Verkehrte Welt auf der Siemens-Hauptversammlung Kaeser unter Druck - Aktionäre springen Mitarbeitern bei

Siemens-Vorstände vor der Hauptversammlung in München: Konzernchef Kaeser (2. v. l.) und seine Kollegen bekamen viel Gegenwind für ihre Pläne mit der Kraftwerkssparte .

Siemens-Vorstände vor der Hauptversammlung in München: Konzernchef Kaeser (2. v. l.) und seine Kollegen bekamen viel Gegenwind für ihre Pläne mit der Kraftwerkssparte .

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Vom Konzern zur Holding: Die neun Welten von Siemens

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Joe Kaesers Radikalkur in Siemens' Kraftwerkssparte besorgt nicht nur Tausende Mitarbeiter überall in der Republik, sondern auch maßgebliche Aktionäre des Münchener Industrieriesen. In ungewöhnlicher Massivität und Einigkeit mahnten am Mittwoch in der Münchener Olympiahalle alle Sprecher der großen Fondsgesellschaften den Siemens-Chef, nicht voreilig Standorte zuzumachen, unvermeidbaren Stellenabbau sozialverträglich und im Konsens zu gestalten und die Kommunikation von Kürzungen in Zukunft zu verbessern.

"Deutsche Ingenieurskunst und deutsche Wertarbeit werden auch künftig am Weltmarkt gefragt sein, deshalb sollen nicht leichtfertig komplette Standorte geschlossen werden", sagte Ingo Speich von Union Investment. "Wir als Eigentümer tragen Verantwortung für die Mitarbeiter von Siemens", erklärte Winfried Mathes von der Deka, der Fondsgesellschaft der Sparkassen. "Man darf nicht alles der Rendite opfern, aber auch nicht das Unternehmen an sich gefährden", so Mathes unter aufbrandendem Applaus.

"Überzogene Gewinnerwartungen von uns Aktionären an die Sparte Power + Gas sind genauso falsch wie der Versuch einzelner, politisches Kapital aus dem Schicksal der Betroffenen zu schlagen", sagte Marcus Poppe vom Deutsche-Bank-Fondsverwalter Deutsche Asset Management. Der Vorstand solle bei seinen Entscheidungen nicht nur betriebswirtschaftliche, sondern auch politische Belange berücksichtigen. Michael Viehs vom britischen Fondsmanager Hermes stieß in dasselbe Horn: "Auch wenn der Stellenabbau in der Kraftwerkssparte ökonomisch unvermeidbar erscheint, fordern wir die Verwaltung auf, diesen so sozialverträglich und nachhaltig wie möglich durchzuführen."

Seit manager magazin vergangenen Oktober berichtet hatte, dass Siemens im unter Auftragsschwund leidenden Kraftwerksgeschäft Tausende Stellen abbauen und ganze Standorte dichtmachen will, reißen die Proteststürme nicht ab. Siemens bezifferte im November die Details. Seither scheinen in den Gesprächen mit der Arbeitnehmerseite die Fronten verhärtet. Statt Verhandlungen aufzunehmen, ist man nach wie vor im Status von "Sondierungen", die Personalvorstand Janina Kugel gleichwohl als "sachlich und konstruktiv" bezeichnete.


Demonstranten vor der Halle: Video zur Siemens-HV in München

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Am Montagmorgen standen vor der Olympiahalle Hunderte Mitarbeiter aus den von der Schließung bedrohten Standorten Görlitz, Erfurt und Offenbach Spalier, um die Aktionäre zu empfangen. Darunter waren viele hochqualifizierte Ingenieure, die nach eigenen Worten eigentlich vor lauter Arbeit gar keine Zeit für den München-Ausflug hatten. Eine Reihe betroffener Mitarbeiter traten auch im Saal als Redner auf und appellierten an Kaeser, ihr Know-how nicht zu verbrennen, sondern gemeinsam neue, innovative Geschäfte zu entwickeln.

Kaeser betonte, er wolle durch Requalifizierung Möglichkeiten schaffen, dies gehe aber nicht für jeden der betroffenen Jobs. Noch am Morgen hatte er vor Journalisten die Pläne für den Kahlschlag verteidigt. Im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres schrumpfte der Umsatz des Kraftwerksgeschäfts um weitere 15 Prozent, die Marge fiel auf 7,6 Prozent. Der Handlungsbedarf sei "sogar dringlicher geworden", sagte der Vorstandschef. Dann entschloss sich Kaeser aber doch, die 35 mit dem Rad angereisten Mitarbeiter aus Görlitz und deren "Zukunftspapier" persönlich in Empfang zu nehmen.

Dabei machte er dem ostsächsischen Standort abermals Hoffnung: Man erwäge ein "Industriekonzept Oberlausitz" unter Mitwirkung der sächsischen Staatsregierung und der Bundesregierung. Vorstellbar sei, dass das Werk eigenständiger werde, aber zunächst noch unter dem Dach von Siemens verbleibe. Konkret scheinen diese Pläne allerdings bislang nicht zu sein.

"Nette Geste" vom scheidenden Chefkontrolleur Cromme

Kaesers von Arbeitnehmervertretern vielkritisierter Auftritt in Davos beim Dinner mit US-Präsident Donald Trump kam auch bei den Aktionären schlecht an. "Ihre Worte waren nicht geeignet, die Protestwelle zu glätten", klagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Kaeser hatte Trump versprochen, die nächste Generation von Gasturbinen in den USA zu entwickeln, was der Präsident hoch erfreut kommentierte ("Oh, that's a big thing. That's fantastic!"). Die Mitarbeiter in Deutschland wurden Kaesers Worten zusätzlich verunsichert, obwohl diese aktuell nicht durch Fakten gedeckt sind. Konzerninsider zweifeln angesichts der aktuellen Umbaupläne vielmehr, ob Siemens überhaupt nochmal eine neue Generation von Gasturbinen entwickeln wird.

Hans-Martin Buhlmann von der Vereinigung Institutioneller Privatanleger nahm mit Bezug auf Kaesers Davoser Fettnäpfchen-Tritt auch Jim Hagemann Snabe in die Pflicht, der nach der Hauptversammlung zum neuen Aufsichtsratschef gewählt werden soll. "Lautstarke Kommunikation auf Kosten der Menschen sollten Sie in Zukunft vermeiden, Herr Snabe und Herr Kaeser, Jim and Joe!" Hermes-Mann Viehs mahnte in der Kommunikation für die Zukunft "mehr Fingerspitzengefühl bei der Behandlung eines Themas von derart gravierender Bedeutung für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Unternehmens" an.

Ungewohnt mitarbeiterorientiert gab sich bei seiner Abschieds-Hauptversammlung ausgerechnet Chefkontrolleur Gerhard Cromme. An die beiden Belegschaftsaktionärsvereine appellierte Cromme, doch eine Sammelabstimmung zu akzeptieren. Die Vereine forderten Einzelabstimmung, da sie Kaeser und Energievorständin Lisa Davis wegen des Power+Gas-Abbaus nicht entlasten wollen. "Das wird uns mindestens eine halbe Stunde kosten wegen eines Unterschieds (im Abstimmungsergebnis), den man mit der Lupe suchen muss", sagte Cromme.

Hunderte Mitarbeiter, die an der Hauptversammlung mitwirkten, kämen deshalb später zu ihren Familien. Und: "Auch ich habe vielen hier versprochen, dass ich mit ihnen nach der Hauptversammlung ein Bierchen trinke. Zögern Sie doch bitte diese nette Geste nicht hinaus!"

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