Siemens-Chef hält an Börsengang der Medizintechnik fest "Make Siemens great again"

Siemens-Chef Kaeser hält am geplanten IPO der Medizintechnik fest: "Wir werden nicht als letztes Konglomerat der Welt das Licht ausmachen"

Siemens-Chef Kaeser hält am geplanten IPO der Medizintechnik fest: "Wir werden nicht als letztes Konglomerat der Welt das Licht ausmachen"

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Die wichtigsten Akteure bei Siemens: König Joes wichtigste Mitstreiter

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Am Morgen schlug Joe Kaeser doch mal ungewohnt kritische Töne gen Donald Trump an. "Es besorgt uns schon, dass wir Töne höre, die zur bisherigen Wahrnehmung dieses Landes nicht passen." Das hinderte den Siemens-Chef aber nicht daran, den Leitspruch des exaltierten US-Präsidenten flugs für Europas größten Industriekonzern zu adaptieren. Heute würde man, scherzte er, sein 2014 gestartetes Unternehmensprogramm "Vision 2020" womöglich "Make Siemens great again" nennen.

Solche Sprüche kann sich Kaeser leisten, ohne auch nur Stirnrunzeln beim Publikum zu erzeugen. Nach dreieinhalb Jahren an der Spitze von Siemens  ist er unangefochten wie unter den Dax-Chefs vielleicht sonst nur noch Daimler-Chef Dieter Zetsche. Die Aktie von Siemens  vollzog am Mittwoch einen Kurssprung und tastete sich an das Rekordhoch heran.

Und Kaeser baut Europas größten Industriekonzern immer weiter in Richtung Software-Konzern mit angeschlossener Industrieabteilung um. Dieser Ausdruck, wandte Chefkontrolleur Gerhard Cromme zwar ein, sei ebenso falsch wie der frühere Spott über Siemens als "Bank mit angeschlossener Elektroabteilung". Aber auch an jenem Begriff war damals, in den neunziger Jahren, einiges dran.

Welche Industrien die Industrieabteilung langfristig noch umfassen wird (und wie stark Siemens daran beteiligt bleibt), scheint offen. Die Windsparte bringt Siemens gerade in den börsennotierten spanischen Wettbewerber Gamesa ein. Die Münchener halten die kombinierte Firma nicht komplett, sondern nur mehrheitlich.

Medizintechnik: Die größte Gewinnquelle von Siemens soll an die Börse

Ähnliches steht der starken Medizintechniksparte bevor, seit Jahren Siemens' größte Gewinnquelle: sie soll mit einer Minderheit an die Börse. Hinter diesem Plan Kaesers vermissten mehrere Aktionäre eine strategische Logik und zweifelten, ob ein vollständiger Verbleib im Konzern nicht doch eher in ihrem Interesse sei.

Kaeser indes ließ daran nicht rütteln. Finanzkreisen zufolge werden ab April die Banken ausgewählt, das Listing könnte im letzten Vierteljahr 2017 erfolgen. Noch mehr solcher Modelle seien künftig denkbar, sagte Kaeser. "Wir werden bestimmt nicht die letzten sein, die als letztes Konglomerat der Welt das Licht ausmachen." Der künftige Medizintechnik-Vorstand Michael Sen, der von Eon zu Siemens zurückkeht, habe das Führen aus der Holding heraus bei dem Energieriesen entsprechend auch schon "geübt".

Doch wäre eine Entwicklung von Siemens zu einer Holding mit mehreren notierten Töchtern wirklich "great again"?

Kaesers Konzernumbau "Vision 2020" zahlt sich für Anleger aus

"Great again" war zuletzt schon der Aktienkurs. Kaesers Konzernumbau "Vision 2020" zahlte sich für die Anteilseigner vergangenes Jahr in einem Kursplus von 30 Prozent aus. 2017 setzt sich der Aufschwung fort: Für das neue Geschäftsjahr hob Kaeser Dienstagnacht überraschend die Gewinnprognose an und hievte den Aktienkurs damit am Mittwoch auf ein 16-Jahres-Hoch von über 123 Euro; fast wurde sogar der auf dem Gipfel des Internet-Hypes im März 2000 erreichte Rekord von 123,72 Euro geknackt. Von den 6150 Aktionären in der Münchener Olympiahalle erntete der Niederbayer während seiner Rede immer wieder Spontanapplaus.

So besorgt die Aktionäre derzeit vor allem die bange Frage, ob angesichts von derlei Höhenflügen auch der Unternehmenschef demnächst abhebt. Den Konzern hat Kaeser nach seinem Aufstieg vom Finanz- zum Vorstandschef im August 2013 in Rekordzeit auf sich zugeschnitten, sich vieler Kritiker (unter anderem der meisten Vorstände aus der Ära seines Vorgängers Peter Löscher) entledigt.

Hebt nach dem Aktienkurs auch der Siemens-Chef ab?

Dass zuletzt auch noch Technologievorstand Siegfried Russwurm seine Demission ankündigte, kam in der Olympiahalle nicht gut an. Kaeser verliere "alte Know-how-Träger und für Sie unbequeme, kritische Geister wie Herrn Russwurm, die im Vorstand auch mal abweichende Meinungen vertreten", klagte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment, unter aufbrandendem Applaus. "Wir hoffen, dass der neue Vorstand nicht zu einem Club der Jasager mutiert." Noch mehr Beifall.

Zugleich wecken die Erfolge bei Investoren aber vor allem eines: Lust auf mehr. Speich und Markus Poppe, Fondsmanager der Deutsche-Bank-Tochter Deutsche Asset Management, verlangten eine weitere Erhöhung der Industriemarge, nachdem Kaeser für 2016/17 schon einen Anstieg auf 11 bis 12 Prozent versprochen hatte (2015/16: 10,8 Prozent).

Dass Siemens  im vergangenen Jahrzehnt für über neun Milliarden Euro amerikanische Software-Firmen gekauft hat, solle sich in höheren Margen auszahlen, so Poppe. 20 Prozent Marge für die Division "Digitale Fabrik", sei drin, bekräftigte Kaeser. Im ersten Quartal war die Marge von Siemens' Vorzeigesparte, bereinigt um einen Sondergewinn, schon auf gut 18 Prozent gesprungen. Siemens habe "eine Spitzenstellung in der Digitalisierung", betonte Kaeser.

Den Vorschlag des Hamburger Aktionärs Bernd Günther, Kaeser möge nach "hoffentlich vielen Jahren" für Siemens auch noch Bundeskanzler werden, lehnte der Konzernboss trotz aller Großartigkeit dann aber doch ab. "Ich stehe im Augenblick nicht zur Verfügung", sagte er. Um schnell hinterherzuschieben: "Später auch nicht."

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