Was machen eigentlich ... Die Akteure des Siemens-Skandals, zehn Jahre danach

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Siemens-Zentrale wird eröffnet: Das neue Machtzentrum von König Joe Kaeser

Foto: Siemens

Fragt man heute nach Mr Siemens, werden außerhalb Erlangens die meisten wohl an Joe Kaeser denken, den in unerreichter Machtfülle glänzenden Konzernchef.

Erfunden wurde der Titel aber für Heinrich von Pierer, der fast 15 Jahre lang Deutschlands Industrieikone führte und radikal umbaute, vor der Uno sprach und auch mal als möglicher Bundespräsident gehandelt wurde.

Den Karriereknick markiert der Herbst 2006, als Siemens  von einem Skandal in den nächsten geriet. Erst ging die kurz zuvor an BenQ abgestoßene Mobilfunksparte pleite, dann sorgte der Beschluss, die Vorstandsgehälter um 30 Prozent zu erhöhen, für öffentlichen Unmut. Und Mitte November startete mit einer Großrazzia eine Serie von Enthüllungen über ein milliardenschweres System schwarzer Kassen zur Bestechung ausländischer Auftraggeber. Mehr als zwei Milliarden Euro musste der Konzern daraufhin an Anwälte und Behörden zahlen.

Ganz unbeschadet kam keiner der damals Verantwortlichen aus der Affäre - aber ihre Wege unterscheiden sich doch deutlich, wie unsere Übersicht zeigt.

Heinrich von Pierer - Uns bleibt immer noch der FC Bayern

Wunschtitel: Heinrich von Pierer präsentiert seine Autobiografie "Gipfel-Stürme" (2011)

Wunschtitel: Heinrich von Pierer präsentiert seine Autobiografie "Gipfel-Stürme" (2011)

Foto: JOHANNES EISELE/ AFP

Der damalige Aufsichtsratschef Pierer betonte zwar stets, von den schwarzen Kassen nichts gewusst zu haben, und blieb strafrechtlich unbelangt. Aber er übernahm die "politische Verantwortung", zahlte in einem Vergleich mit mehreren Vorständen Ende 2009 die höchste Summe: fünf Millionen Euro Schadensersatz an den Konzern (und später noch 250.000 Euro Bußgeld, damit ein Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen Verletzung der Aufsichtspflicht eingestellt wurde).

Heute gibt der einstige Spitzenmanager noch als Honorarprofessor der Uni Erlangen Seminare für Industrielles Management. Als Aufsichtsrat dient er der türkischen Familienholding Koç und Jürgen Großmanns Stahlfirma Georgsmarienhütte. Außerdem sitzt Pierer, langjähriger CSU-Ratsherr in Erlangen, weiterhin im Verwaltungsbeirat des FC Bayern München, den Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber führt. Überhaupt wird der Club zum Sammelbecken der ehemals Mächtigen.

Immerhin bekam Mr Siemens auf der jüngsten Hauptversammlung, einen Tag nach seinem 75. Geburtstag, noch eine späte Würdigung von Siemens: "Wenn auch nicht alles so lief, wie es hätte laufen können oder in einzelnen Feldern hätte laufen müssen, so hat er doch dem Unternehmen gedient, und er hat das Unternehmen nach vorne gebracht. Zu diesen Lebensleistungen sollte man nicht schweigen." Diese Worte sprach der jetzige Konzernlenker Joe Kaeser.

Klaus Kleinfeld - Jetzt legt der Global Player erst richtig los

Davos Man: Alcoa- bzw. Arconic-Chef Klaus Kleinfeld auf einer der Partys des Weltwirtschaftsforums 2016

Davos Man: Alcoa- bzw. Arconic-Chef Klaus Kleinfeld auf einer der Partys des Weltwirtschaftsforums 2016

Foto: Hubert Burda Media / Brauer Photo

Kleinfeld ist auch ohne den Siemens-Job ein Global Player geblieben - oder vielmehr erst recht einer geworden. Als der Skandal losbrach, war er noch der Neuling auf dem Chefposten. Sein Abgang Mitte 2007 zugunsten von Peter Löscher erweckte den Eindruck eines Bauernopfers: Persönliche Vorwürfe gegen ihn wurden nicht laut, er ging aber ohne Abfindung und zahlte später zwei Millionen Euro an den Konzern. Angeblich warf Kleinfeld im Streit mit Patriarch Pierer über den Konzernumbau hin.

