Debatte um Kahlschlag in der Kraftwerkssparte Was Chefaufseher Snabe anders machen will

Jim Hagemann Snabe: Der Ex-SAP-Chef wird am Mittwoch Gerhard Cromme als Aufsichtsratschef bei Siemens ablösen

Jim Hagemann Snabe: Der Ex-SAP-Chef wird am Mittwoch Gerhard Cromme als Aufsichtsratschef bei Siemens ablösen

Foto: DPA

Wenn Jim Hagemann Snabe nach der Siemens-Hauptversammlung am Mittwoch Siemens-Chefkontrolleur Gerhard Cromme ablöst, will er die Flexibilität und Schnelligkeit der Arbeit des Aufsichtsrats deutlich erhöhen. Künftig sollten die Siemens-Räte mindestens einmal im Jahr grundsätzlich über die Strategie des Münchener Industrieriesen diskutieren, sagte Snabe im aktuellen manager magazin. Der frühere SAP-Co-CEO gehört dem Siemens-Kontrollgremium seit 2013 an und wurde vor einem Jahr zum Nachfolger für den altersbedingt ausscheidenden Cromme gekürt.

Unter Cromme fanden Strategiediskussionen eher reaktiv auf Vorstandsvorlagen statt, zum Beispiel, als der Siemens  -Vorstand den Kontrolleuren 2016 die Einbringung der Windsparte in den börsennotierten spanischen Rivalen Gamesa vorschlug. Die letzte umfassende Beschäftigung des Aufsichtsrats mit der Strategie des gesamten Unternehmens datiert bis 2014 zurück, als Siemens-Chef Joe Kaeser sein Unternehmenskonzept "Vision 2020" vorstellte.

Diese Strategie, die Kaeser als Ausrichtung des Unternehmens auf Wachstumsfelder entlang der Wertschöpfungskette der Elektrifizierung beschrieb, ist weitgehend abgearbeitet; so soll noch vor Ostern die in "Siemens Healthineers" umbenannte Medizintechniksparte an die Börse. Noch in diesem Frühjahr will der CEO ein Folgekonzept mit dem Arbeitstitel "Vision 2020+" vorstellen.

Kaeser dürfte Umbau mit Snabe eher noch beschleunigen

Mit Snabe dürfte Kaeser seine Umbaupläne eher noch beschleunigen. Der Däne proklamiert stets, der tiefgreifende Wandel durch neue Technologien zwinge Unternehmen, sich immer wieder neu zu erfinden. Deshalb könne man auch keine Strategie für 2030 machen, sagte er dem manager magazin. Man könne aber "eine ambitionierte Richtung festlegen und dann über Iterationen lernen. Das bedeutet aber auch, dass wir ständig gucken müssen: wo stehen wir und wie optimieren wir weiter."

Während Kaeser die künftige Ausrichtung des Konzerns als "koordinierten und leistungsfähigen Flottenverbund" weitgehend selbständig agierende Schiffe beschreibt, hat Snabe dafür einen Vergleich aus der IT-Welt parat: So wie vor Jahrzehnten der Mainframe erst durch ein Netzwerk kleiner Computer und dann durch das Smartphone ersetzt wurde, müssten in der heutigen flexiblen Welt auch bei Siemens die Bereiche "unabhängiger agieren können, aber noch integriert bleiben.

Die Plattform liefert diese Integration und einen Mehrwert", sagte Siemens' neuer Chefaufseher. Der Mehrwert der Plattform Siemens bestehe zum großen Teil in der Marke, aber auch in übergreifenden Technologien wie MindSphere, Siemens' Cloud-basiertem Betriebssystem für das industrielle Internet.

Görlitz, Leipzig, Berlin: Siemens vor turbulentester Hauptversammlung seit Jahren

Die Hauptversammlung - voraussichtlich die turbulenteste seit vielen Jahren - wird Snabe am Mittwoch allerdings noch als Zuhörer auf der Bühne verfolgen; er wird erst in der anschließenden Aufsichtsratssitzung gewählt. Im Zentrum der Diskussion dürften neben dem Healthineers-Börsengang die künftige Unternehmensstrategie sowie die Stellenabbaupläne stehen.

Siemens  hatte im November bekanntgegeben, im unter Auftragsschwund leidenden Kraftwerksgeschäft und in der Antriebssparte weltweit insgesamt 6900 Stellen abzubauen, davon die Hälfte in Deutschland. Belegschaftsaktionäre wollen Kaeser und der zuständigen Vorständin Lisa Davis deshalb die Entlastung verweigern.

