Sonntag, 31. Mai 2020

Verkehrte Welt auf der Siemens-Hauptversammlung Kaeser unter Druck - Aktionäre springen Mitarbeitern bei

Siemens-Vorstände vor der Hauptversammlung in München: Konzernchef Kaeser (2. v. l.) und seine Kollegen bekamen viel Gegenwind für ihre Pläne mit der Kraftwerkssparte .

2. Teil: "Nette Geste" vom scheidenden Chefkontrolleur Cromme

Kaesers von Arbeitnehmervertretern vielkritisierter Auftritt in Davos beim Dinner mit US-Präsident Donald Trump kam auch bei den Aktionären schlecht an. "Ihre Worte waren nicht geeignet, die Protestwelle zu glätten", klagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Kaeser hatte Trump versprochen, die nächste Generation von Gasturbinen in den USA zu entwickeln, was der Präsident hoch erfreut kommentierte ("Oh, that's a big thing. That's fantastic!"). Die Mitarbeiter in Deutschland wurden Kaesers Worten zusätzlich verunsichert, obwohl diese aktuell nicht durch Fakten gedeckt sind. Konzerninsider zweifeln angesichts der aktuellen Umbaupläne vielmehr, ob Siemens überhaupt nochmal eine neue Generation von Gasturbinen entwickeln wird.

Hans-Martin Buhlmann von der Vereinigung Institutioneller Privatanleger nahm mit Bezug auf Kaesers Davoser Fettnäpfchen-Tritt auch Jim Hagemann Snabe in die Pflicht, der nach der Hauptversammlung zum neuen Aufsichtsratschef gewählt werden soll. "Lautstarke Kommunikation auf Kosten der Menschen sollten Sie in Zukunft vermeiden, Herr Snabe und Herr Kaeser, Jim and Joe!" Hermes-Mann Viehs mahnte in der Kommunikation für die Zukunft "mehr Fingerspitzengefühl bei der Behandlung eines Themas von derart gravierender Bedeutung für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Unternehmens" an.

Ungewohnt mitarbeiterorientiert gab sich bei seiner Abschieds-Hauptversammlung ausgerechnet Chefkontrolleur Gerhard Cromme. An die beiden Belegschaftsaktionärsvereine appellierte Cromme, doch eine Sammelabstimmung zu akzeptieren. Die Vereine forderten Einzelabstimmung, da sie Kaeser und Energievorständin Lisa Davis wegen des Power+Gas-Abbaus nicht entlasten wollen. "Das wird uns mindestens eine halbe Stunde kosten wegen eines Unterschieds (im Abstimmungsergebnis), den man mit der Lupe suchen muss", sagte Cromme.

Hunderte Mitarbeiter, die an der Hauptversammlung mitwirkten, kämen deshalb später zu ihren Familien. Und: "Auch ich habe vielen hier versprochen, dass ich mit ihnen nach der Hauptversammlung ein Bierchen trinke. Zögern Sie doch bitte diese nette Geste nicht hinaus!"

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