Donnerstag, 20. Juni 2019

Anarchie bei Leih-Tretrollern Paris kämpft gegen E-Roller-Flut

20.000 E-Roller fahren durch Paris

Für die einen sind sie der Inbegriff moderner Bewegungsfreiheit, für andere ein gefährliches Ärgernis - und für wieder andere sogar ein Wurfgeschoss gegen Polizisten bei den "Gelbwesten"-Protesten: E-Scooter, über deren Zulassung in Deutschland am Freitag der Bundesrat befindet, sorgen in Paris bereits seit geraumer Zeit für aberwitzige Slalomfahrten auf Gehwegen, glänzende Augen bei Touristen oder konsternierte Senioren.

Um die wachsende Anarchie bei den elektrischen Leih-Tretrollern einzudämmen, nehmen die Behörden nun die Anbieter stärker an die Kandare.

Ex-Sprint-Star Usain Bolt muss die Marke seiner E-Roller ändern. Ein Gericht gab einem Konkurrenzunternehmen im Namensstreit Recht.

Rund 15.000 E-Scooter zum Leihen per Smartphone-App gibt es in der französischen Hauptstadt bereits, bis zum Jahresende könnten es 40.000 werden. Erst am Mittwoch stieg auch Sprint-Superstar Usain Bolt mit seiner Firma Bolt Mobility in den Markt ein. Allerdings untersagte ihm ein französisches Gericht die Nutzung des Namens, durchgesetzt hatte sich ein französisches Unternehmen, dass ebenfalls den Namen Bolt nutzt. Das Unternehmen von Usain Bolt will nun mit dem Namen +B+ an den Start gehen.

Beliebt sind die Flitzer vor allem bei Touristen und jungen Leuten. "Das ist so einfach, das ist die Freiheit", schwärmt etwa der Italo-Tunesier Josra Hadsch Dschabid, der die Roller täglich nutzt.

"Schnell, unkompliziert und witzig", stimmt nahe des Eiffelturms auch ein Touristenpaar aus Großbritannien in den Chor der E-Scooter-Fans ein. Zeitgleich surren dutzende Roller mit Parisbesuchern oder hastigen Hauptstadtbewohnern am Seineufer entlang.

Viele Pariser teilen diese Begeisterung allerdings ganz und gar nicht. Vor allem achtlos abgestellte oder zurückgelassene Mietroller sorgen für Ärger. "Wo ist das Pflichtgefühl", klagt der 88-jährige Yves Goupil, der jeden Tag an den Ufern spazieren geht. "Sie schmeißen die Roller sogar in die Seine!"

E-Roller als behelfsmäßige Waffe bei den Protesten der "Gelbwesten"
Michel Euler/ AP
E-Roller als behelfsmäßige Waffe bei den Protesten der "Gelbwesten"

Benutzt wurden die Roller wiederholt auch als behelfsmäßige Waffe im Zuge von Ausschreitungen bei den Protesten der "Gelbwesten" gegen die Reformpolitik von Präsident Emmanuel Macron.

Zudem seien die Roller "supergefährlich", kritisiert die Stylistin Juliette. Tatsächlich ist es in Paris ungewöhnlich, einen E-Scooterfahrer mit Helm zu sehen. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Ökobilanz der Roller. Laut einer US-Studie aus Kentucky beträgt die durchschnittliche Lebensdauer der Akku-Roller von Leihanbietern gerade einmal 28 Tage.


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Um den E-Scooter-Wildwuchs in Paris zu beenden, unterzeichnete die Stadt am Montag einen Verhaltenskodex mit den Anbietern. Verleiher wie Lime, Bird und Tier verpflichten sich damit, das wilde Parken der Roller zu unterbinden. Die Stadt wiederum will 2500 Stellplätze zur Verfügung stellen. Außerdem sollen die Anbieter die Roller recyclen und mit grüner Energie ausstatten, um die Ökobilanz zu verbessern.

Scheitert die "Charta für gutes Fahren" kommen Verbote
KENZO TRIBOUILLARD/ AFP
Scheitert die "Charta für gutes Fahren" kommen Verbote

Wenn diese "Charta für gutes Fahren" scheitere, sei die Stadt gezwungen, die Roller vorläufig zu verbieten, drohte der Beauftragte für Städtebau, Jean-Louis Missika. Bereits Anfang April hatte der Stadtrat ein Verbot der E-Scooter auf Gehwegen beschlossen. Bei Zuwiderhandeln droht künftig ein Bußgeld von 135 Euro, wildes Parken soll mit 35 Euro bestraft werden.

Ab Herbst will die französische Verkehrsministerin Elisabeth Borne zudem Roller verbieten, die schneller als 25 Stundenkilometer fahren. Helme sollen dann für unter Zwölfjährige Pflicht werden. Borne will damit nach eigenen Worten das "Gesetz des Dschungels" beenden.

afp/akn

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