Sein Schaden war es nicht. Klaus Kleinfeld fand umgehend einen neuen Job in New York, wo er dem Konzernumbau ungehindert frönen konnte: bei dem Aluminiumriesen Alcoa . Der ist zwar in denkbar schlechter Lage und zwischenzeitlich aus dem Börsenindex Dow Jones  geflogen, der Ruf des Sanierers Kleinfeld hat aber auch nach acht Jahren an der Spitze nicht gelitten - bis er sich mit Hedgefondsguru Paul Singer anlegte, was ihm aber angesichts dessen vieler Gegner auch Anerkennung bringen dürfte.

Der Deutsche hat einen Großteil der Aluschmelzen geschlossen und vollendete im November sein Werk, Alcoa zu zerschlagen. Kurzzeitig führte er noch eine Firma namens Arconic, die das als zukunftsträchtig geltende Endkundengeschäft mit Leichtbau für Autos oder Flugzeuge übernimmt. Für den Alcoa-Rest, der vornehmlich in Billigenergieländern produziert, bleibt er als Chefkontrolleur in der Verantwortung.

Kleinfeld residiert im feinen Westchester County, arbeitet im Wolkenkratzer an der Park Avenue und zählt zur New Yorker Business Community, inklusive Sitz im Beirat der Metropolitan Opera. Weltpolitisch bespielt der CEO noch größere Bühnen, vom Weißen Haus über Davos und die Bilderberg-Konferenz bis Peking. Er leitet den amerikanisch-russischen Wirtschaftsrat, diplomatisch derzeit eine heikle Aufgabe. Siemens ist fast nur noch eine Fußnote seiner Biografie.

Johannes Feldmayer - Vorbestraft, aber Staatspreisträger

Ausgezeichnet: Johannes Feldmayer (2.v.r.) als Preisträger "Bayerns Best 50", links Landeswirtschaftsministerin Ilse Aigner

Ausgezeichnet: Johannes Feldmayer (2.v.r.) als Preisträger "Bayerns Best 50", links Landeswirtschaftsministerin Ilse Aigner

Foto: heitec

Als einziger Konzernvorstand verurteilt wurde bislang Johannes Feldmayer - allerdings für ein Vergehen, das nicht den engeren Kern des Korruptionsskandals betrifft. Seine schwarzen Kassen kauften keine Auslandsaufträge, sondern eine willfährige Gewerkschaft im Inland: die AUB des zwischenzeitlich ebenfalls verurteilten Wilhelm Schelsky.

Das Landgericht Nürnberg-Fürth verurteilte Feldmayer 2008 zu zwei Jahren auf Bewährung und einer sechsstelligen Geldstrafe. Massive Schadenersatzsansprüche des Konzerns konnte er auf drei Millionen Euro herunterhandeln, laut Siemens "ein Großteil seines Vermögens". Das Argument der Anwälte: der Konzern habe von dem (bereits vor Feldmayers Zeit begonnenen) System der gekauften Gewerkschaft messbar profitiert.

Vorbei war Johannes Feldmayers Karriere mit der Strafe nicht. Seit Ende 2009 ist er Generalbevollmächtigter des Anlagenbauers Heitec, zuständig für Niederlassungen, Marketing und IT. Der Mittelständler wächst in verschiedenen traditionellen Siemens-Sparten, die Zentrale steht in der Werner-von-Siemens-Straße in Erlangen. Feldmayer ist nicht als einziger bei Heitec untergekommen.

Klaus Wucherer - Seniorenmeister in Leichtathletik und Management

Ungebremst: Multiaufsichtsrat Klaus Wucherer als Leichtathlet

Ungebremst: Multiaufsichtsrat Klaus Wucherer als Leichtathlet

Da ist auch noch als Aufsichtsrat Klaus Wucherer, der Siemens als Vorstand für die Automatisierungssparte verließ. Wucherer zählt mit Rudi Lamprecht und Edward Krubasik zu den Vorstandsmitgliedern, die am schnellsten die Affäre hinter sich brachten und mit je einer halben Million Euro am wenigsten an den Konzern zahlen mussten (während Bußgeldverfahren wegen kleinerer Vergehen eingestellt wurden).

2010 wagte der in der Elektroindustrie weltweit vernetzte Manager eine Kampfabstimmung, um sich an die Spitze des Aufsichtsrats von Infineon  zu setzen. Dort war Wucherers Siemens-Vergangenheit durchaus ein kritischer Punkt und er hielt sich nur ein Jahr - in dieser Zeit konnte er aber immerhin Peter Bauer zum Vorstandschef berufen und so einen Beitrag zum Turnaround des Chipkonzerns verbuchen.