Schließungspläne für Görlitz, Leipzig und Berlin - Protest der IG Metall

Die Schließungspläne für die Standorte in Görlitz, Leipzig, das Dynamowerk in Berlin sowie eventuell auch die Standorte in Erfurt und Offenbach sorgen seit Monaten für eine beispiellose Protestwelle. 300 Mitarbeiter wollen laut IG Metall am Mittwoch vor der Münchener Olympiahalle demonstrieren; 35 Beschäftigte aus Görlitz traten die 550 Kilometer lange Reise vor einigen Tagen sogar mit ihren Fahrrädern an.

Ungeschickt goss Kaeser vergangene Woche in Davos noch selbst Öl ins Feuer, indem er beim Dinner mit US-Präsident Donald Trump behauptete: "Weil Sie so erfolgreich waren mit der Steuerreform, haben wir uns entschlossen, unsere nächste Generation von Gasturbinen in den USA zu entwickeln."

Kaesers Aussage ist faktisch falsch; die von ihm angesprochene nächste Gasturbinengeneration des Flaggschiffs HL-Klasse ist bereits seit 2017 auf dem Markt, bisher mit sehr schwacher Resonanz. Nur eine einzige HL-Turbine konnte bislang verkauft werden: an den US-Energieversorger Duke Energy.

Kaesers Dinner mit Trump und ein Sturm im Wasserglas

Duke spielt quasi "Versuchskaninchen" für die Neuentwicklung und errichtet mit der Turbine ein Testkraftwerk in North Carolina. Dabei trägt Siemens einen großen Teil der Kosten, da dieses Testkraftwerk den Münchenern ermöglicht, die neue Turbine im US-Markt zu testen und zu validieren.

Weder hat dies mit der US-Steuerreform zu tun (die Vereinbarung mit Duke schloss Siemens im Juni 2017), noch plant Siemens in den USA die nächste Turbinengeneration zu entwickeln. Das Gegenteil ist der Fall. Das im November 2017 veröffentlichte Umbaukonzept sieht vor, Entwicklung und Produktion vom US-Gasturbinenstandort in Charlotte ins Berliner Gasturbinenwerk umzusiedeln.

Belegschaft und IG Metall nehmen den Siemens-Chef allerdings - das ist wenig überraschend - beim Wort; Kaesers Aussagen lösten massive Kritik aus. Klassische "Stürme im Wasserglas", und eigentlich für alle Beteiligten unnötig.

Verkauf von Erfurter Werk an Brush offenbar geplatzt

Verkauf von Erfurter Werk an Brush offenbar geplatzt

Auch sonst läuft wenig rund bei Kaesers Abbauplan: Nach Informationen von manager-magazin.de wird es zunehmend unwahrscheinlicher, dass das Generatorenwerk in Erfurt wie geplant verkauft werden kann. Unternehmenskreisen zufolge sind Verhandlungen mit dem britischen Generatoren- und Transformatorenhersteller Brush geplatzt. Brush war seit Monaten der favorisierte Erwerber.

Ernsthafte weitere Interessenten sind kaum in Sicht, obwohl das Werk als eines der modernsten auf der Welt gilt. Ganz vom Tisch soll der Verkauf gleichwohl noch nicht sein. Ein Siemens-Sprecher lehnte einen Kommentar zu den Informationen ab.

Für die 700 Beschäftigten des Erfurter Werks wäre ein gescheiterter Verkauf nicht unbedingt eine gute Nachricht, da das hochmoderne Werk damit ebenfalls vor der Schließung steht. Brush hätte allerdings ohnehin nur die Fertigung kleiner Generatoren übernehmen und diese künftig an Siemens zuliefern sollen. Die Großgeneratoren mit einer Leistung von 150 Mega-Volt-Ampere aufwärts plant Siemens in die USA nach Charlotte zu verlagern.

7000 Menschen in Görlitz bei Demonstration auf der Straße

Den über 900 Beschäftigten in Görlitz, die seit Monaten um ihr von der Schließung bedrohtes Industriedampfturbinen-Werk bangen, hatte Kaeser vergangene Woche in Davos zwar abermals Hoffnung gemacht. "Wir werden Görlitz nicht fallen lassen", sagte der Siemens-Chef am Rande des Weltwirtschaftsforums. "Wir werden diesen Menschen helfen, wir geben ihnen eine Zukunft." Er wisse zwar noch nicht, wie dies geschehen könne - aber es werde einen Weg geben.

Der Widerstand nimmt dennoch nicht ab, obwohl Kaeser immer wieder beschwichtigt. Vorletzte Woche beteiligten sich 7000 Menschen an einer Großkundgebung in der ostsächsischen Stadt.

