Hannover Messe Acht Roboter, auf die Sie achten sollten

Sie sind da, wo Google erst noch hin will. Industriezulieferer, darunter einige aus Deutschland, haben mit Robotern ein Multimilliardengeschäft etabliert. Auf der Hannover Messe präsentieren sie ihre Geräte für die nächste industrielle Revolution.
Nox: Mechatronischer Entertainer trifft die nüchterne Welt der Industrie

Nox: Mechatronischer Entertainer trifft die nüchterne Welt der Industrie

Foto: manager magazin online

Hannover - Nox misst 2,40 Meter. Und er sieht so aus, wie Hollywood unser Bild von Robotern geprägt hat: grimmiges, kaltes Gesicht, dicke Muskeln, scharfe Klauenfinger - aber alles am Vorbild des menschlichen Körpers orientiert.

Auf der Hannover Messe, die sich gern als weltgrößte Leistungsschau der Industrie rühmt und eher praktisch-nützliche Dinge ausstellt, ist Nox ein Fremdkörper. Er ist ein Showelement, zeigt den Gästen die "Automation & IT Tour" und posiert für Fotos.

Der "mechatronische Entertainer" von der Hochschule Pforzheim bringt nach Hannover einen Hauch des Hypes um Roboter, der vom Silicon Valley und der Consumer Electronics Show in Las Vegas ausgeht. Gerade ab diesem Mittwoch wurde eine weitere Investition von Google  in eine neue Roboterfirma bekannt - Savioke, deren Macher zuvor an menschenähnlichen Dienstleistungsrobotern arbeiteten. Auch sonst regen solche humanoiden Geräte die Fantasie an, sei es Googles rennender Roboter Schaft oder Baxter, dessen US-Hersteller Rethink Robotics mit seinem flexiblen, günstigen Gerät eine neue industrielle Revolution verspricht.

Die "Industrie 4.0", vernetzt, flexibel und automatisiert, hat man sich auch in Hannover auf die Fahnen geschrieben. Aber eines haben die Hersteller von Industrierobotern, die meist ohne Gesicht und mit nur einem Arm auskommen, den futuristischen Visionären voraus: messbaren Markterfolg. Selbst die zigmillionenfach verbreiteten Haushaltsroboter kommen nicht annähernd an die Milliardenumsätze der Kollegen in der klassischen Industrierobotik an. Und auch die erfinden sich ständig neu, wie ein Rundgang auf der Messe zeigt.

Bosch: Kollege Roboter wird gefühlvoll

Apas: Grenzenfreie Zusammenarbeit mit Menschen

Apas: Grenzenfreie Zusammenarbeit mit Menschen

Foto: manager magazin online

Einer der Vorteile von Baxter soll sein, dass die Maschine direkt mit Menschen an einem Werkstück zusammenarbeiten kann. Denn herkömmliche Industrieroboter müssen sicher von den Arbeitern getrennt werden, um Kollisionen mit einem Roboterarm auszuschließen. Doch das schafft auch die schwäbische Industrieschmiede Bosch, und zwar sogar mit dem Siegel der deutschen Berufsgenossenschaften.

Der von Bosch vorgestellte Automatische Produktionsassistent (Apas) gilt dank einer kapazitiven Sensorhaut, die an lederne Autositzbezüge erinnert, als sicher. Der starke Roboterarm spürt, wenn sich jemand nähert, und bremst sanft ab. Mit fünf Zentimetern Abstand ist Schluss. Auch die Greiferfinger reagieren auf menschliche Berührung.

Dank ihrer Rollen ist die Einheit beweglich, sie soll schnell und einfach neue Aufgaben lernen und ihre Arbeitspläne über die Cloud mit anderen Robotern teilen können. Apas kann also alles, was Baxter auch verspricht, ist zusätzlich aber auch so stark, schnell und genau wie ein herkömmlicher Industrieroboter. Dafür kostet eine Komplettlösung aber auch mehr als fünfmal so viel.

