Siemens-Chef Joe Kaeser Der gute Doktor

Joe Kaeser versucht den Siemens-Mitarbeitern die Angst vor einem weiteren Konzernumbau zu nehmen, der ihre Kräfte vollends erschöpfen könnte. Wichtiger als die Botschaften an die Börse scheinen jetzt die nach innen. Die Therapie der Probleme, so der neue Chef, sei gar nicht so schwer.
Von Cornelia Knust
Joe Kaeser: "Mensch und Marge"

Joe Kaeser: "Mensch und Marge"

Foto: Andreas Gebert/ dpa

München - Wie ein Pfarrer trat er ans Rednerpult, die Hände eng nebeneinander gelegt. Wie ein gütiger Doktor versprach er den Mitarbeitern nicht weniger als das Ende der Angst.

Joe Kaeser, heute noch Siemens-Finanzvorstand, ab morgen oberster Chef von 370.000 Menschen versuchte sich in seinem ersten Auftritt vor der Presse als Staatsmann, würdigte die Verdienste des scheidenden Vorstandschefs Peter Löscher, dankte dem Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme, stellte die Mitarbeiter in den Mittelpunkt.

Im Lichthof des schneeweißen Siemens-Forums in München - errichtet einst von Stararchiktekt Richard Meyer für den früheren Siemens-Lenker Heinrich von Pierer - hatte das Unternehmen ein paar Stühle aufgestellt. Bei Eiscafé und Obstsalat lauschten die Journalisten dem erst am Vormittag vom Aufsichtsrat gekürten Vorstandsvorsitzenden. Die Veranstaltung leitete der von Löscher vorübergehend demontierte Kommunikationschef, dem große Nähe zu Cromme nachgesagt wird.

Schmelzen wie das Eis ließ Kaeser die sonst so eisern verteidigten Rendite- und Wachstumsversprechen: "Ob dann statt 12 Prozent etwa 10 Prozent oder eine andere Zahl das neue Ziel sind, ist nicht ausschließlich relevant". Oder: "Das 100-Milliarden-Umsatzziel hat jetzt keine Priorität". Die Fixierung auf das von Löscher verfolgte Sparprogramm 2014 tat er mit dem Satz ab: "Siemens wird es auch nach 2014 noch geben". Ausgerechnet der Mann, den die Kapitalmärkte so lieben, sprach plötzlich von Nachhaltigkeit und von einem gleichberechtigtem Nebeneinander von "Mensch und Marge".

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Von Arnbruck an die Siemens-Spitze: Der Aufstieg des Joe Kaeser

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Leicht wie ein Obstdessert wirkte plötzlich die Aufgabe, diesen großen Konzern zu steuern. Er müsse sich nur auf seine Stärken besinnen und sich entlang seiner DNA organisieren: der Elektrifizierung. Kein Wort mehr vom grünen Infrastrukturkonzern, allerdings auch kein Plan, den von Löscher geschaffenen und von Anfang an umstrittenen vierten Sektor wieder abzuschaffen. Statt mit neuen Umstrukturierungen Verunsicherung ins Unternehmen zu tragen, will Kaeser die Mitarbeiter beruhigen und an die Arbeit zurückführen.

"Siemens muss bei Siemens wieder über allem stehen", sagte Kaeser und fügte offensichtlich in Richtung seiner durchaus eigenmächtig handelnden Mitvorstände hinzu: "Jedem, der das nicht versteht, werde ich helfen, einmal, zweimal, dreimal, sonst ist er bei uns nicht richtig".

Zu den ärgerlichen Belastungen aus schlecht gesteuerten Großprojekten sagte Kaeser, man müsse einfach nach den Ursachen suchen, dann sei die Therapie gar nicht so schwer. Wer ihn als Nachfolger in der Rolle des Finanzvorstands beerben wird, ließ er offen: "Da haben wir mehr Zeit. Ich bin ja noch da". Alles easy also.

Zu seiner eigenen Rolle und seinen Gefühlen im Führungschaos der vergangenen Tage schwieg Kaeser. Er sei mit der Vorbereitung des Quartalsberichts beschäftigt gewesen. Die dürre Adhoc-Meldung von Donnerstag, die Löschers Ende besiegelte, bezeichnete er als nach Ansicht der Hausjuristen unbedingt geboten.

Vom Siemens-Aufsichtsrat ließ sich niemand blicken. Nur IG-Metall-Chef Bertold Huber, Crommes Stellvertreter in dem Gremium, trat noch einmal vor die Kameras, wollte die Zerwürfnisse zwischen den Aufsehern nicht kommentieren und sagte gönnerhaft "Cromme hat das heute ordentlich gemacht". Von Kaeser erwartet er, dass er die Mitbestimmung lebt, den Vorstand zur Geschlossenheit führt. Statt Angstkultur Innovationskultur, so sein Credo, doch ganz entspannt kam das nicht rüber. Das Festhalten an Cromme hat vermutlich einen bitteren Beigeschmack.

Mitverantwortung als Vorstand

Denn wie genau ausgerechnet Kaeser diese Angst besiegen und bei den Mitarbeitern wieder Vertrauen in die Führung herstellen könnte, blieb offen an diesem Nachmittag im Siemens-Forum. Gefragt nach seiner Mitverantwortung für die vergangenen Fehler, sagte er wachsweich: "Der Vorstand hat das beschlossen, der Vorstand steht dafür ein".

Die neue Nummer eins versuchte im Blitzlichtgewitter dieses Sommertages eine Mischung aus Stolz über die Ernennung, Respekt vor der Aufgabe und Zuversicht in seine eigenen Fähigkeiten zu signalisieren. Weil das ziemlich viel auf einmal ist, rettete sich Kaeser am Schluss in die Selbstironie und erzählte einen Schwank aus seinem Leben: "Als ich Finanzvorstand wurde, habe ich gedacht, das ist der beste Job der Welt. Das war nach ein paar Monaten anders".

 
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