Der 72-Jährige ist bis heute nicht nur als Leichtathlet mit regelmäßigen Seniorentiteln bei deutschen Meisterschaften aktiv. Auch das Führen von Unternehmen lässt er sich nicht nehmen.

Neben dem Mandat bei Heitec kontrolliert er auch den MDax-Konzern Leoni  und das schwäbische Unternehmen Festo, eine der Industrieperlen der Automatisierung. Dort steht er dem Gremium nicht nur vor, sondern übernahm Anfang 2016 sogar die operative Verantwortung, als der neue Chef Claus Jessen nach einem Verkehrsunfall ausfiel.

Thomas Ganswindt - Irgendwas mit Medien

Standhaft: Thomas Ganswindt beim ersten Siemens-Prozess vor dem Landgericht München I (2011)

Standhaft: Thomas Ganswindt beim ersten Siemens-Prozess vor dem Landgericht München I (2011)

Foto: DPA

Das Gegenstück zu Wucherers glattem Abgang aus der Affäre lieferte Thomas Ganswindt, der für die besonders problematische Telekommunikationssparte zuständig war. Ende November 2006 fiel sein Name als erster ehemaliger Konzernvorstand, der als Mitwisser um die schwarzen Kassen beschuldigt wurde. Im Dezember wurde er auch verhaftet und tagelang festgehalten.

Letztlich hatte er aber Erfolg mit dem Beharren auf seiner Unschuld. Er verweigerte als einer von nur zwei Vorständen den Vergleich mit Siemens (erst nach Jahren einigte man sich 2012 doch auf eine halbe Million, die Rate für die persönlich Unbelasteten).

Und auch der Strafprozess wurde 2011 letztlich gegen eine Geldauflage wegen geringer Schuld eingestellt - hauptsächlich, weil der als "Herr der Schwarzen Kassen" eingesetzte Schlüsselzeuge Reinhard Siekaczek sich in Widersprüche verwickelte.

Der Kampf gegen die Vorwürfe verhinderte aber einen Neustart. Schon kurz vor dem Bekanntwerden der Affäre war Ganswindt bei Siemens vorzeitig ausgeschieden und hatte als Chef der Luxemburger Elster Group angeheuert - dem aus Ruhrgas hervorgegangenen Weltmarktführer der Messtechnik für die Gas-, Elektro- und Wasserindustrie. Der Job war schnell hinfällig.

Stattdessen beteiligte sich Ganswindt mal hier, mal da. Das manager magazin berichtete 2013 von einer Berliner Softwarebude, wo der Ex-Siemensianer sich als Projektleiter versuchte. Außerdem baute er eine Firma namens Neleso mit auf, die Apps für Verlage entwickelt.

Jörg Michael Kutschenreuter - Neuanfang in den Emiraten

Lieber Abu Dhabi als Forstenried: Michael Kutschenreuter erklärt die Energiewende für arabische Funkmasten

Lieber Abu Dhabi als Forstenried: Michael Kutschenreuter erklärt die Energiewende für arabische Funkmasten

Foto: worldenergytv.org

Der "Alte Wirt" in Forstenried wurde zu einer Chiffre des Siemens-Skandals. In dem Gasthaus berieten Siemensianer 2002, wie das althergebrachte System der Bestechung ausländischer Funktionäre - kurz zuvor zumindest in Deutschland noch legal - in die neue Zeit zu retten wäre. Die schwarzen Kassen waren damals schon im Visier von Staatsanwälten in Österreich und Italien, und damit auch die Gäste beim "Alten Wirt".

Einer von ihnen fand sich eine Hierarchieebene unter Ganswindt: Jörg Michael Kutschenreuter, zur fraglichen Zeit Finanzvorstand der Kommunikationssparte Com und dann Geschäftsführer der Siemens-Immobilientochter, wurde als erster Topmanager Mitte November 2006 beschuldigt - und als einziger dann auch 2010 vom Münchener Landgericht verurteilt, zu zwei Jahren auf Bewährung sowie 60.000 Euro Strafe.

Einen Neuanfang hatte er schon während des Verfahrens versucht, in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Zeitweise klangen seine Pläne sogar recht grandios, wie der "erste Michael-Schumacher-World-Champion-Tower" in Abu Dhabi: ein vom staatlichen Entwickler Marasi angekündigter 59-stöckiger Apartmentturm am Yachthafen, mit Kutschenreuter als Geschäftsführer. Der für 2011 versprochene Luxus-Wolkenkratzer lässt noch auf sich warten.

