Zustimmung zur Abspaltung wohl sicher Joe Kaesers führende Rolle bei Siemens Energy stößt auf Kritik

Die Mehrheit der Siemens-Aktionäre wird der Abspaltung der Energiesparte am Donnerstag wohl zustimmen. Doch es gibt auch Kritik: Der direkte Wechsel von Siemens-Chef Joe Kaeser an die Spitze des Aufsichtsrats von Siemens Energy stößt Belegschaftsaktionären und der Deka bitter auf.
Siemens-Chef Joe Kaeser: Sein direkter Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats von Siemens Energy spaltet die Aktionäre.

Siemens-Chef Joe Kaeser: Sein direkter Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats von Siemens Energy spaltet die Aktionäre.

Foto: Hannibal Hanschke/ REUTERS

Siemens braucht sich um die mehrheitliche Zustimmung der Aktionäre zur Abspaltung der Energiesparte keine Sorgen zu machen. Doch von Enthusiasmus über den Börsengang von Siemens Energy ist bei den meisten Großinvestoren nichts zu spüren. Die einflussreichen Aktionärsberater ISS und Glass Lewis empfehlen, dem Spin-off auf der außerordentlichen Online-Hauptversammlung am Donnerstag (9. Juli) zuzustimmen, wie aus Unterlagen hervorgeht, die der Nachrichtenagentur Reuters vorliegen.

Dem Rat der Aktionärsberater folgen viele Fonds vor allem in den USA und Großbritannien. Auch wenn einige Aktionäre wegen der hohen Kosten und möglichen Risiken der Aufspaltung die Stirn runzelten, "finden wir keinen überzeugenden Grund zu empfehlen, dass die Aktionäre den Vorschlag nicht unterstützen sollten", formuliert Glass Lewis zurückhaltend. ISS schreibt dagegen von "überzeugenden strategischen Überlegungen".

Siemens Energy soll am 28. September an die Frankfurter Börse gehen. 55 Prozent der Aktien werden an die Siemens-Aktionäre verteilt. Mit 91.000 Mitarbeitern und 29 Milliarden Euro Umsatz - einschließlich der Windkraft-Tochter Siemens Gamesa - umfasst es rund ein Drittel der bisherigen Siemens AG.

"Schuss kann auch nach hinten losgehen" - Deka und Belegschaftsaktionäre üben Kritik

Einer von zwei Vereinen von Siemens-Belegschaftsaktionären will gegen den Spin-off stimmen. Der zweite, "Wir für Siemens", ist dafür, schreibt aber in seiner vorab veröffentlichen Stellungnahme zur Hauptversammlung  von einer "schwierigen Aufgabe in krisengeschüttelten Zeiten". "Die Abspaltung der Siemens Energy AG löst bei uns keine Euphorie aus. Der Zug in Richtung Spin-off rollt, wir selbst werden ihn nicht zum Stillstand bringen", heißt es dort fatalistisch. Siemens müsse aber auf Dauer mit mehr als 25 Prozent Anker-Aktionär des abgespaltenen Unternehmens bleiben, um einen Ausverkauf wie bei der ehemaligen Lichttechnik-Tochter Osram zu verhindern.

Wie die Inhaber von Belegschaftsaktien macht sich auch der Corporate-Governance-Experte Winfried Mathes vom Sparkassen-Wertpapierhaus Deka Sorgen um die Krisenfestigkeit des verbleibenden Siemens-Geschäfts mit Infrastruktur-Technik, Industrie-Automatisierung und Zügen. Ausgerechnet die künftigen Kernsparten hätten in der Corona-Krise Gewinneinbußen hinnehmen müssen. "Da zeigt sich, dass der Schuss einer allzu starken Fokussierung in Krisenzeiten auch nach hinten losgehen kann", heißt es in einem Statement, das manager magazin vorliegt.

Auch die Strategie des neuen Siemens-Energy-Chefs Christian Bruch (50) sei unklar, findet Mathes: Stünden Kostensenkungen im Vordergrund - oder der Umbau des Geschäfts von der fossilen Energieerzeugung zu Wind und Wasserstoff als Energieträgern der Zukunft? Seine Kollegin Vera Diehl von Union Investment hat mehr Zuversicht: "Mit mehr Unabhängigkeit bekommt Siemens Energy die Chance, Rendite und Klimaschutz miteinander zu verbinden. Aber der Weg zum 'grünen Unternehmen' ist noch weit."

Wechsel Kaesers an die Spitze des Aufsichtsrats spaltet die Aktionäre

Der ökologisch ausgerichtete Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre will gegen die Abspaltung stimmen. Er glaubt nicht an Siemens Energy als Motor der Energiewende: Auf absehbare Zeit setze das Unternehmen in großem Maß auf Öl, Gas und sogar Kohle. "Ohne eine Strategie mit klaren Zielen und Meilensteinen zum Ausstieg aus fossilen Energien ist Siemens Energy jedoch zum Scheitern verurteilt." Siemens wolle sich mit der Abspaltung wohl doch nur von einer renditeschwachen Sparte trennen.

Der Wechsel von Siemens-Chef Joe Kaeser (63) an die Spitze des Aufsichtsrats von Siemens Energy löst gespaltene Reaktionen unter den Investoren aus. Bei der Siemens AG hätte er zwei Jahre nach seinem Abschied als Vorstandschef darauf warten müssen.

Für die Aktionärsberater ISS und Glass Lewis, die sonst penibel auf die Einhaltung der Abkühlungszeiten achten, ist das zwar kein Thema. Deka-Mann Mathes allerdings sieht das ganz anders: Mit Joe Kaeser als Aufsichtsratschef und Siemens-Finanzvorstand Ralph P. Thomas als Prüfungsausschussvorsitzender seien die beiden wichtigsten Positionen in dem Gremium an Siemens-Vertreter vergeben worden. Das sei aus Corporate Governance-Sicht "nur schwer verdaulich", heißt es in dem Statement.

Der kleinere Verein der Belegschaftsaktionäre in der Siemens AG, der gegen die Abspaltung stimmen will, kritisiert den Wechsel Kaesers in den Aufsichtsrat ebenso - "da hier Interessenkonflikte entstehen können", schreibt der Verein in seinem Gegenantrag zur Hauptversammlung. 

rei/Reuters