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Bieterstreit um Alstom: Hightech-Wissen und Marktmacht

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Umbau Wohin Joe Kaeser Siemens steuert

Allmählich kristallisiert sich heraus, wohin Joe Kaeser den Industriekonzern Siemens steuern könnte: Im Vergleich zum Zick-Zack-Kurs seines Vorgängers zeigt der neue Chef klare Prioritäten.

München - Bis vor knapp zwei Wochen war so viel Ruhe bei Siemens, dass mancher schon glaubte, es werde nicht viel passieren. Inzwischen ist Europas größter Industriekonzern in einen Bieterkampf mit dem US-Erzrivalen General Electric  um die französische Alstom  verstrickt.

Selbst, wenn Siemens  im Bieterkampf unterliegt - und dafür spricht viel: Es zeichnet sich ab, dass Siemens sich in den nächsten Jahren so stark verändern wird wie seit Jahren nicht.

Das lässt sich bereits an den diversen Neuerungen ablesen, die vor der Strategiepräsentation des neuen Konzernchefs Joe Kaeser am Mittwoch durchsickerten. Eines haben sie alle gemeinsam: Der ehemalige Finanzchef packt viele Enden gleichzeitig an, die teilweise seit Jahren als strategische Optionen intern diskutiert werden. Manches erinnert auch an die Ära seines Vorvorgängers Heinrich von Pierer.

Das gilt nicht nur für Kaesers bis zu 11 Milliarden Euro schweres Gebot für die Energietechnik-Sparte von Alstom, die schon Pierer vor zehn Jahren kaufen wollte. Auch der bevorstehende Erwerb der kleinen Gasturbinen und Kompressoren von Rolls-Royce wird schon lange diskutiert, da diese Siemens' Portfolio technologisch gut ergänzen.

Dagegen geht der einst auf Betreiben von Pierer akquirierte, österreichische Stahlanlagenbauer VAI mehrheitlich an den japanischen Konzern Mitsubishi Heavy Industries . VAI passte schon in die Konzernaufstellung von Vorgänger Peter Löscher mit seinen vier Sektoren Energie, Industrie, Medizintechnik und Infrastruktur & Städte nicht mehr so recht hinein.

Weniger Engagement bei Hausgeräten

VAI wird nun zwar auf dem Tiefpunkt des Zyklus abgegeben. Angesichts weltweiter Überkapazitäten im Stahlbau spricht aber einiges dafür, dass die Nachfrage so schnell nicht wieder anzieht.

Absehbar ist zudem, dass Siemens sein Engagement in den beiden letzten verbliebenen Endkundengeschäften weitgehend zurückfährt: bei der Hörgerätesparte und Bosch Siemens Hausgeräte (BSH), dem 50:50-Gemeinschaftsunternehmen mit Bosch.

Mit dem schnell drehenden Geschäft mit Konsumgütern tut sich der Investitionsgüterkonzern grundsätzlich schwer, dies ist spätestens seit dem Debakel mit der Mobiltelefonsparte Mitte der 2000er-Jahre klar.

So wird Siemens die Hörgeräte wohl spätestens 2015 über eine öffentliche Aktienplatzierung (IPI) oder einen Spin-off nach dem Vorbild der Ex-Lichttochter Osram  an die Börse bringen. Wettbewerber wie Sonova oder William Demant genießen derzeit am Aktienmarkt außerordentlich hohe Bewertungen. Bei BSH ist angeblich Bosch am Erwerb der Mehrheit interessiert, womit Siemens den Anteil auf knapp 20 Prozent reduzieren könnte.

Stärken stärken, Lücken füllen

Einmal von Alstom abgesehen: Der große Wurf ist das alles nicht. Stattdessen eine Vielzahl von Schritten, die erkennbar in dieselbe Richtung gehen. Stärken will Kaeser stärken, etwa das Energiegeschäft durch Zukäufe. Lücken will er füllen, durch Akquisitionen wie Rolls-Royce (Kurswerte anzeigen) oder auch organisch, indem beispielsweise die Prozessautomatisierung als neue eigene Division stärker betont wird. Bereiche, deren langfristige Perspektive fraglich ist oder die auch einfach anderswo besser aufgehoben sind, werden abgegeben.

Im Vergleich zum Zick-Zack-Kurs von Vorgänger Löscher, der mal in Geschäfte wie Solar oder Atomkraft ein- und dann wieder ausstieg, der mal wachsen und dann wieder sparen wollte, zeigt Kaeser bislang eine klare Linie. Das ist doch schon ein Fortschritt.

So manches wirkt aber auch, als führe der Siemens-Veteran den Konzern "zurück in die Zukunft". Schon Pierer kaufte einst im Energiegeschäft groß zu: den US-Rivalen Westinghouse. Westinghouse gilt als einer der geglücktesten Firmenerwerbe in Siemens' an Pannen nicht gerade armer Akquisitionshistorie.

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Über die Neuorganisation, die Kaeser am Mittwoch vorstellt, spötteln intern einige bereits "Pierer 2.0". Dabei wird die von Löscher eingeführte zusätzliche Ebene der vier Sektoren abschafft, die Sektorchefs werden entmachtet und damit die Verantwortung fürs operative Geschäft vom Vorstand wieder nach unten in die Geschäftsfelder verlagert. Bereits vergangenen Herbst hatte Kaeser bereits Löschers Clusterorganisation gekippt und damit die Länderchefs wieder gestärkt.

Kaeser dreht Löschers Zusatzhierarchie zurück

Durch Löschers Zusatzhierarchie war zuletzt die Bürokratie gewuchert, zugleich wollte kaum mehr jemand Verantwortung übernehmen. Insofern könnte der erneute Großumbau Kräfte freisetzen. Die Führung muss allerdings aufpassen, dass nicht der Schlendrian alter Zeiten wieder einsetzt und Geschäfte auch mit unlauteren Mitteln angebahnt werden.

Ein großer Wurf wäre allerdings der Kauf der Alstom-Energietechnik, gar die größte Akquisition in der Firmengeschichte. Zwar ist die Vorstellung aus Siemens-Sicht ungemütlich, dass sich GE so direkt vor der Haustür breitmacht. Dennoch überwiegen die Risiken: Der Konzern tat sich schon bei der Integration viel kleinerer Zukäufe, die unter weniger politischer Beobachtung standen, oft sehr schwer.

Zum Glück, so sagen viele bei Siemens, ist ein Sieg der Münchner nicht besonders wahrscheinlich. Die tieferen Taschen dürfte GE mit ihren Milliarden an unversteuerten Auslandsgewinnen haben.

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