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Brics und Co.: Die Aussichten der Schwellenländer im Überblick

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Kursverluste Warum Schwellenländer den Dax unterbieten

Die Kurse wichtiger Schwellenlandbörsen sind zweistellig eingebrochen, viel stärker als Dax und Dow. In China, Brasilien und der Türkei hat das handfeste Gründe. Zwar sprechen die Wachstumsprognosen insgesamt für die Emerging Markets - doch auch sie leiden unter der Schwäche der Industriestaaten.

Hamburg - Einen Kurssturz von mehr als 5 Prozent an einem Tag, das ist auch in diesen turbulenten Zeiten noch eine Besonderheit. Am Aktienmarkt in Shanghai passierte das am Montag dieser Woche. Sorgen um das Finanzsystem Chinas hatten eine regelrechte Verkaufswelle ausgelöst. Die dortige Börse vergrößerte ihr Minus damit allein im Juni auf etwa 14 Prozent. Seit Anfang 2013 ging es mit ihr um rund 20 Prozent nach unten.

Damit ist China kein Einzelfall. Jahrelang kletterten die Aktien vieler Schwellenländer schnurstracks bergauf. Seit einigen Monaten hat sich die Richtung jedoch umgekehrt: Die Kurse in den aufstrebenden Staaten purzeln, und das mit deutlich größerer Geschwindigkeit, als jene an den etablierten Märkten Europas oder Nordamerikas.

In Brasilien etwa rutschten die Aktienkurse seit Jahresbeginn um 25 Prozent ab, allein 15 Prozentpunkte davon im Juni. In Russland ging es seit Januar um 20 Prozent nach unten. In der Türkei steht im ersten Halbjahr zwar lediglich ein Minus von 10 Prozent zu Buche. Im laufenden Monat allerdings gaben die Aktienkurse in Istanbul um etwa 20 Prozent nach.

Mexiko, Südafrika, Südkorea - überall ist es das gleiche Bild. Der Emerging Markets Index von MSCI gab seit Anfang des Jahres um 20 Prozent nach. 12 Prozentpunkte davon verlor er im Juni. Hinzu kommt: Aus den Anleihen dieser Länder flohen die Investoren ebenfalls, mit der Folge fallender Kurse und steigender Renditen.

Drastisches Beispiel China

Wie dramatisch die Verluste tatsächlich sind, zeigt erst der Vergleich mit der Wall Street und anderen Weltbörsen. Dort lief es zuletzt zwar ebenfalls schlecht - aber längst nicht so schlecht wie an den Schwellenlandmärkten. Der Dow Jones  etwa gab zwar im Juni um rund 3 Prozent nach. Insgesamt liegt er jedoch im Jahr 2013 mit etwa 13 Prozent noch komfortabel im Plus. Auch der Dax  verlor im laufenden Monat an Wert. Per Ende Juni steht der deutsche Leitindex aber immer noch höher als Anfang 2013.

Wo liegen also die Gründe für die miese Performance in den sogenannten Emerging Markets (EM)? Und wie geht es wohl weiter?

Dass sich die Börsen von Ländern, die über den gesamten Globus verteilt sind, nicht über einen Kamm scheren lassen, liegt auf der Hand. Vielmehr gibt es eine Reihe von individuellen Ursachen. Dass lässt sich besonders drastisch wiederum am Beispiel Chinas zeigen.

Seit dort die Notenbank vor einigen Tagen ihre großzügige Geldversorgung einschränkte, befinden sich die Märkte in Aufruhr. Das Vertrauen der Banken untereinander ist offenbar gering, wie der Anstieg des Zinsniveaus zeigt. Auch die zuletzt beruhigenden Worte der chinesischen Zentralbank, die Risiken seien "kontrollierbar", sorgten lediglich für eine Atempause: Die Furcht vor einer veritablen Finanzkrise, die das Wachstum der Volksrepublik hemmen könnte, ist allenthalben greifbar.

Die Krux mit den globalen Ungleichgewichten

"China bekommt jetzt zu spüren, was in seinem Finanzsystem im Grunde schon seit Jahren schief läuft", kommentiert Anton Brender, Chefvolkswirt bei Dexia Asset Management (DAM), das Geschehen. "Das Land muss sein Finanzsystem neu justieren. Das kann Jahre dauern."

