Wurst oder Vurst? Rügenwalder will vegetarischer werden - im Land der Schweine-Esser

Veggie-Produktion bei Rügenwalder: Der Wursthersteller will den Anteil von vegetarischen und veganen Fleischersatzprodukten in den kommenden 3 Jahren kräftig ausbauen

Veggie-Produktion bei Rügenwalder: Der Wursthersteller will den Anteil von vegetarischen und veganen Fleischersatzprodukten in den kommenden 3 Jahren kräftig ausbauen

Foto: Rügenwalder Mühle

Wurst ohne Fleisch? Für Clemens Tönnies, Chef von Deutschlands größtem Fleischkonzern, ist das kein Thema mehr. Zweimal habe er es probiert. "Und zweimal hat es mir absolut nicht geschmeckt", zitiert die "Welt"  den gelernten Metzger und bekennenden Fleischesser. Das Abenteuer "Veggie-Wurst" oder wie all die Fleischalternativen heißen, hat Tönnies beendet.

Er "glaube nicht" an diesen noch jungen Markt, der Hype sei "endgültig vorbei", gab Tönnies bei der jüngsten Bilanz-Pressekonferenz im April zu Protokoll. Von sieben Varianten vegetarischer "Wurst" der Marke Gutfried werde künftig nur noch eine angeboten, kündigte er an.

Die entgegensetzte Richtung schlägt der Wettbewerber Rügenwalder Mühle ein. Ob nun vegetarischer "Schinken", vegane "Frikadellen" oder Hack ohne Fleisch: Der Wursthersteller will bis 2020 rund 40 Prozent seines Umsatzes mit Fleischalternativen erwirtschaften. 2017 machten die Produkte mit Fleischalternativen rund 25 Prozent der Erlöse aus - bei 3 Prozent fallenden Umsätzen auf insgesamt 201 Millionen Euro.

Rügenwalder: "Vegetarische Alternativen sind mehr als ein Trend"

Gegen den Riesen Tönnies in Ostwestfalen (21 Millionen zerlegte Tiere, 6,9 Milliarden Euro Umsatz in 2017) wirkt der Familienbetrieb aus Bad Zwischenahn bei Oldenburg (Niedersachsen) wie ein Nischenzwerg. Allerdings wie einer mit viel Selbstbewusstsein: "Wir sind davon überzeugt, dass vegetarische/vegane Alternativen mehr als ein Trend sind und weiter an Bedeutung gewinnen - vor allem auch vor dem Hintergrund der immer drängender werdenden Klimaproblematik", sagt Geschäftsführer Godo Röben.

Vegetarischer Schinken Spicker: Die Zahl der Veggi-Produkte bei der Rügenwalder Mühle soll wachsen

Vegetarischer Schinken Spicker: Die Zahl der Veggi-Produkte bei der Rügenwalder Mühle soll wachsen

Foto: Rügenwalder Mühle

Dabei setzt Röben strategisch auf die wachsende Zahl von Veganern in Deutschland. Ziel sei es, alle vegetarischen Produkte durch vegane Alternativen zu ersetzen - und das am besten noch in Bio-Qualität, wie der Geschäftsführer unlängst im Interview dem Wirtschaftsmagazin "vegconomist"  erklärte.

Und Rügenwalder will expandieren. In Österreich, der Schweiz und Luxemburg bereits vertreten, zieht es den Pionier in Sachen Fleischersatz nach Skandinavien. Konkrete Gespräche mit potentiellen Partnern würden bereits geführt, so Röben.

Fleisch, Fleisch, Fleisch - Umsatz mit Ersatzprodukten ging zuletzt zurück

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Foto: Holger Hollemann/ picture alliance / dpa

Tönnies dagegen sieht Wachstumschancen durchaus auch im angestammten Geschäft. So kletterte - trotz kontinuierlich leicht fallenden Fleischkonsums insgesamt - der Rindfleischverbrauch im vergangenen Jahr um 13 Prozent auf durchschnittlich zehn Kilogramm pro Kopf in Deutschland. Das ist nicht mal ein Drittel jener knapp 36 Kilogramm Fleisch, die jeder Mensch hierzulande im vergangenen Jahr verzehrte. Vor zehn Jahren waren es knapp 5 Kilogramm mehr pro Kopf.

Fleischkonzern Tönnies will mehr Tiere schlachten

Von einem radikal veränderten Verbraucherverhalten in Deutschland kann also noch nicht wirklich die Rede sein. Dass sich die hiesige Fleischindustrie ob des behaupteten Veggie-Booms "auf signifikante Veränderungen einstellen muss", wie der Rügenwalder-Chef prophezeit, muss sich noch erweisen. Die Marktforscher von der GfK berichteten für das letzte Quartal vergangenen Jahres jedenfalls von einem "stark rückläufigen Umsatz" mit Fleischersatzprodukten in Deutschland.

Das ist Wasser auf die Mühlen des Großschlachters Tönnies: Er will nicht nur die Zahl der täglich geschlachteten Rinder in Deutschland auf mehr als 5000 verdoppeln, sondern auch beim Schweinefleisch zulegen.

Die zusätzlich geschlachteten Schweine dürften dabei vor allem für den Export bestimmt sein, der bereits etwas mehr als die Hälfte des Umsatzes ausmacht. Weltweit er- und zerlegte der Konzern im vergangenen Jahr 20,6 Millionen Schweine (+1Prozent), 16,6 Millionen davon in Deutschland (+2,5 Prozent). Das ist fast doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren.

Fleischriese Tönnies sucht den Dialog und verspricht mehr Transparenz

Zusehends kritischere Verbraucher auf dem Heimatmarkt sind Tönnies gleichwohl nicht egal. Auf einer neu gestarteten Plattform im Netz  lädt der Fleischkonzern zum (Nachhaltigkeits-)Dialog ein. Seit vergangener Woche ist die Seite online, auf der nicht nur Schlachtung, sondern auch Tierhaltung, Lebensmittelsicherheit und Ressourcenverbrauch Thema sind. Arbeitsbedingungen, gesunde Ernährung, Antibiotika-Umgang als weitere Themen sollen noch folgen.

Nach einem Bericht der Lebensmittel-Zeitung versichert der Konzern, dass jede Frage beantwortet und mit bei Einverständnis auch ins Netz gestellt werde. Auch könnten sich Interessierte online für eine Betriebsbesichtigung anmelden.

Ob Rügenwalder-Chef Godo Röben hier bereits nachgefragt hat, ist nicht bekannt.

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