren, werden dabei oft schlicht übersehen.

So führen Unsicherheit und Druck im Veränderungsprozess zu gesundheitlichen Folgeschäden. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass Mitarbeiter, die nach einer Restrukturierung im Unternehmen verbleiben, anschließend doppelt so häufig krank sind wie vorher. Nehmen Entscheider die Ängste der Mitarbeiter im Umbauprozess nicht ernst, führt dies leicht zu einem erheblichen Performanceverlust der Organisation, bis hin zum Stillstand des Betriebs. Existenzängste, Bestandsängste und Leistungsängste spielen hierbei eine entscheidende Rolle.

Auf die Wahrnehmung kommt es an

Existenzängsten liegt die ständige Ungewissheit zugrunde, ob man bei der nächsten Welle in Sachen Personalabbau nicht vielleicht selbst betroffen ist und seinen Arbeitsplatz am Ende ebenfalls verliert. Bestandsängste beziehen sich auf den möglichen Verlust von Einfluss, Kontrolle oder Status der eigenen Position, zum Beispiel durch das Zusammenlegen zweier Abteilungen. Die Befürchtung.,Mehrarbeit leisten zu müssen oder durch neue Aufgaben und Technologien überfordert zu werden, führt zu Leistungsängsten. Sie sind nichts anderes als die Sorge, in der neuen Konstellation zu versagen.

Anja Schauenburg
Foto: Andreas Herzau

Seit 17 Jahren begleiten Anja Schauenburg und "Die Personal-umbauer" komplexe Umbauprojekte in Unternehmen wie Kodak, Deutsche Telekom oder Sparkasse. www.personalumbau.de 

Wie fair der Personalabbau vollzogen wird, spielt in der Wahrnehmung der bleibenden Mitarbeiter ebenfalls eine zentrale Rolle, insbesondere bei den Leistungsträgern. Werden die Aussagen zu den Gründen des Personalabbaus als wahrheitsgemäß empfunden oder gibt es Widersprüche? Ist die Sozialauswahl ausgewogen oder gibt es Privilegierte unter den Privilegierten? Wird das Prozedere als fair beurteilt? Werden gekündigte Mitarbeiter für den Verlust ihres Arbeitsplatzes entschädigt? Wie wird die Verteilung der "ererbten" Aufgaben beurteilt? Und schließlich: Wie verhält sich die Führungsetage? Ist der Umgang mit gehenden und bleibenden Mitarbeitern gleichermaßen von Respekt geprägt?

Mitarbeiter empfinden es als Lehrbeispiel, wie mit Kollegen im Trennungsprozess umgegangen wird. Wer Zweifel an der Fairness im Umgang hegt oder gar die eigene Perspektive im Unternehmen in Frage stellt, wandert ab. In Zeiten des Fachkräftemangels trifft das eine Organisation doppelt hart.

Fünf Operative Hebel für Entscheider, um den Ängsten von Mitarbeitern zu begegnen

Unternehmen und Führungskräfte in einer Umbruchsituation sollten die Ängste und das Gerechtigkeitsempfinden Ihrer Mitarbeiter ernst nehmen. Fünf operative Hebel helfen dabei, den "Wandel zum Besseren" sicherzustellen:

1. Entwickeln Sie eine klare Vision für die Zukunft des Unternehmens nach dem Umbau. Die Belegschaft muss den neuen Kurs verstehen, um ihn mittragen zu können. Ein Aufbruch zum Besseren braucht eine klare Sprache, Leitlinien und Symbolik.

2. Erklären Sie, warum der Umbau stattfindet, wie er ablaufen soll und wer betroffen ist. Eine einheitliche, positive Sprachregelung, viel Wertschätzung und schnelles Feedback ersetzen Flurfunk und sorgen dafür, dass negative Gerüchte gar nicht erst aufkommen.

3. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und gar das Scheitern eines Unternehmens können massive Selbstzweifel auslösen. Oft stehen dann ausgezehrte Führungskräfte ängstlichen Mitarbeitern gegenüber. Dem mittleren Management während eines Umbaus den Rücken zu stärken, gehört zu den zentralen Aufgaben der Unternehmensleitung.

4. Vertrauen ist die härteste Währung im Turnaround: Eine hohe Präsenz des unmittelbaren Vorgesetzten hilft, den "psychologischen Vertrag" zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber aufrechtzuerhalten und den Zusammenhalt der Organisation in der Krise zu schützen.

5. Der Umgang mit jenen Mitarbeitern, die das Unternehmen verlassen müssen, spielt in der Wahrnehmung der Bleibenden eine entscheidende Rolle und wirkt sich unmittelbar auf ihre Loyalität und ihr Engagement aus.

Ob Miele und all den anderen Unternehmen, die ihre Personalkosten senken wollen, der Umbau gelingt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Nehmen die Verantwortlichen die Ängste und das Gerechtigkeitsempfinden ihrer Mitarbeiter ernst, stellen eine klare Kommunikation sicher und sorgen für einen fairen und wertschätzenden Trennungsprozess? Das ist zwar keine Garantie für das Gelingen der Operation. Aber die Chancen dafür sind in jedem Fall ungleich größer.


Anja Schauenburg und "Die Personalumbauer" begleiten seit 17 Jahren komplexe Umbauprojekte in Unternehmen wie Kodak, Deutsche Telekom oder Sparkasse. Hier schreibt sie als Gastkommentatorin. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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