Montag, 24. Februar 2020

Siemens-Hauptversammlung Wie Joe Kaeser zur Zielscheibe der Klimaschützer wurde

Joe Kaeser vor der Hauptversammlung am Mittwoch

Als die Siemens-Aufsichtsräte am Dienstag zu ihrer turnusmäßigen Sitzung in der Konzernzentrale am Wittelsbacherplatz mitten in München eintrafen, wurden sie nicht nur von massivem Polizeiaufgebot überrascht. Mehrere Dutzend Greenpeace-Aktivisten stiegen dem Industrieriesen wortwörtlich aufs Dach. Binnen Minuten rollten die Umweltschützer mit einem ausrangierten Feuerwehrfahrzeug an die Zentrale heran, fuhren die Drehleiter aus, und die Aktivisten rannten nach oben. Es dauerte Stunden, bis Polizei und Feuerwehr sie wieder alle heruntergeholt hatten.

Er habe, erzählt Siemens-Chef Joe Kaeser am nächsten Morgen kurz vor Beginn der Hauptversammlung in der Münchener Olympiahalle, am Abend noch lange im Büro gesessen und angeboten, eine Abordnung der Greenpeace-Truppe zu empfangen. Deren Antwort: kein Interesse. "Aktivismus ist ein Geschäftsmodell", sagt Kaeser.

Ausgerechnet Europas größter Industriekonzern, der neben den in Verruf geratenen fossilen Kraftwerken auch eine Menge umweltfreundlicher Technologien wie Züge, stromsparende Gebäudetechnik und effiziente Energiemanagementsysteme anbietet, ist zum dankbarsten Zielobjekt der Klimaschützer geworden.

Wegen eines Auftrags über 18 Millionen Euro zur Lieferung von Signaltechnik für die Lokomotiven, die in Australien Kohle von Adanis umstrittenen Großbergwerk zum Hafen transportieren sollen. Das mute "schon fast grotesk" an, sagt Kaeser.

Vor allem aber sind die Proteste real, und sie reißen nicht ab. Am Mittwochmorgen empfangen über 100 Klimaschützer vor der Olympiahalle die Siemens-Aktionäre und bilden eine Menschenkette. Sie halten den Aktionären Plakate mit Aufschriften wie "Siemens Klimakiller", "Siemens & Co enteignen", "Kohlemine stoppen" und "#StopAdani" entgegen und rufen mit Megaphonen zum Rückzug aus dem Projekt auf.

Während sich draußen kurz vor 14 Uhr die nächste Demo formiert, treten in der weitläufigen Halle die ersten Klimaschützer ans Mikrofon. Varsha Yajman von der "Australian School Strike for Climate" erklärt kurz auf Englisch, sie sei 17 Jahre alt und extra aus Australien angereist. "Joe Kaeser, es ist eine Schande, so einen Vertrag zu unterzeichnen, während unser Land in Flammen steht." Dann macht ihre Vertreterin auf Deutsch weiter, der Auftrag sei ein "ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die ihre Häuser verloren haben". Siemens solle eine "Führungsrolle im Klimaschutz übernehmen".

Die indigene Australierin Murrawah Johnson, Vertreterin der vom Adani-Projekt betroffenen indigenen Völker Wangan und Jagalingou, steht mit Grabesmiene neben ihrem Übersetzer, während der vorträgt: "Unser Volk leistet seit 2012 Widerstand gegen die Mine."

Anders als behauptet habe Siemens nicht mit den indigenen Völkern gesprochen und sich auf Lügen der australischen Regierung verlassen. "Sie wurden betrogen, Herr Kaeser!" Kaeser solle den Vertrag aufkündigen. "Und Murrawah würde sich freuen, wenn Sie endlich mit ihr sprechen."

Helena Marschall, Fridays for Future, setzt noch nach: Es gehe "um etwas viel Größeres als Adani: um Siemens' unehrliche Inszenierung als Klimakonzern".

Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe ermahnt die Redner, eine Hauptversammlung sei keine Bühne, sondern dafür da, Fragen zu stellen. "Wir können die Nachhaltigkeit der Welt nicht hier auf der Hauptversammlung lösen. Aber wir bemühen uns."


Lesen Sie hier unseren Live-Bericht von der Hauptversammlung


Die Investoren haben ihr Urteil schon gefällt. Aus ihrer Sicht ist die Adani-Frage ein einziges Desaster. "Bei einer sorgfältigen Prüfung aller Umwelt- und Reputationsrisiken hätte Siemens diesen Auftrag niemals unterzeichnen dürfen", sagt Vera Diehl, Fondsmanagerin von Union Investment. Kaeser bleibt wenig, als Fehler einzuräumen. "Wir haben das gesamte Bild dieses Auftrags nicht rechtzeitig gesehen."

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