Hubert Lienhard wird zweiter mächtiger Mann im Aufsichtsrat Joe Kaeser kommt kritischen Investoren bei Siemens Energy entgegen

Ohne zweijährige Abkühlungsphase wechselte der scheidende Siemens-Chef direkt auf den Energy-Aufsichtsratsvorsitz. Das sorgte für Kritik. Jetzt kommt Kaeser den Kritikern mit einer neuen Personalie entgegen.
Joe Kaeser: Der Manager will kritische Investoren bei Siemens Energy ein wenig besänftigen

Joe Kaeser: Der Manager will kritische Investoren bei Siemens Energy ein wenig besänftigen

Foto: Hannibal Hanschke/ REUTERS

Der scheidende Siemens-Chef Joe Kaeser (63) führt bei Siemens Energy  einen mächtigen zweiten Mann im Aufsichtsrat ein, um drohender Investorenkritik an seinem Energy-Aufsichtsratsvorsitz den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die im Herbst 2020 abgespaltene ehemalige Energietochter von Siemens wird auf ihrer ersten Hauptversammlung am 10. Februar für ihren Aufsichtsrat den deutschlandweit ersten "Lead Independent Director" bestellen, wie Kaeser in einem Aktionärsbrief ankündigt. Man habe den ehemaligen Voith-Chef Hubert Lienhard (70) als "spezielles unabhängiges Mitglied benannt, das ausdrücklich über die Interessen der Aktionäre wacht".

Damit umwirbt Kaeser vor allem angelsächsische Investoren. Diese fordern seit vielen Jahren - bisher ohne Erfolg -, das Konzept des "Lead Independent Directors" auch in deutschen Kontrollgremien einzuführen. Dabei handelt es sich um ein nach allen Kriterien unabhängiges Aufsichtsratsmitglied, das neben dem Aufsichtsratsvorsitzenden eine besonders starke Stellung einnimmt und – das ist besonders wichtig – von den Investoren auch direkt angesprochen werden kann.

Fondsmanager fühlen sich oft zu wenig gehört

Hubert Lienhard: Der ehemalige Voith-Chef wird "Lead Independent Director" im Aufsichtsrat von Siemens Energy

Hubert Lienhard: Der ehemalige Voith-Chef wird "Lead Independent Director" im Aufsichtsrat von Siemens Energy

Foto: Christoph Soeder/dpa

Die Fondsmanager fühlen sich in der deutschen Form der Unternehmensführung vielfach zu wenig gehört, da sie sich nur mit dem Vorstand austauschen können, auf dessen Besetzung aber keinen direkten Einfluss haben. Wählen können sie nur die Aufsichtsräte. Doch obwohl deutsche Aufsichtsräte zur Hälfte mit Anteilseignervertretern besetzt sind, dürfen Investoren nur die Chefaufseher ansprechen. Die allerdings stellen sich dafür nur selten bis gar nicht zur Verfügung.

Kaeser scheidet mit Beendigung der Siemens-Hauptversammlung am 3. Februar als Siemens-Vorstandschef aus. Den Aufsichtsrat von Energy führt er bereits, seit Siemens vergangenen Herbst den Anteil an Siemens Energy auf 35,1 Prozent reduziert und Energy via Spin-off an die Börse gebracht hat. Am 10. Februar stellen sich Kaeser und alle anderen Aufsichtsräte erstmals auch den externen Aktionären zur Wahl.

An Kaesers Wahl zum Energy-Aufsichtsratsvorsitzenden bestand zwar wegen der hohen Siemens-Beteiligung kein Zweifel; er hätte allerdings wegen Zweifeln an seiner Unabhängigkeit ein unschönes Wahlergebnis bei den Drittaktionären befürchten müssen.

In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Kritik von Fondsmanagern daran, dass Kaeser vom Siemens-Vorstandsvorsitz direkt ohne eine zweijährige Abkühlungsphase auf den Energy-Aufsichtsratsvorsitz wechselte. Kaeser selbst und seine Co-Kontrolleure dagegen sehen ihn trotzdem als formal unabhängig an, wie Kaeser in dem Brief schreibt. Auch sein Aufsichtsratsamt bei der indischen Siemens-Tochter werde er zum 12. Februar niederlegen und habe "fortan keine weiteren Bindungen und Verpflichtungen gegenüber der Siemens AG", schreibt Kaeser.

Die Skepsis bei Investoren wird noch dadurch verschärft, dass die zweitwichtigste Position im Energy-Aufsichtsrat, die des Prüfungsausschussvorsitzenden, von Ralf Thomas (59) eingenommen wird. Thomas ist bis heute Siemens-Finanzvorstand und begleitete in dieser Funktion Kaeser seit dessen Aufstieg zum Siemens-CEO 2013 hochloyal.

Personalie Ralf Thomas - auch hier signalisiert Kaeser Entgegenkommen

Auch bezüglich Thomas räumt Kaeser in dem Aktionärsbrief erstmals Entgegenkommen ein: Der Siemens-CFO solle den Prüfungsausschuss nur "für eine Übergangszeit" leiten. Kaeser geht davon aus, dass sich "in den nächsten ein bis zwei Jahren Umstände ergeben, die die weitere Ausprägung des Prüfungsausschusses mit unabhängigen Mitgliedern unterstreicht".

Lienhards starke Stellung wird sich manifestieren darin, dass er Kaesers Stellvertreter beim Vorsitz im Aufsichtsrat insgesamt, im Präsidium, im Innovations- und Finanzausschuss sowie im Nominierungsausschuss wird. Zudem werde Siemens bei Lienhards Wahl "nur mit erheblich reduzierten Stimmen" abstimmen.

Kaeser und Lienhard kennen sich lange; Kaeser war auch Lienhards Nachfolger als Präsident des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft (APA). Formal ist Lienhards Unabhängigkeit indes gegeben. Der promovierte Ingenieur leitete von 2008 bis 2018 den Heidenheimer Maschinenbauer Voith und gehört seither Voiths Gesellschafterausschuss und Aufsichtsrat an.

Siemens Energy und Siemens kommen zudem dem langjährigen Investorenwunsch nach kürzeren Wahlperioden ihrer Kontrolleure nach. Die beiden Schwesterkonzerne lassen nur noch auf vier Jahre wählen, wie aus ihren Hauptversammlungseinladungen hervorgeht. "Hierdurch soll Anforderungen einer modernen Corporate Governance Rechnung getragen werden", schreiben sie. Die in Deutschland üblichen fünf Jahre werden von Fondsmanagern seit langem kritisiert. Im angelsächsischen Raum sind Wahlperioden von nur einem Jahr gang und gäbe.

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