Virtuelle Siemens-Hauptversammlung Acht Stunden im Internet - so lief Joe Kaesers Abschluss-Show

Auf seiner virtuellen Hauptversammlung inszeniert der Siemens-Konzern den Wechsel an seiner Spitze von Joe Kaeser auf Roland Busch in vollkommener Harmonie. Selbst der Aktienkurs spielt mit.
Ende der Vorstellung: Der bisherige Siemens-Chef Joe Kaeser auf der virtuellen HV des Unternehmens

Ende der Vorstellung: Der bisherige Siemens-Chef Joe Kaeser auf der virtuellen HV des Unternehmens

Foto: Pool / Getty Images

Nichts ist wie sonst an diesem Siemens-Hauptversammlungstag. Der scheidende Vorstandschef Joe Kaeser (63) gehört zur raren Spezies unter den Topmanagern, die selbst in der riesigen Münchener Olympiahalle noch einen Draht zum Publikum aufbauen können. Wenn er etwa meckernden Kleinaktionären anbietet, ihr U-Bahn-Ticket für die Fahrt zur Versammlung aus seiner eigenen Tasche zu bezahlen.

Pandemiebedingt kann Kaeser seinen Abschied nicht vor Tausenden in der Halle zelebrieren, sondern in der aseptischen Atmosphäre einer virtuellen Veranstaltung, gesendet aus der Siemens-Zentrale. Da gerät es schon zur einzigen Unregelmäßigkeit, dass auch der Niederbayer sichtbar länger nicht mehr beim Friseur war.

Ansonsten loben sich Kaeser, sein Nachfolger Roland Busch (56), Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe (55) und Finanzchef Ralf Thomas (59) immer wieder gegenseitig. Snabe preist Kaeser am Ende seiner siebeneinhalb Jahre an der Konzernspitze, Siemens verabschiede sich "von einer seiner größten Führungspersönlichkeiten". Kaeser habe "das Unternehmen wie wenige andere geprägt und ein starkes Fundament für künftige Generationen hinterlassen". Er danke "für über 40 Jahre unermüdlichen Einsatz, für ihr Lebenswerk. Vielen vielen Dank, Herr Kaeser." Thomas und Busch applaudieren.

Der mit Ablauf der Versammlung inthronisierte Busch sei "offen, visionär und ein echter Teamplayer", sagt Snabe. Der Aufsichtsrat freue sich auf die Zusammenarbeit. Wieder Applaus, dieses Mal von Kaeser und Thomas. Dann schreitet Kaeser zum Rednerpult und bedankt sich bei Snabe: "Ich habe noch keinen Aufsichtsratsvorsitzenden erlebt, der das so gut gemacht hat wie Sie in diesen Jahren."

Das Beste zum Schluss

Wären die Corona-Einschränkungen nicht, der Rahmen wäre wie gemacht für eine Abschiedsfeier. "Das hat sich alles entwickelt, wie wir uns das gewünscht haben, oder sogar ein bisschen besser", hatte Kaeser am Morgen in der Journalisten-Telefonkonferenz erklärt. "Deshalb freue ich mich auf den heutigen Tag."

Nach einem starken ersten Geschäftsquartal, das bereits Busch verantwortete, hob Siemens am Morgen die Jahresprognose an. Der Siemens-Aktienkurs legte seit der Trennung von Siemens Energy Ende September einen rasanten Steigflug hin und kletterte am Mittwoch weiter um 1,5 Prozent auf 135,50 Euro, den höchsten Stand in Kaesers Amtszeit. Das stimmte auch Siemens' Aktionäre gnädig, die vor einem Jahr in der Olympiahalle angesichts der damals unterdurchschnittlichen Kursperformance am Erfolg von Kaesers Strategie gezweifelt hatten.

Die Ära Kaeser "war für Siemens unter dem Strich positiv, auch wenn es einige Schönheitsfehler gab", kommentierte Deka-Fondsmanager Winfried Mathes laut vorab versandtem Statement. Mathes vermisst "entscheidende Margenverbesserungen im industriellen Geschäft" und eine weitsichtigere Strategieplanung für das Energiegeschäft. Der Kauf des US-Ölindustrieausrüsters Dresser-Rand "entpuppte sich eher als schwarzes Schaf".

Union-Fondsmanagerin Vera Diehl lobte, Kaeser habe sich "das Beste zum Schluss aufgehoben und auf den letzten Metern seiner Amtszeit ein Kursfeuerwerk gezündet". Über seine gesamte Amtszeit habe er es damit geschafft, den Dax deutlich zu schlagen, nicht aber den globalen Industriesektor. Der Verein der Belegschaftsaktionäre beantragte, Kaeser auf seiner letzten Hauptversammlung nicht zu entlasten, da diverse seiner Entscheidungen "die Innovationskraft des Unternehmens schwächten". Durch seine Portfoliopolitik habe Kaeser Mitarbeiter "verschoben wie Sachanlagen". Kaeser wurde trotzdem mit 99,05 Prozent entlastet, ein deutlich höherer Wert als vor einem Jahr.

Kaeser stellt sich ein Top-Zeugnis aus

Das beste Zeugnis stellte sich Kaeser im großen Konferenzraum der Siemens-Zentrale selber aus: Ohne seine beiden Umbauprogramme würde es Siemens zwar noch geben. "Aber sicher nicht mit 130 Euro pro Aktie. Vielleicht dann zu 10 Euro und mit der Hälfte der Mitarbeiter. So wie andere Konglomerate diesseits und jenseits des Atlantiks, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben."

Busch punktete mit einem freien Cash-flow von fast einer Milliarde Euro im ersten Geschäftsquartal; dass Siemens zu wenig Cash generiert, ist seit langem ein Kritikpunkt der Investoren. Deren Hoffnungen auf einen schrittweisen Rückzug Siemens' bei der erfolgreichen Medizintechniktochter erteilte er hingegen eine Absage: "Siemens beabsichtigt langfristiger Mehrheitseigentümer von Siemens Healthineers zu bleiben." Siemens hält derzeit 79 Prozent an Healthineers. Busch will seine neuen Ziele für Siemens und seine Strategien für die einzelnen Geschäfte auf einem Kapitalmarkttag am 24. Juni vorstellen.

Die Abstimmung mit Ergebnissen von fast ausschließlich bei 99 Prozent wurde ein wenig getrübt davon, dass Adidas-Chef Kasper Rorsted (58) mit optisch unschönen 76,54 Prozent in den Siemens-Aufsichtsrat gewählt wurde. Die großen deutschen Fondsgesellschaften DWS, Deka und Union hatten vorab abgekündigt, wegen Ämterhäufung gegen die Wahl Rorsteds zu stimmen.

Da half auch nicht, dass Snabe versicherte, dass Rorsted trotz seiner Jobs bei Adidas und als Verwaltungsrat des Schweizer Nahrungsmittelriesen Nestlé genug Zeit für die Beaufsichtigung von Siemens aufbringen werde. Snabe erhielt dann auch selbst mit 85,94 Prozent ein relativ schlechtes Wahlergebnis.

Obwohl die Versammlung virtuell stattfand, dauerte sie acht Stunden und damit nur wenig kürzer als die Präsenzveranstaltungen in den vergangenen Jahren. Snabe und die Vorstände hatten insgesamt 350 eingereichte Fragen zu beantworten, mehr als doppelt so viel wie sonst gestellt wurden.

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