Heute taucht Kutschenreuter noch als General Manager der Heliocentris Energy FZE in Dubai auf, deren hoch defizitäre Berliner Muttergesellschaft (acht Mitarbeiter in Festanstellung) an der Deutschen Börse notiert ist. Heliocentris schmückt sich vor allem mit einer hybriden Lösung, um Mobilfunkmasten in der Wüste mit Strom zu versorgen.

Jürgen Radomski - Who wants Panama Papers?

Aufruf zum Zusammenhalt: Jürgen Radomski (undatiertes Archivbild)

Aufruf zum Zusammenhalt: Jürgen Radomski (undatiertes Archivbild)

Foto: Siemens

Als Personalvorstand war Siemens-Veteran Jürgen Radomski auch für die Compliance im Konzern zuständig. Auch deshalb wurde der Ende 2009 geschlossene Vergleich für ihn mit drei Millionen Euro besonders teuer. Ansonsten war Radomski im Skandal wenig prominent - abgesehen von einer Betriebsrätekonferenz in Berlin kurz nach Bekanntwerden der Ermittlungen, wo Radomski den Zusammenhalt der Siemensianer gegen die Gefahr von außen beschwor.

Strafrechtliche Ermittlungen gegen ihn wurden eingestellt, ein Ordnungswidrigkeitsverfahren "wegen fahrlässiger Verletzung der Aufsichtspflicht" endete mit einem Bußgeld. Nach seinem Ruhestand Ende 2007 gründete Radomski eine Beratungsfirma. Deren Sitz lag zunächst in einem Gebäude des Müllentsorgers Alba, wo Radomski Aufsichtsrat war, dann Siemens-nah in Erlangen. Seit 2015 ist ein Liquidator eingesetzt.

Schlagzeilen machte der Ruheständler Radomski in diesem Jahr aber doch noch einmal. Die "Süddeutsche Zeitung" fand seinen Namen in den "Panama Papers" und berichtete  von einem Millionentransfer von der Schweizer Vontobel-Bank via Andorra nach Panama im Jahr 2012. Radomski mochte die Sache nicht erklären.

Uriel Sharef - Zukunftsplan: vor Gericht stehen

Auf Wiedervorlage: Uriel Sharef (M.) mit Anwälten im Münchener Untreue-Prozess (2013)

Auf Wiedervorlage: Uriel Sharef (M.) mit Anwälten im Münchener Untreue-Prozess (2013)

Foto: Tobias Hase/ dpa

Noch teurer als für Radomski wurde der Vergleich mit Siemens - abgesehen von Pierer - nur für einen: Uriel Sharef, der vier Millionen Euro zahlen musste. Er verantwortete im Vorstand das Kraftwerksgeschäft und die Region Lateinamerika, wo besonders eklatante Schmiergeldfälle aktenkundig wurden (auch nach der eigentlichen Affäre noch, wie in Brasilien, wo Siemens sich selbst der Bestechung für Milliardenaufträge der Metro São Paulo bezichtigte).

In Argentinien hatte Siemens Millionen gezahlt, um einen Großauftrag für elektronische Pässe und Grenzüberwachung zu bekommen, den die Deutschen nach Peso-Crash und Regierungswechsel dann doch verloren - die Rechnung wurde als überteuert storniert.

Uriel Sharefs LinkedIn-Profil weist ihn als "Unternehmer, Nürnberg und Umgebung, Energieversorgung" aus. In Wahrheit zählt zu seinen Zukunftsplänen immer noch: vor Gericht stehen. Denn im September hob der Bundesgerichtshof einen Freispruch des Münchener Landgerichts als rechtsfehlerhaft auf. Die Richterin hatte das Urteil, Sharef habe von schwarzen Kassen nichts gewusst, so begründet: Die Zeugen, die ihn belasteten, wollten von eigener Schuld ablenken.

Außerdem laufen weiterhin Anklagen in Argentinien selbst und in den USA, wo ein argentinischer Siemens-Manager sich bereits schuldig bekannte und Informationen zusagte.

Volker Jung - die Odyssee mit der griechischen Justiz

Verbannt auf die Insel: Volker Jung (Archivbild von 1999)

Verbannt auf die Insel: Volker Jung (Archivbild von 1999)

Foto: DPA

Zu den älteren Siemensianern, die der Skandal noch erwischte, zählt der bereits 2002 aus dem Vorstand ausgeschiedene Volker Jung - seinerzeit ein Hochkaräter, der nicht nur die Zentralstelle Regionen Ausland leitete, sondern auch die Aufsichtsräte von Infineon, MAN oder Epcos, die Industrieverbände ZVE und Bitkom. Als Vorstand hatte er zeitweise die Informations- und Kommunikationssparte, die Siemens Business Services und das Halbleitergeschäft unter sich.