Ähnlich individuelle Einflüsse belasten die Börsen auch anderswo. Beispiel Türkei: Dort bereiten den Investoren die Ereignisse auf dem Taksim-Platz im Herzen Istanbuls Sorgen. Oder Brasilien, wo die Leute in den vergangenen Tagen ebenfalls auf die Straßen gingen und damit Zweifel an der Stabilität im Lande nährten.

Hinzu kommen die Megatrends der Weltwirtschaft, vor deren Einfluss auch die Schwellenlandbörsen nicht gefeit sind. Die Sorge um ein mögliches Ende der lockeren Geldpolitik in den USA etwa hat weltweit Investoren aus riskanten Anlagen wie Aktien vertrieben. Die seit einigen Monaten anhaltende Schwäche bei den Rohstoffpreisen trifft Länder wie Südafrika, Russland oder Brasilien ebenfalls empfindlich.

Als wäre das alles noch nicht genug, macht Experten zufolge insbesondere den aufstrebenden Märkten in Asien sowie im arabischen und nord-afrikanischen Raum ein weiteres Problem zu schaffen: Der Abbau der globalen Ungleichgewichte in den Handels und Finanzströmen. "In Europa werden seit einigen Jahren signifikant Schulden abgebaut", erläutert DAM-Chefökonom Brender. "Der Sparkurs geht in erster Linie auf Kosten exportstarker Volkswirtschaften wie Chinas oder der Ölförderländer im mittleren Osten."

Schwellenländer dynamischer als Industriestaaten

Die Folge: Die Leistungsbilanzüberschüsse dieser Länder fallen längst nicht mehr so üppig aus, wie noch vor wenigen Jahren gedacht. Aus Sicht Brenders ist das einer der Hauptgründe, weshalb die Wachstumsaussichten dort vergleichsweise bescheiden erscheinen.

Ein Blick auf Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) bestätigt die Einschätzung. Nach einem durchschnittlichen Wachstum um 7,7 Prozent in den Jahren 2002 bis 2007 und 5,5 Prozent zwischen 2007 und 2012 prophezeit der IWF den Schwellenländern in den kommenden fünf Jahren ein Plus von im Schnitt 5,8 Prozent - und zwar mit einer bemerkenswerten Aufteilung auf die Regionen: Überall in der EM-Welt, so der IWF, wird die Zuwachsrate in der just begonnenen Halbdekade jene der vergangenen fünf Jahre übersteigen - außer in Asien sowie der Region "Mittlerer Osten/Nordafrika". Dort geht das Wachstumstempo nach Ansicht des Währungsfonds weiter zurück.

Die gute Nachricht lautet jedoch: Auch mit der Wachstumsprognose von 5,8 Prozent liegen die Schwellenländer weiterhin deutlich über der IWF-Vorhersage für die entwickelte Welt (2,3 Prozent).

Damit befindet sich der Währungsfonds auf einer Linie mit anderen Experten. Die Ratingagentur Fitch etwa korrigierte zwar in dieser Woche ihre Prognosen leicht nach unten. Mit 4,8 Prozent Wachstum in 2013 und 5,2 Prozent im Jahr 2014 schätzt die Agentur die Schwellenländer aber ebenfalls weiterhin deutlich dynamischer ein als die wichtigsten Industriestaaten.

Optimisten leiten nicht zuletzt daraus ihre Zuversicht ab, dass es auch an den Aktienmärkten der Emerging Markets bald wieder aufwärts gehen kann. Mark Mobius etwa, Fondsmanager bei Franklin Templeton, schrieb jüngst in seinem Internetblog, die Probleme, die die Performance größerer Schwellenmärkte in den letzten Monaten gebremst haben, dürften langfristig nur geringe Auswirkungen zeigen.

Steigender Konsum, bessere Demografie, geringere Verschuldung

Der viel zitierte "Emerging-Market-Guru" erwartet für die Schwellenländer "2013 und darüber hinaus auf längere Sicht deutlich kräftigeres Wachstum als für die Industrieländer". So wird seiner Ansicht nach auch die Rohstoffnachfrage steigen. Zudem dürften sich die Rentabilität von Unternehmen sowie deren Bewertungen verbessern.

