Sonntag, 31. Mai 2020

Siemens-Chef Kaeser verteidigt Strategie "Das digitale Zeitalter duldet kein Mittelmaß"

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Bild: REUTERS

Siemens hat im ersten Quartal nur dank des Verkaufs seiner Osram-Aktien seinen Gewinn gesteigert. Im schwierigen Kraftwerksgeschäft kämpft Siemens weiter mit Problemen. Konzern-Chef Joe Kaeser sieht sich in seinem Plan bestätigt, bringt aber eine mögliche Lösung für den Standort Görlitz in Spiel.

Siemens -Chef Joe Kaeser hat vor Aktionären für seine neue Strategie geworben, den einzelnen Bereichen mehr Freiräume und Selbstständigkeit zu geben. "Konglomerate alten Zuschnitts haben keine Zukunft mehr", sagte er am Mittwoch auf der Hauptversammlung in München. Deswegen müsse der Konzern nun die Voraussetzungen für das Siemens der nächsten Generation schaffen.

Kaeser verfolgt die Strategie eines "Flottenverbundes", der die einzelnen Einheiten selbstständiger und damit agiler und wettbewerbsfähiger machen soll. Vor diesem Hintergrund war bereits das Windgeschäft mit dem spanischen Konkurrenten Gamesa fusioniert worden. Für das Zuggeschäft wurde ein Zusammenschluss mit dem französischen Wettbewerber Alstom vereinbart. Die Medizintechnik soll voraussichtlich in wenigen Wochen an die Börse. Dann gäbe es künftig drei börsennotierte Töchter, die annähernd für die Hälfte des Konzernumsatzes stehen.

Kaeser sieht dabei die Marke Siemens künftig als "starkes und verbindendes Element". Die einzelnen Bereiche sollen sich so organisieren, "dass sich jedes einzelne mit den Spezialisten messen kann". Weiter erklärte Kaeser: "Das digitale Zeitalter duldet kein Mittelmaß." Siemens habe die Zeichen der Zeit erkannt. Von anderen Konglomeraten könne man das weniger behaupten. "Unter den Konglomeraten sind wir also vorne." Feierlaune oder Schadenfreude seien jedoch unangebracht.

Kaeser signalisiert mögliche Lösung für Standort Görlitz

Bei dem umstrittenen Jobabbau in der Kraftwerksparte hat der Siemens-Chef eine mögliche Lösung für den von der Schließung bedrohten Standort im sächsischen Görlitz ins Spiel gebracht. Man erwäge ein "Industriekonzept Oberlausitz", sagte Kaeser am Mittwoch zur Hauptversammlung in München. Vorstellbar wäre etwa, dass das Werk eigenständiger werde, dabei aber zunächst unter dem Dach von Siemens verbleibe.

Stellen sich den Aktionären: Siemens-Vorstand Michael Sen, Vorstandschef Joe Kaeser, Personalchefin und Vorstandsmitglied Janina Kugel und Finanzvorstand Ralf Thomas (von links)

In einigen Jahren könnte der Standort dann in einem Industriecluster aufgehen. Um solche Erwägungen umzusetzen, bedürfe es allerdings der Mitwirkung der Bundes- und Landesregierung sowie anderer Beteiligter, sagte Kaeser.

Siemens will wegen Nachfrageflaute und Preisdruck im Kraftwerksgeschäft Tausende Jobs streichen und hatte auch die Schließung von Werken angekündigt, darunter auch in Görlitz. Erst kürzlich hatte Kaeser den Beschäftigten des Standortes Hoffnung gemacht. "Wir werden Görlitz nicht fallen lassen", hatte Kaeser am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos gesagt. "Wir werden diesen Menschen helfen, wir geben ihnen eine Zukunft."

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