Mittwoch, 18. September 2019

Siemens-Selbstzerlegung auf Zielgerade Joe Kaesers Befreiungsschlag

Predigt "inklusiven Kapitalismus", verfolgt aber knallhart die Interessen der Aktionäre und damit auch seine eigenen: Siemens-Chef Joe Kaeser

Siemens-Chef Joe Kaeser ist ein Coup gelungen. Sein Plan, Siemens' gesamtes Energiegeschäft an die Börse zu bringen, wird die Investoren jubilieren lassen. Die einst so profitable Sparte war seit über anderthalb Jahren wegen des weltweiten und dauerhaften Einbruchs der Nachfrage nach fossilen Kraftwerken der große Malus für die Siemens-Aktie. Nun, so haben es auch die Arbeitnehmer unterschrieben, wird Siemens die Mehrheit im September 2020 in einem Teil-Spin-off an die eigenen Aktionäre übertragen.

Wie nebenher attackiert Kaeser damit sowie mit dem drastischen Abbau von gut 10.000 Stellen in zentralen Verwaltungsfunktionen auch den Konglomeratsabschlag, der auf die Siemens-Aktie Börsen-Chart zeigen drückt und sich zuletzt wegen Kaesers komplizierter "Flottenverbund"-Strategie noch vergrößert hat.

So gerne und oft sich Kaeser als Gutmensch inszeniert, indem er etwa "inklusiven Kapitalismus" predigt, seine Taten sprechen eine ganz andere Sprache. Wie knallhart er das Primat der Aktionäre (und damit seine eigenen Interessen) quasi im Handstreich durchsetzt, ist schon beeindruckend.

Allenfalls noch kleine Siege für die Arbeitnehmerbank

Der - zumindest in der Historie - durchaus starken Arbeitnehmerbank gelingen allenfalls noch kleine Siege bei eher randständigen Aspekten: Die neue Energiefirma, die auch nach ihrem Listing Siemens im Namen tragen soll, wird für die erste Zeit Siemens' Kündigungsschutzabkommen "Radolfzell II" übernehmen. Auch dass der japanische Rivale Mitsubishi Hitachi - wie von Kaeser zunächst angestrebt - Teile des Energiegeschäfts mehrheitlich übernimmt, konnten die Arbeitnehmer verhindern. Weiter abgebaut wird trotzdem auch in den nächsten Jahren werden.

Die Bedeutung dieses "historischen Schritts" (Kaeser) ist kaum zu überschätzen. Seit Siemens Mitte der 2000er Jahre den Rückzug aus der Telekommunikation beschloss, in der Kaeser großgeworden war, mutete kein CEO dem Konzern mehr eine so drastische Veränderung zu.

Börsengang der Zugsparte wohl nur noch eine Frage der Zeit

Die Kaesersche Selbstzerlegung geht damit auf die Zielgerade. Dass die Zugsparte nach der geplatzten Fusion mit dem französischen Rivalen Alstom ebenfalls an der Börse gelistet wird, scheint nur noch eine Frage der Zeit. Siemens bleibt dann noch ein industrieller Kern, ausgerichtet auf die Digitalisierung von Fabriken und Gebäuden.

Doch was wird aus dem Kraftwerksgeschäft und seinen 88.000 Mitarbeitern?

Die traurige Wahrheit ist, dass die Sparte Stand heute von einer Börsentauglichkeit weit entfernt ist. Die von Kaeser geholte, amerikanische Spartenchefin Lisa Davis ist in fünf Jahren an der Spitze jeglichen Beweis schuldig geblieben, dass sie das Geschäft erfolgreich entwickeln oder auch nur sauber restrukturieren kann. Seit Jahren kehren Topleute der Sparte den Rücken.

Kraftwerksgeschäft von Börsentauglichkeit weit entfernt

Selbst jetzt, wo der dominierende Marktführer General Electric schwächelt wie noch nie, nimmt nicht etwa Siemens, sondern primär Mitsusbishi GE Marktanteile ab. Soll sich das Energiegeschäft dauerhaft eigenständig am Markt und an der Börse behaupten, braucht es dringend qualifiziertes Management an der Spitze. Sonst droht ihm immer weiterer Abbau, wenn nicht gar die komplette Zerlegung.


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Siemens frühere Lichttochter Osram sollte Kaeser als mahnendes Beispiel dienen. Vor Osrams Teil-Spin im Jahr 2013 installierte Siemens mit Wolfgang Dehen einen Konzernvorstand ohne tiefere Lichtkenntnisse als CEO, da man anderweitig keine Verwendung mehr für ihn hatte. Dehen und sein ebenfalls im Lichtgeschäft unerfahrener Nachfolger Olaf Berlien managten Osram mittlerweile reif für Übernahme und Delisting.

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