Aus gutem Grund: Eine Handlungsanweisung an das Topmanagement der Kraftwerkssparte um Divisionschef Willi Meixner, die Schließungspläne zu überdenken, gab es offenbar noch nicht. Görlitz' Oberbürgermeister Siegfried Deinege sagte, er glaube nicht, dass Meixner zur Kenntnis genommen habe, was Joe Kaeser bei seinem Besuch vor Weihnachten in Görlitz versprochen habe: "Nämlich lösungsorientiert ein tragfähiges Konzept für den Siemens-Standort und damit die Region zu erarbeiten. Mein Eindruck ist zurzeit, dass Herr Meixner noch das Ursprungskonzept umsetzen will."

Tatsächlich ist Görlitz Gegenstand von Verhandlungen des Gesamtpakets, und die dürften bis zum Spätsommer andauern.

Schließungspläne auch intern umstritten

Die Schließungspläne für den ostsächsischen Standort sind indes auch Siemens-intern besonders umstritten: zum einen wegen einer zu befürchtenden, weiteren politischen Radikalisierung der Region. Zum anderen bezweifeln nicht nur Görlitzer Mitarbeiter und Arbeitnehmervertreter, sondern auch Mitglieder des Managements die betriebswirtschaftliche Logik des Schritts und vermuten andere Beweggründe. "Bei der Schließung von Görlitz geht es in erster Linie darum, den Standort in Mülheim zu stabilisieren", heißt es vereinzelt in Kreisen des Siemens-Managements. Mülheim ist vom Abbau zwar ebenfalls betroffen, kommt mit geplanten 640 Stellenstreichungen bei insgesamt 4700 Arbeitsplätzen aber noch relativ glimpflich davon.

Während das Görlitzer Werk Weltmarktführer bei Dampfturbinen für industrielle Anwendungen ist und offenbar zu 80 Prozent ausgelastet ist, leidet Mülheim mehr als die meisten anderen Werke von Siemens' "Power + Gas"-Sparte unter der Energiewende: Der Traditionsstandort im Ruhrgebiet produziert Komponenten für große Dampfturbinen, doch diese sind angesichts der Abkehr vieler Regierungen von Kohle- und Atomkraftwerken kaum noch gefragt.

Um die Hallen in Mülheim zu füllen - dort sind derzeit sogar zwei neue im Bau -, will Siemens die Görlitzer Industriedampfturbinen künftig in Mülheim entwickeln und fertigen. Angesichts des sehr speziellen Know-hows, das maßgeschneiderte Gesamtlösungen für die unterschiedlichsten Kunden umfasst, zweifeln Fachleute, ob dies überhaupt realistisch ist: "Die Kompetenz in Görlitz aufzubauen, hat Jahrzehnte gebraucht. Das Know-how wird sich nie in einem Fünf-Jahres-Plan nach Mülheim oder auch nach Tschechien oder Indien transferieren lassen", so ein Görlitzer Manager.

Schrumpfkur als Vorbereitung für Ausgliederung?

Soll Schrumpfkur die Ausgliederung von Kraftwerk-Teilen vorbereiten?

Spartenchef Meixner argumentiert dagegen, die Produktionskosten seien in Görlitz zu hoch - ohne dies aber mit Zahlen zu untermalen. Die öffentlich verfügbaren Rahmendaten lassen zweifeln, dass in Mülheim billiger produziert werden kann: Dort wird 35 (Görlitz: 38) Stunden pro Woche gearbeitet, zu West- statt Osttariflöhnen. Lediglich die Abfindungen in Görlitz dürften für Siemens günstiger ausfallen, auch da das Werk dem Konzern erst seit 25 Jahren gehört und damit keine Betriebszugehörigkeiten von 30 Jahren und länger abzufinden sind. Zudem ist der Organisationsgrad der bei Siemens einflussreichen IG Metall in Mülheim deutlich höher als im Osten, und der Mülheimer Betriebsratschef gilt als politisch exzellent vernetzt.

Einige Siemensianer - Betriebsräte wie Manager - argwöhnen, dass Kaeser mit der gesamten Schrumpfkur auch die Ausgliederung von Teilen der Kraftwerkssparte vorbereiten könnte. Diesen Spekulationen gab der CEO vergangenen Dezember selbst neue Nahrung: in dem er die großen Gas- und Dampfturbinen im Interview mit dem "manager magazin"explizit nicht mehr zum künftigen "industriellen Kern" von Siemens zählte. Nach mm-Informationen hatte Kaeser bis Frühjahr 2017 bereits mit der japanischen Mitsubishi Heavy Industries über eine Zusammenlegung der Kraftwerkssparten verhandelt.

Bei all diesen Plänen dürfte der neue Chefaufseher Snabe den CEO voll unterstützen, ebenso wie der bisherige Amtsinhaber Cromme. In seinem mm-Gespräch sah Snabe in Kaesers Agieren keinerlei Anlass zur Kritik - im Gegenteil: "Was Herr Kaeser und der gesamte Vorstand in den letzten Jahren für Siemens getan haben, ist schon beeindruckend", so Snabe gegenüber mm.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.