Bosch sieht darin eine Antwort sowohl auf zunehmende Produktvielfalt mit kürzeren Zyklen, was starre Produktionslinien weniger wirtschaftlich macht, als auch auf die alternde Belegschaft: Auch für Handarbeit jenseits des Fließbands wird mehr maschinelle Unterstützung nötig. Bosch spricht von "agilen Fertigungsinseln". Die ersten zehn Apas hat der Konzern für den Eigenbedarf gefertigt, jetzt beginnt die Vermarktung. Der in Hannover erhaltene Preis Robotics Award dürfte helfen.

ABB: Das Tablet erobert die Fabrik

ABB: Willkommen in der Augmented Reality

ABB: Willkommen in der Augmented Reality

Foto: manager magazin online

Zu den ganz Großen in der Robotik zählt ABB . Die Sparte Industrieautomation ist mit knapp zehn Milliarden Dollar Umsatz bereits die größte des Schweizer Mischkonzerns. Neue Roboter verspricht ABB zwar erst zur Fachmesse Automatica Anfang Juni in München. Doch auch in Hannover ist in Halle 11 schon ein Ausblick auf die Fabrik der Zukunft zu sehen.

Ein Exponat zeigt einen Ausschnitt aus einer real existierenden, hoch automatisierten Fabrik. Die ABB-Tochter Stotz-Kontakt fertigt in Heidelberg elektrische Sicherungen (im Fachjargon: Leitungsschutzschalter). Die komplette Technik, Motor, Steuerung, Sicherungen, auch der Schaltkasten tragen das ABB-Logo. Der ABB-Roboter Flexpicker schafft 150 bis 180 Picks (Greifaktionen) pro Minute und beschleunigt mit 10 G.

"Man muss eine solche Produktion von Massenware nicht nach Asien auslagern", erklärt Vertriebsmanager Carsten Busch. Auf diese Weise sollen Roboter den Standort sichern. So weit, so konventionell.

Neu ist die Kontrolle per Augmented Reality über den Tabletrechner, die ABB-Mann Hans-Martin Bothmann präsentiert. So neu, dass sie noch nicht marktreif ist. Über Geokoordinaten, beispielsweise mit GPS oder im Fabrikgebäude installierte Funkantennen, werden die einzelnen Geräte mitsamt Seriennummern erfasst. Alternativ könnte die Kommunikation zwischen Maschinen und Tablet auch über Bilderkennung oder RFID-Chips laufen. Mit einem Klick oder Wisch lassen sich die Service-Kontakte oder Ersatzteillisten aufrufen. In diesem Jahr soll eine Pilotanlage gebaut werden.

Und warum nicht gleich die Anlage über das Tablet steuern? Das, sagen die ABB-Experten, sei dann keine große Mühe mehr.

Kuka: Gelenkwunder Justin hat einen serienreifen Bruder

Leichtbauroboter von Kuka: Beweglicher als ein menschlicher Arm

Leichtbauroboter von Kuka: Beweglicher als ein menschlicher Arm

Foto: manager magazin online

Indirekt hat doch ein humanoider Roboter seinen Auftritt: Justin, ein besonders gelenkiger Automat des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (siehe Video, mobile Version hier ). Der Augsburger Roboterhersteller Kuka , auch er eine der größten Adressen in der Branche, hat die Technik zur industriellen Serienreife weiterentwickelt.

LBR iiwa heißt die Neuheit, deren offizieller Marktstart auf der Automatica geplant ist. Auch dieser Leichtbauroboter soll die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine mit mehr Gefühl auf Maschinenseite erleichtern. Der Roboterarm hat sieben Achsen statt der üblichen vier oder sechs. Damit, verspricht Kuka, bekommt er die Flexibilität eines menschlichen Arms. Oder doch vielleicht etwas mehr: Er kann mit 180 Grad um ein Hindernis herumgreifen statt nur 90 Grad. In jedem Gelenk stecken Sensoren, sodass der Roboter sich an seiner Umgebung ausrichten kann und auch keinen Schutzzaun braucht.

