Abspaltung der Siemens-Sparten Siemens - vom Konzern zur Beteiligungs-Holding

Joe Kaeser

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Siemens-Deal mischt Schnellbahn-Branche auf: Das irre Rennen von ICE und TGV gegen Asiens Superzüge

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Das Timing ist schon ein wenig ironisch. Im aktuellen SPIEGEL gibt Joe Kaeser noch den besonnenen Weltmann. Der Siemens-Chef beklagt im Interview "eine erneute Zunahme des Kasinokapitalismus, also eine Betonung des kurzfristigen Denkens und Handelns statt einer langfristigen, nachhaltigen Entwicklung von Geschäften".

Kaum ist das Statement in der Welt, gibt Kaeser seinen bis in den Aufsichtsrat präsenten Kritikern neue Nahrung. Diese werfen Kaeser vor, in der bei Siemens (Kurswerte anzeigen) seit eh und je gepflegten Transformation ein zu hohes Tempo vorzulegen. Der Konzern werde ausgehöhlt, am Ende dieses Prozesses könnte eine leere Holding-Hülle stehen, so die Befürchtung. Dazu passen auf den ersten Blick die jüngsten Nachrichten aus dem Hause Siemens: Die Zugsparte wird mit dem französischen Partner Alstom zusammengelegt, wie Siemens am Dienstagabend bekannt gab . Auch die Elektromotoren-Fertigung für Autos steht zur Disposition.

Die Frage, was zu Siemens gehört und was nicht, ist ein Dauerbrenner im Konzern - aber im Jahr 2017 so akut wie wohl noch nie. Wie es um die einzelnen Sparten steht, zeigt folgender Überblick.

Der Zug nach Paris

Hochgeschwindigkeitszüge von Alstom und Siemens

Hochgeschwindigkeitszüge von Alstom und Siemens

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Am Dienstagabend besiegelte der Aufsichtsrat des Münchener Dax-Konzerns  einen historischen Schritt für sein traditionsreiches Geschäft mit der Bahntechnik - und das soll außerhalb von Siemens liegen. Der Kern der Sparte Mobility soll mit dem Erzrivalen Alstom zum neuen Anbieter "Siemens Alstom" fusionieren - die beiden erfolgreichsten europäischen Hochgeschwindigkeitszüge TGV und ICE kommen also künftig aus einem Haus. Siemens wird voraussichtlich 52 Prozent der Anteile halten und in den Verwaltungsrat sechs der elf Mitglieder einschließlich des Vorsitzenden schicken. Siemens verpflichtet sich, in den kommenden vier Jahren mindestens 50,5 Prozent der Anteile zu halten.

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Siemens' Abenteuer in Südamerika: Die gewagtesten Bahnprojekte der Welt

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Operativ geführt wird das Gemeinschaftsunternehmen mit einem Umsatz von 15,3 Milliarden Euro, 1,2 Milliarden Euro operativem Gewinn (Ebit) und (noch) 62.300 Beschäftigten jedoch vom bisherigen Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge; der Hauptsitz wird in Paris sein. Parallel lag bis zuletzt noch die Option einer Allianz mit dem deutlich schwächeren kanadischen Bombardier-Konzern , dem dritten nennenswerten Hersteller von Bahntechnik in Europa, auf dem Tisch.

Aus Herstellersicht ist die Logik bestechend - Europas Bahngesellschaften haben dann kaum noch eine Wahl zwischen den Lieferanten, nur kleinere Wettbewerber bleiben übrig. Zusammen könnten Siemens und Alstom sich der globalen Konkurrenz mit dem chinesischen Koloss CRRC stellen.

In Kaesers Logik, den Konzern entlang der Wertschöpfungskette der Elektrifizierung aufzustellen, schien die schon lange als Verhandlungsmasse behandelte Bahntechnik einigermaßen zu passen. Mit 9,5 Prozent ist die Gewinnmarge im laufenden Geschäftsjahr auch wieder ordentlich. Aber es gibt immer was zu optimieren.

Nicht einmal die "Digital Factory" ist sicher

Siemens-Automatisierung in Amberg

Siemens-Automatisierung in Amberg

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Die wichtigsten Akteure bei Siemens: König Joes wichtigste Mitstreiter

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Zeitgleich mit den Bahn-Plänen wird bekannt, dass Siemens den mittelfristigen Ausstieg aus einem weiteren französisch-deutschen Joint-Venture bereits vorbereitet hat.

Die erst im vergangenen Jahr geschlossene Verbindung mit Valeo zum Bau von Motoren für Elektroautos gilt eigentlich als Zukunftsgeschäft - aber wohl auch eher außerhalb des Münchener Konzerns.

Zwar geht es hier ebenfalls um Mobilität, das Unternehmen zählt jedoch nicht zur Sparte "Mobility", sondern zur "Digital Factory".

Und die ist zweifelsohne Kerngeschäft, mit rund 20 Prozent Gewinnmarge und dem Fokus auf Automatisierung der Industrie der Stolz des Konzerns. Sie wurde zuletzt unter anderem mit dem Zukauf der Softwarefirmen CD-Adapco und Mentor Graphics gestärkt. Doch auch in der "Digital Factory" hat man sich an Umstrukturierung und Stellenabbau bereits gewöhnt.

