Siemens-Hauptversammlung Wie Joe Kaeser zur Zielscheibe der Klimaschützer wurde

Joe Kaeser vor der Hauptversammlung am Mittwoch

Joe Kaeser vor der Hauptversammlung am Mittwoch

Foto: CHRISTOF STACHE/ AFP

Als die Siemens-Aufsichtsräte am Dienstag zu ihrer turnusmäßigen Sitzung in der Konzernzentrale am Wittelsbacherplatz mitten in München eintrafen, wurden sie nicht nur von massivem Polizeiaufgebot überrascht. Mehrere Dutzend Greenpeace-Aktivisten stiegen dem Industrieriesen wortwörtlich aufs Dach. Binnen Minuten rollten die Umweltschützer mit einem ausrangierten Feuerwehrfahrzeug an die Zentrale heran, fuhren die Drehleiter aus, und die Aktivisten rannten nach oben. Es dauerte Stunden, bis Polizei und Feuerwehr sie wieder alle heruntergeholt hatten.

Er habe, erzählt Siemens-Chef Joe Kaeser am nächsten Morgen kurz vor Beginn der Hauptversammlung in der Münchener Olympiahalle, am Abend noch lange im Büro gesessen und angeboten, eine Abordnung der Greenpeace-Truppe zu empfangen. Deren Antwort: kein Interesse. "Aktivismus ist ein Geschäftsmodell", sagt Kaeser.

Ausgerechnet Europas größter Industriekonzern, der neben den in Verruf geratenen fossilen Kraftwerken auch eine Menge umweltfreundlicher Technologien wie Züge, stromsparende Gebäudetechnik und effiziente Energiemanagementsysteme anbietet, ist zum dankbarsten Zielobjekt der Klimaschützer geworden.

Wegen eines Auftrags über 18 Millionen Euro zur Lieferung von Signaltechnik für die Lokomotiven, die in Australien Kohle von Adanis umstrittenen Großbergwerk zum Hafen transportieren sollen. Das mute "schon fast grotesk" an, sagt Kaeser.

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Siemens und die Kohle: Was Adani in Australien vorhat

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Vor allem aber sind die Proteste real, und sie reißen nicht ab. Am Mittwochmorgen empfangen über 100 Klimaschützer vor der Olympiahalle die Siemens-Aktionäre und bilden eine Menschenkette. Sie halten den Aktionären Plakate mit Aufschriften wie "Siemens Klimakiller", "Siemens & Co enteignen", "Kohlemine stoppen" und "#StopAdani" entgegen und rufen mit Megaphonen zum Rückzug aus dem Projekt auf.

Während sich draußen kurz vor 14 Uhr die nächste Demo formiert, treten in der weitläufigen Halle die ersten Klimaschützer ans Mikrofon. Varsha Yajman von der "Australian School Strike for Climate" erklärt kurz auf Englisch, sie sei 17 Jahre alt und extra aus Australien angereist. "Joe Kaeser, es ist eine Schande, so einen Vertrag zu unterzeichnen, während unser Land in Flammen steht." Dann macht ihre Vertreterin auf Deutsch weiter, der Auftrag sei ein "ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die ihre Häuser verloren haben". Siemens solle eine "Führungsrolle im Klimaschutz übernehmen".

Die indigene Australierin Murrawah Johnson, Vertreterin der vom Adani-Projekt betroffenen indigenen Völker Wangan und Jagalingou, steht mit Grabesmiene neben ihrem Übersetzer, während der vorträgt: "Unser Volk leistet seit 2012 Widerstand gegen die Mine."

Anders als behauptet habe Siemens nicht mit den indigenen Völkern gesprochen und sich auf Lügen der australischen Regierung verlassen. "Sie wurden betrogen, Herr Kaeser!" Kaeser solle den Vertrag aufkündigen. "Und Murrawah würde sich freuen, wenn Sie endlich mit ihr sprechen."

Helena Marschall, Fridays for Future, setzt noch nach: Es gehe "um etwas viel Größeres als Adani: um Siemens' unehrliche Inszenierung als Klimakonzern".

Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe ermahnt die Redner, eine Hauptversammlung sei keine Bühne, sondern dafür da, Fragen zu stellen. "Wir können die Nachhaltigkeit der Welt nicht hier auf der Hauptversammlung lösen. Aber wir bemühen uns."


Lesen Sie hier unseren Live-Bericht von der Hauptversammlung


Die Investoren haben ihr Urteil schon gefällt. Aus ihrer Sicht ist die Adani-Frage ein einziges Desaster. "Bei einer sorgfältigen Prüfung aller Umwelt- und Reputationsrisiken hätte Siemens diesen Auftrag niemals unterzeichnen dürfen", sagt Vera Diehl, Fondsmanagerin von Union Investment. Kaeser bleibt wenig, als Fehler einzuräumen. "Wir haben das gesamte Bild dieses Auftrags nicht rechtzeitig gesehen."

Kaeser selbst hat die Proteste mit seinen Aktionen befeuert

Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer vor der Olympiahalle während der Siemens-Hauptversammlung

Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer vor der Olympiahalle während der Siemens-Hauptversammlung

Foto: Peter Kneffel/DPA

Das Fatale dabei: So misslungen der Vertragsabschluss im Nachhinein erscheint, so unglücklich hat Kaeser auch bei seinen diversen Versuchen agiert, den Schaden zu begrenzen. Wer den Ablauf genau nachvollzieht, dem liegt der Schluss nahe: Die Riesenwelle ist zum Großteil hausgemacht. Selbst Aktivisten konzedieren, dass sie sich Siemens vorgenommen haben, weil sie damit so hohe Aufmerksamkeit erzeugen.

Und augenscheinlich war es Kaeser selber, der in den vergangenen Wochen die Proteste mit jeder neuen Äußerung und Aktion immer weiter befeuerte.

Als Siemens den Vertrag am 10. Dezember unterzeichnete, war Adani in Deutschland so gut wie kein Thema. Die Proteste im Vorfeld des Vertragsabschlusses beschränkten sich weitgehend auf australische Umweltschützer. Die adressierten von Ende November bis 9. Dezember über 60 Tweets mit dem Hashtag #StopAdani an @JoeKaeser. Aktivisten behaupteten in Tweets, Kaeser auch vor Vertragsabschluss in Mails vor Annahme des Auftrags gewarnt zu haben .

Adani gab zwar am 11. Dezember eine Pressemitteilung zum Auftrag heraus. Dennoch plätscherten die Proteste erstmal eher dahin. Bis Kaeser mit seinem Tweet von 15. Dezember Adani zur Chefsache machte und ankündigte, den Sachverhalt "sorgfältig" zu prüfen und "bald" eine Antwort zu geben. Siemens' Entscheidung könne "sich ändern oder auch nicht".

Kaesers Tweet teilten nun auch viele deutsche Umweltschützer. Und, wie so oft bei Kaesers Tweets, berichteten deutsche Zeitungen und Online-Dienste darüber, was wiederum hundertfach geteilt wurde.

Rief also Kaeser die Schülerbewegung "Fridays for Future" durch den Tweet erst auf den Plan und löste dadurch die Welle aus? Fakt ist: Die deutsche FFF-Vorfrau Luisa Neubauer meldete sich am 26. Dezember erstmals zu Wort, Kaeser solle die Lieferungen für Adani stoppen. Es sei "Wahnsinn", dass Siemens eine Projektbeteiligung plane.

Von da an hielten nicht nur die Klimaschützer, sondern auch Kaeser selber das Thema am Köcheln: Mal bot er Neubauer - wie unter anderem aus autorisierten Interviewaussagen Kaesers hervorgeht - einen Sitz im Aufsichtsrat von Siemens Energy an (den sie ablehnte). Dann wiederum wollte er das gar nicht gesagt haben und nur einen Sitz in einem Nachhaltigkeitsgremium vorgeschlagen haben - was Neubauer wiederum als Lüge zurückwies.

Eine gewisse Einsicht scheint der Vorstandsvorsitzende immerhin zu zeigen. Am Morgen vor der Hauptversammlung sagte er: "Bei solchen Themen kann man nicht gewinnen."

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