Kuka sieht dafür großen Bedarf. Gerade in der Autoindustrie, der am stärksten robotisierten Branche, gebe es noch erstaunlich viel Handarbeit. Wenn die mit Roboterhilfe produktiver werde, könnten Standorte in Hochlohnländern gesichert werden.

Kawasaki: Die klinisch reine Lösung in Edelstahl

Glanz in Edelstahl: Reinraumroboter von Kawasaki

Glanz in Edelstahl: Reinraumroboter von Kawasaki

Foto: manager magazin online

Völlig exotisch sind siebenachsige Roboterarme nicht, wie nebenan Kawasaki zeigt. Der japanische Hersteller, der sich als Pionier wegen der Herstellung des ersten Industrieroboters 1969 rühmt und zu den fünf größten Produzenten zählt (vergleichbare Zahlen sind in der Branche selten), ist im europäischen Markt eher ein Außenseiter. Toyota  dagegen setzt voll auf Roboter von Kawasaki.

Immerhin der Pharmaindustrieausrüster Fedegari scheint von der Expertise überzeugt zu sein. Den Reinraumroboter MSR05N gaben die Italiener bei Kawasaki in Auftrag. Und jetzt will der Hersteller mit der Sonderanfertigung in Serie gehen.

Das Gerät ist ganz in Edelstahl gehalten und kommt ohne außenliegende Kabel aus, um eine Reinigung auch mit aggressiven Substanzen wie Wasserstoffperoxid auszuhalten. Für klinisch reine Arbeitsräume in der Pharmaindustrie ist das nötig. Auch die sieben Achsen helfen dabei, mit wenig Raum auszukommen.

Der Stückpreis von rund 130.000 Euro ist nicht ganz ohne. Aber der Roboter ersetzt auch keine Fließbandarbeiter, sondern nimmt hochbezahlten Wissenschaftlern die eher lästigen, monotonen Arbeiten und zudem den Kontakt zu Giften oder Viren ab. Da kommt es auf den Preis nicht so sehr an. Und so hofft Kawasaki, auch die bislang vergleichsweise wenig automatisierte Pharmabranche zu erobern. Kleines Schmankerl: Die Roboter stammen aus demselben Werk wie die berühmten Motorräder.

IBG Automation: Die Autofabrik für nebenan

iProcell: Eine Autofabrik, die mit drei Robotern auskommt

iProcell: Eine Autofabrik, die mit drei Robotern auskommt

Foto: manager magazin online

Mit IBG Automation verlassen wir das Reich der Großkonzerne. Nichtsdestotrotz hat das Unternehmen, ursprünglich Ingenieurbüro Goeke, aus dem sauerländischen Neuenrade einen der aufwändigsten Auftritte in Messehalle 17.

Spannend sind dabei nicht so sehr die Roboter (Standardware von Kuka, die IBG vertreibt), als was IBG damit macht. iProcell heißt das hier präsentierte Konzept für die Fabrik der Zukunft. Statt einer riesigen Montagehalle kommt diese Produktionszelle mit drei Robotern aus, die aus vorgefertigten Modulen ein von IBG selbst entworfenes Elektromobil - ein Kleinwagen ohne jeden Firlefanz - zusammensetzen.

Will das Ingenieurbüro Volkswagen  und Daimler  Konkurrenz machen? Sicher nicht, heißt es am Stand. Die Anlage sei eher als visionäres Modell zu verstehen, um zu demonstrieren, was mit dezentraler, automatischer Produktion alles möglich ist. Für einfache Nischenprodukte könnten überall ohne großen Aufwand solche Zellen entstehen, ohne Abstriche an der Qualität.

Das vom Land Schleswig-Holstein geförderte Pilotprojekt scheint IBG aber durchaus ernst zu nehmen. Am Standort Lübeck gibt es immerhin schon einen handfesten Streit mit der Stadt darüber, ob für Werkswohnungen der ersten modularen Elektroautofertigung ein neuer Bebauungsplan nötig sei.