Healthineers vor dem Börsengang

Diagnosegeräte von Siemens

Diagnosegeräte von Siemens

Foto: Siemens

In absoluten Zahlen der größte Gewinnbringer für Siemens ist die Medizintechnik - und der größte Kandidat für eine Abspaltung. Schon als Joe Kaeser seine Konzernstrategie verkündete, wirkte die Sparte nur noch wie ein Anhängsel. Mit der Ausgliederung in eine eigenständige Gesellschaft wurde die Voraussetzung für ein Spin-off geschaffen. Jetzt ist klar: Das inzwischen "Healthineers" getaufte Geschäft (aktuelle Gewinnmarge: 17,7 Prozent) soll noch im ersten Halbjahr 2018 an die Börse gehen. Siemens will die Mehrheit der Anteile behalten - doch sollte sich die Lage ändern, wäre ein Verkauf nur noch ein kleiner Schritt.

Die Windkraftsparte sitzt jetzt im Baskenland

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Siemens strebt an die Spitze: Die Top Ten der Windradbauer

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"Elektrifizierung" allein reicht nicht als Garant, um Konzernteil zu bleiben. Das zeigt die Windkraft, die zwar noch als eine von acht Industriesparten geführt wird und derzeit mit dem Cuxhavener Werk für Offshore-Anlagen eine der größten Investitionen in deutsche Produktion stemmt - doch seit der Fusion mit dem spanischen Windradbauer Gamesa als "Siemens Gamesa Renewable Energy" firmiert. Siemens' Anteil an dem börsennotierten Unternehmen  mit Hauptsitz im Baskenland beläuft sich auf 59 Prozent.

Rettung aus Ägypten

Gaskraftwerksbau von Siemens in Ägypten

Gaskraftwerksbau von Siemens in Ägypten

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Unter Joe Kaeser zerlegt sich Siemens aber nicht nur, sondern wächst auch kräftig. Erster Beleg ist sein Mega-Deal zum Kauf des US-Unternehmens Dresser-Rand bald nach Amtsantritt. Die herbe Kritik am sensationell schlechten Timing mit dem Einbruch der Energiepreise und anschließenden Nachfragerückgang der Öl- und Gasindustrie oder an den üppigen Konditionen für die alte Dresser-Rand-Führung ist bisher am Konzernchef abgeperlt.

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Siemens rückt von Zukunfts-Aggregat ab: Wie Autobauer und Zulieferer um den Elektromotor kämpfen

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Eine Zeitlang schien das gewachsene Gewicht der Sparte Power and Gas Siemens noch zusätzlichen Sanierungsbedarf einzubringen, weil die Nachfrage nach Großturbinen in Europa einbrach. In der Zwischenzeit kamen aber pharaonisch große Aufträge aus Ägypten dazwischen - und die Konzernbilanz kann sich sowieso durchweg sehen lassen.

Die Sparten Building Technologies, Energy Management und Process Industries and Drives, für Siemens-Verhältnisse vergleichsweise margenschwach, scheinen auch nicht komplett zur Disposition zu stehen. In einer Holding-Struktur jedoch gäbe es gar keine integralen Konzernteile mehr.

Was schon weg ist

Osram-Zentrale

Osram-Zentrale

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Neben den weiterhin mehr oder weniger als Kerngeschäft definierten Sparten und der Finanzabteilung ist Siemens nach wie vor an manchen ehemaligen Unternehmensteilen beteiligt.

Osram beispielsweise, 2013 an die Börse gebracht, könnte als Blaupause für weitere Abspaltungen dienen. Der vollständige Ausstieg wurde Anfang Oktober verkündet. Zuletzt hielt Siemens noch 18 Prozent der Anteile der Lichttechnikfirma  - zwischenzeitlich eher unfreiwillig; zwischen den ehemaligen Mutter- und Tochterunternehmen kam es zum offenen Streit, der inzwischen aber beigelegt ist.

Am französischen IT-Dienstleister Atos  ist Siemens noch zu 12 Prozent beteiligt - wie zuletzt Osram heute eine reine Finanzbeteiligung, die aus dem Verkauf der ehemaligen Siemens-Problemsparte SIS 2011 hervorgegangen ist.

Wo auch Kaeser den Abschied bedauert

An Nokia abgegebene Zentrale für Telefoninfrastruktur (2009)

An Nokia abgegebene Zentrale für Telefoninfrastruktur (2009)

Foto: ? Michaela Rehle / Reuters/ REUTERS

Vom Chiphersteller Infineon  bis zur Bosch-Hausgerätesparte, die noch heute den Markennamen Siemens nutzt, reicht das Spektrum der abgestoßenen Geschäftsteile. Der stetige Wandel hat bei Siemens Tradition.

Ganz unsentimental sieht das aber nicht einmal Joe Kaeser. Das Schicksal der über BenQ, Nokia und andere Wege entsorgten Telekommunikationssparte, die mit der 1846 in Berlin gegründeten Telegraphen Bauanstalt von Siemens & Halske die Wurzel des Konzerns darstellte, scheint er im SPIEGEL-Gespräch zu betrauern.

Die "war einmal Weltmarktführer", habe aber in ihrer Arroganz den technologischen Wandel zu Telefonie übers Internet ignoriert. "So etwas darf nie wieder passieren", schließt Kaeser, "und ist uns eine Mahnung, dem Wandel gegenüber aufgeschlossen zu sein".

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