Zum Verhängnis wurde ihm aber die Vergangenheit als Aufsichtsrat der griechischen Siemens-Niederlassung bis 2003. Siemens hatte seinen Anteil daran, dass die Staatsfinanzen Griechenlands zum Selbstbedienungsladen wurden. Geschmiert wurde unter anderem, um den Auftrag zur Digitalisierung des Telefonnetzes (später an die Deutsche Telekom  verkauft) oder ein Sicherheitssystem für die Athener Olympischen Spiele 2004 zu bekommen.

In dem Krisenland vermischt sich der Wunsch nach Aufklärung der Ursachen des Schuldendramas mit der Genugtuung, dabei auch mal den Finger auf die Deutschen zurück zeigen zu können. Aufsehen erregte der 18-monatige "Inselarrest" Volker Jungs 2009/2010 in seinem Feriendomizil Paros, wo er sich regelmäßig bei der Polizei melden musste. Als er sich schließlich trotzdem nach Deutschland absetzte (wo Jung zuvor in dem gleichen Fall freigesprochen wurde), erging sogar ein internationaler Haftbefehl.

Der ist inzwischen gegen Kaution aufgehoben, aber gegessen ist die Sache noch lange nicht. Im Gegenteil: Seit 2015 läuft in Athen ein Mammutprozess, in dem Jung einer von 64 Beschuldigten (darunter auch Heinrich von Pierer) ist.

Zuletzt wurde das Verfahren - unter großem Unmut im Land - im Juli auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, weil die 4500 Seiten lange Anklageschrift noch nicht auf Deutsch übersetzt werden konnte. Mehrere Anklagepunkte sind verjährt. Außerdem klagen Jung und Kollegen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, weil sie zweimal in verschiedenen Ländern wegen des gleichen Vergehens angeklagt würden.

Heinz-Joachim Neubürger - der Mann, der nicht klein beigab

Kein Schuldspruch, außer in der öffentlichen Meinung: Heinz-Joachim Neubürger († 2015)

Kein Schuldspruch, außer in der öffentlichen Meinung: Heinz-Joachim Neubürger († 2015)

Foto: AFP/ Siemens

Erwähnt werden muss an dieser Stelle auch die tragische Geschichte Heinz-Joachim Neubürgers, einer weiteren Schlüsselfigur des Skandals. Der frühere JPMorgan-Investmentbanker erwies sich als besonders kämpferisch und wollte die Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen.

Im April 2006 war der Siemens-Finanzvorstand kurzfristig ausgeschieden, damals war von "persönlichen Gründen" die Rede. Zum Hintergrund gehört auch, dass Neubürger sich selbst anstelle Klaus Kleinfelds zum Pierer-Nachfolger auf dem Chefsessel positioniert hatte.

Ein neuer Job als Managing Director des Finanzinvestors KKR  währte nicht lange, als Neubürger vor allem mit der Abwehr von Staats- und Siemens-Anwälten zu tun hatte. Ein Ermittlungsverfahren wurde 2011 ohne Anklage eingestellt, Neubürger zahlte 400.000 Euro an gemeinnützige Organisationen.

Aktiver Aufsichtsrat bis zum Tod

Den Schadenersatzforderungen des Konzerns verweigerte er sich als einziger neben Thomas Ganswindt komplett. So kam es zum Zivilprozess, in dem er 2013 sogar zu 15 Millionen Euro wegen Verletzung der Aufsichtspflicht verdonnert wurde. In der Berufung schaffte Neubürger es, Siemens auf 2,5 Millionen ohne Anerkennung einer persönlichen Schuld herunterzuhandeln.

Doch nur wenige Tage, nachdem die Aktionäre den Deal auf der Hauptversammlung 2015 unter lautem Murren billigten, beging Neubürger in München Suizid. Familie und Vertraute berichteten, der nach eigener Aussage "Ordnungsfanatiker" habe nicht mit dem geringsten Makel zu leben vermocht. Auch während des jahrelangen Rechtsstreits war Neubürger noch als Aufsichtsrat für BMW  oder den Maschinenbauer Koenig & Bauer  aktiv, bei der Deutschen Börse  bis zum Tod.

Direkter Nachfolger Heinz-Joachim Neubürgers als Finanzvorstand war übrigens ein gewisser Joe Kaeser - der einzige Vorstand des Jahres 2006, der bis heute aktiv ist. Für ihn erwies sich der Posten durchaus als Sprungbrett nach oben, und die langjährige Verankerung im Konzern als Referenz.

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Siemens-Zentrale wird eröffnet: Das neue Machtzentrum von König Joe Kaeser

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