Igus: Der Roboter zum Selberbauen

Robolink: Lego für Industrielle

Robolink: Lego für Industrielle

Foto: manager magazin online

Auch Igus ist kein Umsatzriese, aber groß auf der Hannover Messe. Der Kölner Spezialist für Kunststofftechnik liefert allerlei Zubehör, auch für die Roboterindustrie - und ein Baukastensystem aus Robotergelenken, das jeder nach Belieben mit Steuerung und Werkzeugen kombinieren und dem eigenen Bedarf anpassen kann.

Robolink erinnert so zwar etwas an den dänischen Spielzeughersteller Lego (dessen Roboterset Mindstorms in der Bastlerszene durchaus brauchbare und leistungsfähige Geräte hervorgebracht hat), zielt aber mehr auf Kunden aus dem Mittelstand.

Zumindest der in Hannover erstmals vorgestellte sechsachsige Robolink-Bau, verspricht Martin Raak, ist robust und leistungsfähig genug für den industriellen Einsatz.

Stäubli: Schneller geht es nicht

Fastpicker: Tempo für die Verpackungsindustrie

Fastpicker: Tempo für die Verpackungsindustrie

Foto: manager magazin online

Fürs Guinness-Buch der Rekorde reicht die Performance des Fastpickers von Stäubli vielleicht nicht ganz. Aber wenn es um den praktischen Nutzen geht, kommt keiner an den Roboter der Schweizer heran, beharrt Verkaufsleiter Heiko Göllnitz. 200 Picks pro Minute (auf dem Messestand demonstriert mit dem Sortieren von Spielwürfeln), und dann auch noch viele verschiedene Teile genau ablegen, damit sei der Fastpicker ganz vorn.

Entwickelt wurde das Gerät bereits vor einigen Jahren, damals mit Blick auf Solarzellenhersteller. Denen kam entgegen, dass das Gerät dank seiner Genauigkeit keine Risse in den Solarzellen hinterlässt. Gegen den Einsatz sprach aber die Pleitewelle in der Branche. Jetzt erweist sich die Verpackungsindustrie als dankbarer Abnehmer, weil der Fastpicker mit seiner hohen Reinraumklasse auch Lebensmittel sortieren darf - auch das ein Beleg für die Anpassungsfähigkeit der Roboterindustrie.

Festo: ... und ein künstliches Känguru

Festo: Das bionische Känguru braucht nur noch Platz zum Hüpfen

Festo: Das bionische Känguru braucht nur noch Platz zum Hüpfen

Foto: manager magazin online

Aktueller Publikumsliebling in Halle 15 ist ein Roboter in Känguruform. Der Hersteller Festo aus Esslingen zeigt regelmäßig solche spielerisch anmutenden Entwicklungen aus der Forschungsabteilung. Der Mittelständler macht Milliardenumsätze mit der industriellen Automatisierung und gibt sich den Freiraum, ausgiebig die Möglichkeiten der Bionik auszuprobieren.

Die Imitation natürlicher Eigenschaften in Maschinen hat schon manches kommerzielle Produkt befördet. Was ein hüpfender Roboter wirtschaftlich nutzen soll, mag nicht auf den ersten Blick einleuchten. Doch die Entwickler meinen, dass das bionische Känguru einen Großteil der eingesetzten Energie bei der Landung speichern und für den nächsten Sprung nutzen kann - ebenso wie ein echtes Känguru in der Achillessehne. Die daraus folgenden Produkte müssen nicht unbedingt springen, können aber dank dieser Technik in der Automatisierung Energie sparen helfen.

Das bionische Känguru hat auf der Hannover Messe jedoch kaum Platz für große Sprünge. Zu dicht drängen sich die Schulklassen um das Exponat. Der Roboterhype ist also doch auch hier zu Hause, im deutschen industriellen Mittelstand.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.