Siemens Energy Joe Kaeser verpasst Chance zum Neubeginn

Joe Kaeser: Der scheidende Siemens-Chef sichert sich einen lückenlosen Anschlussjob bei Siemens Energy

Joe Kaeser: Der scheidende Siemens-Chef sichert sich einen lückenlosen Anschlussjob bei Siemens Energy

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Die Ära von Joe Kaeser an der Spitze des Münchener Siemens-Konzerns neigt sich nach fast sieben Jahren unweigerlich dem Ende zu. Einen lückenlosen Anschlussjob als Aufsichtsratschef des börsennotierten Energieriesen Siemens Energy AG hat sich der 62-Jährige gesichert. Am Dienstag legten die Vorstände von Siemens und Siemens Energy im "Gemeinsamen Spaltungsbericht" die Details ihrer Scheidung vor, die am 28. September via Spin-off vollzogen wird.

Conclusio: Kaesers "Austragshäusl" (29 Milliarden Euro Umsatz, 91000 Mitarbeiter) wird recht komfortabel ausgestattet. Die Gelegenheit, darin vor dem Gang aufs Parkett gründlich aufzuräumen, wurde allerdings verpasst.

Kaeser hat es nicht geschafft, über seinen Schatten zu springen. Statt endlich reinen Tisch zu machen und die Wertansätze seiner weit überteuerten Zukäufe von Ausrüstern für die Öl- und Gasindustrie um den US-Zulieferer Dresser-Rand massiv nach unten zu korrigieren, geht Siemens Energy mit einer aufgeblähten Bilanz an den Start. Der Börsenneuling und M-Dax-Kandidat hat - überwiegend durch Kaesers Akquisitionen - Geschäfts- und Firmenwerte von fast 10 Milliarden Euro in den Büchern. Insgesamt umfassen die nicht-materiellen Vermögenswerte sogar 14,3 Milliarden Euro und damit 31 Prozent der Bilanzsumme.

Zwar gibt Siemens der Energiefirma auch 17,3 Milliarden Euro Eigenkapital und keinerlei Finanzschulden mit. Damit seit Energy "finanziell hervorragend aufgestellt", beteuert Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas. Doch das Kapitalpolster sieht nur auf den ersten Blick komfortabel aus: Es besteht zu 83 Prozent aus immateriellen Werten.

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Bei einer Software-Firma mit Margen von 20 bis 30 Prozent wären solche Bilanzrelationen nachvollziehbar. Nicht aber für ein Unternehmen, das mit dem Bau von Kraftwerken, Windanlagen, Kompressoren und Hochspannungsleitungen seit einigen Jahren kaum wächst, tief in der Sanierung steckt und kaum Geld verdient.

Über Siemens hinaus wirft dies die Frage auf, was die Werthaltigkeitstests (Impairment Tests) überhaupt wert sind, denen die Unternehmen ihre Bilanzen regelmäßig unterziehen müssen. Dresser-Rand, auf dem Höhepunkt des Ölpreisbooms 2014 für sieben Milliarden Euro gekauft, hat die damaligen Erwartungen nie erfüllen können. Zuletzt hat sich die Krise sogar noch deutlich verschärft; der Ölpreis rutschte ins Negative, Schieferölfirmen in den USA gingen reihenweise pleite. Und Siemens kann seinen Wirtschaftsprüfern in den Impairment Tests trotzdem immer wieder glaubhaft machen, dass aber zumindest in Zukunft die Cash-flows sprudeln werden?

In der aktuellen Situation hätte sich eine Abschreibung sogar gut erklären lassen. Doch Kaeser war offenbar wichtiger, den Schein aufrechtzuerhalten. Als Aufsichtsratschef kann er darüber wachen, dass es dabei auch künftig bleibt. Und hat dafür mit Ralf Thomas als künftigem Energy-Mitkontrolleur und -Prüfungsausschussvorsitzendem weiterhin einen besonders findigen Finanzexperten an seiner Seite.


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Der Goodwill ist nicht die einzige Hypothek, mit der der frisch von Linde geholte Energy-CEO Christian Bruch ins Amt startet: Siemens lädt bei Energy einige ungeliebte Geschäfte wie Verteilertransformatoren, Untersee-Systemgeschäft oder Lösungen für die Marine- und Bergbauindustrie ab, die allenfalls begrenzt ins Geschäftsportfolio passen. Und für interne Dienste wie Personal, Strategie, Sicherheit, Einkauf oder Forschung muss Energy über drei Jahre insgesamt rund eine Milliarde Euro an die Siemens AG zahlen.

Zugeständnisse haben Thomas und der künftige Siemens-CEO Roland Busch immerhin bei der Nutzung der Marke Siemens gemacht. Was Siemens Energy dafür künftig an Siemens zahlen muss, hängt von ihren Ergebnissen ab. Bis zu einer Marge vor Zinsen, Steuern und Firmenwertabschreibungen (Ebita-Marge) von 6,5 Prozent beträgt die Lizenzgebühr 0,3 Prozent des Umsatzes. Erst bei Margen von 9 Prozent und mehr fallen Gebühren von 1,2 Prozent an.

Im Geschäftsjahr 2020 würde so hochgerechnet ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag für die Markennutzung fällig. Die Windtochter Siemens Gamesa - die 67-Prozent-Beteiligung wird von Siemens zu Siemens Energy umgehängt - ist von den Lizenzgebühren ausgenommen.

Immerhin scheint der Wille zur "Entherrschung" bei den Siemens-Oberen fest vorhanden. Sogar ein Vertrag wird dafür geschlossen werden. Demnach wird Siemens nur bis zu drei der zehn Kapitalvertreter im Energy-Aufsichtsrat stellen und auf der Hauptversammlung notfalls auf Stimmrechte verzichten. Das große Ziel, das volatile Kraftwerksgeschäft in der Siemens AG nicht mehr vollkonsolidieren zu müssen, soll durch nichts gefährdet werden.

Zunächst behält der Münchner Konzern nämlich wegen des schweren Börsenumfelds noch 45 Prozent, einen relativ hohen Anteil. Vor allem Großinvestoren würden das Energiegeschäft lieber heute als morgen loswerden.

Das verschafft dem Spin-off selbst in Corona-Zeiten die nötige Dynamik, nebst Antreiber Kaeser. Für eine erfolgreiche Börsenstory von Siemens Energy wird das aber bei weitem nicht reichen. Noch ist einiges Stückwerk. Selbst der Sitz des neu formierten Konzerns steht immer noch nicht fest.

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