Dienstag, 20. August 2019

Umstrittener Alstom-Deal Siemens-Chef Kaeser greift EU-Kommissarin Vestager erneut an

Operativ schwächer, Nettogewinn halbiert: Siemens-Chef Joe Kaeser wird heute die Zahlen zum jüngsten Quartal erläutern

Siemens-Chef Joe Kaeser keilt erneut gegen EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager und bezeichnet sie als rückwärtsgewandte Technokratin. Siemens jedenfalls werde Brüssel bei dem angestrebten Deal mit Alstom nicht weiter entgegenkommen, sagt der Manager. Will er damit die mäßigen Quartalszahlen überspielen?

Siemens-Chef Joe Kaeser will für die Fusion der Zug-Sparte mit dem französischen Konkurrenten Alstom nicht weiter auf die Wettbewerbshüter der EU zugehen. "Es ist für alle Beteiligten gut, wenn sie gelingt. Wir werden sie aber nicht um jeden Preis suchen", sagte Kaeser vor der Hauptversammlung am Mittwoch in München.

Siemens und Alstom hatten ihre Zugeständnisse kürzlichleicht nachgebessert, um die EU-Kommission in letzter Minute umzustimmen. Dabei geht es im Kern lediglich um eine Ausweitung der Lizenzen für Bahn- und Signaltechnik. Mehr als 4 Prozent Umsatz wollen die Konzerne durch Verkäufe von Firmenanteilen weiterhin nicht abgeben. "Nun ist es an den Wettbewerbsbehörden zu entscheiden", betonte Kaeser am Mittwoch gleichwohl.

"Und es wird interessant sein zu sehen, ob die Zukunft der Mobilität in Europa durch rückwärtsgerichtete Technokraten oder aber von zukunftsorientierten Europäern bestimmt wird", giftete der Siemens-Chef in Richtung EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager.

In ähnlichen Worten hatte Kaeser die EU-Kommissarin bereits am Wochenende kritisiert. Sie steht der Fusion ablehnend gegenübersteht. Die offizielle Entscheidung fällt bis zum 18. Februar. Wenn der Zusammenschluss zum zweitgrößten Zughersteller der Welt nicht zustande komme, habe Siemens auch noch andere Möglichkeiten, sagte Kaeser, ohne diese zu nennen.

Zugsparte mit dickem Auftragsplus im ersten Quartal

"Wir können uns aus einer Position der Stärke heraus alle Optionen ansehen." Laut Unternehmenskreisen erwägt Siemens, die Zugsparte dann allein an die Börse zu bringen. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2018/19 erlebte sie - unter anderem dank einer 1,6 Milliarden Euro schweren Order für U-Bahnen in London - einen Auftragszuwachs um 40 Prozent.

Insgesamt bröckelte der operative Gewinn von Siemens zu Beginn des Geschäftsjahres aber ab. Das angepasste operative Ergebnis (Ebita) aus dem Industriegeschäft ging von Oktober bis Dezember um 6 Prozent auf 2,07 Milliarden Euro zurück. Das lag unter den Erwartungen der von Reuters befragten Analysten und "am unteren Rand" der eigenen Planungen von Siemens, wie Kaeser sagte. Grund dafür waren vor allem starke Gewinneinbrüche in der Kraftwerks-Sparte Power & Gas und im Energiemanagement.

Unter dem Strich verdiente Siemens Börsen-Chart zeigen wegen wegfallender Sondereffekte im ersten Quartal 1,1 Milliarden Euro - knapp 50 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Damals hatte Siemens besonders von der US-Steuerreform profitiert. Auch der Verkauf der Osram-Anteile hatte den Gewinn auf ein besonders hohes Niveau gehoben, wie der Konzern weitere mitteilte. Operativ liege der Wert in etwa auf dem Niveau des Vorjahres.


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Deutlich zulegen konnte Siemens zudem im Neugeschäft. Vor allem dank einer starken Entwicklung in der Zugsparte stiegen die Auftragseingänge um 12 Prozent auf 25,2 Milliarden Euro - deutlich mehr, als Analysten erwartet hatten. Aber auch das weiterhin deutlich schwächelnde Kraftwerksgeschäft konnte wieder mehr Aufträge einwerben. Die Jahresprognose bekräftigte Siemens.


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Vorstandschef Joe Kaeser erklärte, das zeige "das Vertrauen der Kunden in die Leistungsfähigkeit" des Konzerns. "Es gibt aber noch viel zu tun, um in allen Geschäften führende Margen zu erreichen."

Kaeser hatte den neu zugeschnittenen Sparten im vergangenen Jahr neue mittelfristige Renditeziele vorgegeben. Im ersten Quartal lag die bereinigte Marge im Industriegeschäft mit 10,6 (Vorjahr: 11,4) Prozent unter dem Zielwert für das Geschäftsjahr 2018/19 (Ende September). Siemens peilt bei einem "moderaten Umsatzwachstum" eine operative Marge von elf bis zwölf Prozent an.

rei/dpa/Reuters

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