Mittwoch, 27. Mai 2020

Siemens-Hauptversammlung Wie Joe Kaeser zur Zielscheibe der Klimaschützer wurde

Joe Kaeser vor der Hauptversammlung am Mittwoch

2. Teil: Kaeser selbst hat die Proteste mit seinen Aktionen befeuert

Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer vor der Olympiahalle während der Siemens-Hauptversammlung
Peter Kneffel/DPA
Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer vor der Olympiahalle während der Siemens-Hauptversammlung

Das Fatale dabei: So misslungen der Vertragsabschluss im Nachhinein erscheint, so unglücklich hat Kaeser auch bei seinen diversen Versuchen agiert, den Schaden zu begrenzen. Wer den Ablauf genau nachvollzieht, dem liegt der Schluss nahe: Die Riesenwelle ist zum Großteil hausgemacht. Selbst Aktivisten konzedieren, dass sie sich Siemens vorgenommen haben, weil sie damit so hohe Aufmerksamkeit erzeugen.

Und augenscheinlich war es Kaeser selber, der in den vergangenen Wochen die Proteste mit jeder neuen Äußerung und Aktion immer weiter befeuerte.

Als Siemens den Vertrag am 10. Dezember unterzeichnete, war Adani in Deutschland so gut wie kein Thema. Die Proteste im Vorfeld des Vertragsabschlusses beschränkten sich weitgehend auf australische Umweltschützer. Die adressierten von Ende November bis 9. Dezember über 60 Tweets mit dem Hashtag #StopAdani an @JoeKaeser. Aktivisten behaupteten in Tweets, Kaeser auch vor Vertragsabschluss in Mails vor Annahme des Auftrags gewarnt zu haben.

Adani gab zwar am 11. Dezember eine Pressemitteilung zum Auftrag heraus. Dennoch plätscherten die Proteste erstmal eher dahin. Bis Kaeser mit seinem Tweet von 15. Dezember Adani zur Chefsache machte und ankündigte, den Sachverhalt "sorgfältig" zu prüfen und "bald" eine Antwort zu geben. Siemens' Entscheidung könne "sich ändern oder auch nicht".

Kaesers Tweet teilten nun auch viele deutsche Umweltschützer. Und, wie so oft bei Kaesers Tweets, berichteten deutsche Zeitungen und Online-Dienste darüber, was wiederum hundertfach geteilt wurde.

Rief also Kaeser die Schülerbewegung "Fridays for Future" durch den Tweet erst auf den Plan und löste dadurch die Welle aus? Fakt ist: Die deutsche FFF-Vorfrau Luisa Neubauer meldete sich am 26. Dezember erstmals zu Wort, Kaeser solle die Lieferungen für Adani stoppen. Es sei "Wahnsinn", dass Siemens eine Projektbeteiligung plane.

Von da an hielten nicht nur die Klimaschützer, sondern auch Kaeser selber das Thema am Köcheln: Mal bot er Neubauer - wie unter anderem aus autorisierten Interviewaussagen Kaesers hervorgeht - einen Sitz im Aufsichtsrat von Siemens Energy an (den sie ablehnte). Dann wiederum wollte er das gar nicht gesagt haben und nur einen Sitz in einem Nachhaltigkeitsgremium vorgeschlagen haben - was Neubauer wiederum als Lüge zurückwies.

Eine gewisse Einsicht scheint der Vorstandsvorsitzende immerhin zu zeigen. Am Morgen vor der Hauptversammlung sagte er: "Bei solchen Themen kann man nicht gewinnen."

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