Donnerstag, 22. August 2019

Janina Kugels Abgang steht für fragwürdige Führungskultur Siemens - ein Konzern von Kaesers Gnaden

Demnächst getrennte Wege: Siemens-CEO Kaeser und Personalchefin Kugel.

Der nun offiziell besiegelte Abgang von Siemens-Starmanagerin Janina Kugel hat in den vergangenen Tagen in den klassischen und sozialen Medien eine Welle des Bedauerns ausgelöst. Die locker auftretende, mehrsprachige Personalchefin war fraglos ein Aushängeschild für den behäbigen Münchner Industrieriesen. Sie steht für ein cooles Siemens, eine moderne Personalpolitik und schon in ihrer eigenen Person für Diversität.

Nun, so beklagen viele, werde sie wie so viele Ex-Vorständinnen anderer Konzerne Opfer einer männerdominierten Unternehmenskultur. Das ist allerdings zu kurz gedacht. Wahr ist vielmehr, dass Kugel ihren steilen Aufstieg in den Vorstand in erster Linie ihrem über viele Jahre sehr engen Draht zu CEO Joe Kaeser zu verdanken hat. Für sie ließ Kaeser sogar die alte Siemens-Maxime fallen, dass Personalvorstände Erfahrung im operativen Geschäft gesammelt haben sollten.

Bei ihrer Berufung im Februar 2015 hatten viele Siemensianer Schwierigkeiten, Kugels Höhenflug in die Vorstandsetage nachzuvollziehen. Ihre Erfahrung ausschließlich im Personalbereich, zuletzt als Personalleiterin ohne Vorstandsrang bei der Lichtfirma Osram, und als Leiterin der Führungskäfteentwicklung, schien kaum ausreichend dafür, als Arbeitsdirektorin die Verantwortung für über 350.000 Beschäftigte zu übernehmen.

Der vormalige Finanzchef Kaeser allerdings war damals noch dabei, seine Machtbasis aufzubauen, und beförderte oft primär nach Loyalität. Ähnlich steil ging es damals für seine Investor-Relations-Chefin Mariel von Schumann nach oben. Von Schumann übernahm damals vom CEO-Büro über die Ausarbeitung der Vorstandsvergütung bis hin zur Konzernsicherheit derart viele Führungsaufgaben für Kaeser, dass sie manche schon als informelle Nummer zwei im Konzern wähnten.

"Joes Girls Camp der Macht" beschrieb die "Bild" 2014 Kugel und von Schumann ziemlich treffend. Falsch daran war nur, dass die beiden kein Lager bildeten, sondern untereinander eher wie Hund und Katze agierten.

Von Schumann verließ die Konzernzentrale schon vor einigen Wochen. Ihr Abschied war Siemens-intern wohl der noch größere Paukenschlag als der heute angekündigte Kugel-Abgang.

Zwei Folgerungen kann man daraus ableiten:

1.) Wer seine Karriere in erster Linie an den CEO bindet und es nicht schafft, eigene mächtige Netzwerke zu bilden, muss solche Folgen nolens volens tragen, wenn er dessen Gunst verliert. Denn dann hilft es auch nichts, wenn man - wie Kugel - seinen Job gut verrichtet hat.

2.) Kaeser fühlt sich so unangreifbar, dass er auf die loyalen Frauen gut verzichten kann.

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Zumal ihn beide durchaus mit Widerspruch nervten. Bei seinen männlichen Protegés wie dem blassen Strategiechef Horst Kayser oder Energie-Finanzchef Klaus Patzak muss Kaeser derlei kaum befürchten. Kayser holte Kaeser nach seiner CEO-Werdung zu Siemens zurück, nachdem dieser als CEO von Kuka und von AEG Power Solutions gescheitert war. Patzak war nach Stationen als Finanzvorstand bei Osram und Bilfinger ohne Job.

Mehr denn je gilt: Bei Siemens passiert nur, was Kaeser will. Der Aufsichtsrat nickt alles ab. Im Konzern wundern sich viele, was der CEO sich alles leisten kann. Bei vielen Mitarbeitern nimmt das Unbehagen zu. Manche klagen, Siemens sei in den vergangenen Jahren unter Kaeser noch politischer geworden. Kaeser herrsche absolutistischer über Siemens als je zuvor. Für Siemens' Zukunft sind das keine guten Vorzeichen.

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