Vor allem drei Punkte bringen die Schwellenländer nach Ansicht von Mobius gegenüber der industrialisierten Welt in Vorteil:

  • Der steigende Wohlstand der Bevölkerung sorge für eine immer stärkere Binnennachfrage, welche die Abhängigkeit vom Export verringere
  • Die Verbraucher in den Schwellenländern seien im Schnitt bei weitem nicht so stark verschuldet wie jene in Industrieländern
  • Die demografischen Voraussetzungen in Schwellenländern seien besser, weil beispielsweise ein großer Teil der Bevölkerung erst ins erwerbsfähige Alter eintrete. Zudem sei der Anteil derer gering, die von öffentlicher Unterstützung abhängig sind

Pluspunkte scheint es also einige zu geben. Einen weiteren arbeitete zudem kürzlich DB Research heraus. In einer Studie ging die Forschungsabteilung der Deutschen Bank der Frage nach, wie stark sich ein Liquiditätsentzug auswirken würde, beispielsweise wenn die Zentralbanken weltweit den Geldhahn zudrehen. Ergebnis: "Die zehn wichtigsten Emerging Markets scheinen gut vorbereitet, einer signifikanten Verschärfung der externen Finanzierungsbedingungen zu begegnen", so DB Research. Negativ hervorgehoben wird wegen der hohen Auslandsverschuldung und dem hohen Leistungsbilanzdefizit lediglich die Türkei.

Grund genug also, bald wieder in die Aktienmärkte Chinas, Brasiliens oder Russlands einzusteigen? Franklin-Templeton-Manager Mobius ist optimistisch. "Bis nächstes Jahr sollten sich die Emerging Markets Aktien erholt haben", sagte er vor wenigen Tagen in einem Interview. "Denn die Märkte sind sehr günstig bewertet. Und wenn die Bewertungen noch weiter zurückkommen, werden die Anleger zurück in diese Märkte kommen."

Schwierige Suche nach Einzeltiteln

Susanne Grabinger, Investmentspezialistin beim britischen Anlagehaus M&G, sieht es ähnlich. "Es wäre schon ein guter Zeitpunkt nach den jüngsten Kursrutschen in die Emerging Markets einzusteigen", sagt sie. "Immerhin sind beispielsweise die Kapitalrenditen in diesen Ländern inzwischen höher als in den entwickelten Ländern."

Allerdings, so Grabinger, schlägt sich so eine Entwicklung nicht notwendigerweise in den Aktienkursen nieder. "China vermeldet Jahr um Jahr hohe Wachstumszahlen, doch an der Börse ließ sich das bislang kaum umsetzen", sagt sie. "Insofern stehen wir derzeit lieber abseits."

Das gilt auch für Georg von Wallwitz, Chef der Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz in München. "Es gibt keine Korrelation zwischen dem Wirtschaftswachstum und der Aktienperformance in einem Land", stellt er fest. "Deshalb funktioniert auch nicht die alte Weisheit: Investieren, wo das Wachstum ist."

Laut von Wallwitz spielt vielmehr die Bewertung der Aktien die entscheidende Rolle. Und was die angeht, so seien zwar nach den Kursverlusten der vergangenen Wochen inzwischen einige Einzeltitel in den Schwellenländern auf einem attraktiven Niveau angekommen - jedoch längst noch nicht alle. "Insgesamt sind wir noch skeptisch in Bezug auf die Emerging Markets", sagt der Vermögensverwalter. "Bestimmte Branchen scheinen jedoch einen Blick wert zu sein." Als Beispiele nennt von Wallwitz Immobilienaktiengesellschaften in Brasilien, Versicherungskonzerne in Asien sowie den Telekommunikationssektor in Afrika.

Eine schmale Auswahl also. Anleger können sich aber trösten. Sollte es noch weitere Kursstürze geben, wie zuletzt in China, dann dürfte auch der Kreis günstig bewerteter Schwellenland-Aktien größer werden.

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