Dienstag, 18. Juni 2019

Soylent US-Firma verkündet das Ende des Essens

Weg vom Obst: Vitamine sind wichtig, aber die Früchte bestehen doch hauptsächlich aus Wasser

Das ist der Stoff, aus dem das Silicon Valley seinen Ruf als abgehobene Tüftlerwelt macht. Ein Start-up schickt sich an, nicht nur die Lebensmittelindustrie überflüssig zu machen - sondern gleich Essen in jeder Form. Ein blassgelbes Pulver namens Soylent soll die Lösung für alles sein.

Hamburg - Die Idee entstand beim Scheitern. Rob Rhinehart und seine Freunde durften sich Ende 2012 in dem Start-up-Inkubator Y Combinator als Unternehmer versuchen. Doch aus dem Plan, günstige Mobilfunkmasten zu konstruieren, wurde nichts. Der Großteil der 170.000 Dollar Startkapital war weg und die Gründer, die sich nun auf Software verlegten, mussten dringend sparen. Viel überflüssige Ausgaben hatten sie aber ohnehin nicht, also fiel Rhineharts Blick aufs Essen.

"Essen war eine so große Last, schon wegen der Zeit und dem Ärger", erklärte Rhinehart dem Magazin "The New Yorker" das Problem, das die meisten Menschen gar nicht als solches wahrnehmen und das er nun aus dem Blickwinkel des gelernten Elektroingenieurs nüchtern-technisch zu lösen verspricht.

Im Sommer beginnt für US-Kunden der Versand einer Pulverlösung namens Soylent (65 Dollar pro Woche), die laut Rhinehart alle 35 lebenswichtigen Inhaltsstoffe in der richtigen Mischung enthält. Er selbst lebe seit einem Jahr nur noch davon. Die Chemikalien bestellte er im Internet, und dort legte er auch seine Formel offen. Soylent soll einen Bruchteil von normalem Essen kosten, aber viel gesünder sein. Richtig gut kochen und ausgehen könne man ja immer noch, aber die alltägliche Nahrungsaufnahme sei die Mühe nicht wert.

Es gibt schon eine Fanszene

Rhineharts Begeisterung für synthetische Nahrung hat ihre Kreise gezogen. Das von ihm und seinen Freunden gegründete Unternehmen hat in kurzer Zeit mehr als zwei Millionen Dollar eingesammelt und steht schon an der Gewinnschwelle, auch prominente Geldgeber wie Marc Andreessen sind dabei. Die "New Yorker"-Reporterin berichtet von einer regen Fangemeinde, die Soylent-Rezepte austauscht, beispielsweise Physikstudenten am Institut Caltech (Kenner müssen unweigerlich an die Nerd-Serie "Big Bang Theory" denken).

Der Name Soylent ist dem düsteren Science-Fiction-Film "Soylent Green" entlehnt, an dessen Ende sich die grünen "Sojalinsen"-Tafeln zur künstlichen Ernährung als Menschenfleisch entpuppen. "Jeder hat empfohlen, den Namen zu ändern: Investoren, Medienleute, meine Mutter", räumt Rhinehart ein. Doch das ficht ihn nicht an. Für ihn sei es ein Statement gegen den Irrglauben, nur Bio sei gut. Und außerdem: "Starbucks war der Typ aus 'Moby Dick'", genauso werde der Erfolg von Soylent die ursprüngliche Inspiration in den Schatten stellen.

Die ernsthaftere Kritik ist wohl, dass es ähnliche Präparate längst gibt: als Diätmittel, für Bodybuilder, zur künstlichen Ernährung im Krankenhaus, ganz zu schweigen von der Multimilliardenindustrie der Nahrungsergänzungsmittel. Der Unterschied liegt vor allem im Marketing. Rhinehart ist stolz auf seine Idee: dass man ausschließlich von Soylent leben könne. So radikal sei noch keiner an synthetische Lebensmittel herangegangen.

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