Wettrennen um Weltraum-Raketen Welche deutschen Start-ups im Weltall mitmischen

Weltraumtouristen vom Schlage eines Richard Branson oder Jeff Bezos? Darum kümmern sich drei deutsche Raketenbauer-Start-ups erst gar nicht. Sie sehen ihre Chancen bei Kleinsatelliten – eines von ihnen gewinnt nun finanziell an Schlagkraft.
Soll bis Ende 2022 erstmals starten und eine Tonne Nutzlast befördern: Die geplante "Spectrum"-Trägerrakete von Isar Aerospace (hier ein computergeneriertes Bild)

Soll bis Ende 2022 erstmals starten und eine Tonne Nutzlast befördern: Die geplante "Spectrum"-Trägerrakete von Isar Aerospace (hier ein computergeneriertes Bild)

Foto: Isar Aerospace Spectrum / youtube

Schwerreiche Männer, ganz große Raketen: Auf diesen Nenner lassen sich die Meldungen der vergangenen Monate zur privat finanzierten Raumfahrt bringen. Erster Milliardär im All war der Virgin-Gründer Richard Branson (70), der am 11. Juli in einer Rakete ins Weltall abhob. "Einfach nur magisch" sei der Blick von oben auf die Erde gewesen, berichtete er nach seinem einstündigen Flug.

Amazon-Gründer Jeff Bezos (57) brach neun Tage später in einer Rakete seines Raumfahrtunternehmens Blue Origin in den Weltraum auf. Es sei der "beste Tag überhaupt" gewesen, sprach er nach seinem Zehn-Minuten-Flug, der vollautomatisch ablief. Und Elon Musk (50), Chef des Elektrobauers Tesla und Gründer des Weltraum-Unternehmens SpaceX? Der steigt zwar noch nicht höchstselbst in eine Rakete. SpaceX will aber im September eine mit vier Personen bemannte Kapsel ins Weltall schicken und diese gleich drei Tage lang um die Erde kreisen lassen.

Das verrückte Rennen der Superreichen um den Weltraumtourismus, es ist in diesem Sommer so richtig losgegangen. Das große Geschäft verspricht aber ein artverwandter Geschäftszweig zu werden: das Hochschießen kleiner, leichter Satelliten in eine Erdumlaufbahn. SpaceX macht das im Rahmen seines Starlink-Projektes, Bezos hält mit seinem Internetsatelliten-Projekt "Kuiper" dagegen. Aber auch drei deutsche Start-ups mischen im "Krieg der Sterne" mit – und gewinnen zunehmende Schlagkraft im Wettlauf um weltumspannende Satellitennetzwerke.

Isar Aerospace gewinnt prominente Investoren

Besonders vielversprechend ist das Münchener Start-up "Isar Aerospace" , das in der vergangene Woche einen Meilenstein erreicht hat. In einer Finanzierungsrunde bekam das Unternehmen 140 Millionen Euro – und einen prominenten Investor: die Porsche SE. Der Autobauer hält nun einen Anteil im "niedrigen einstelligen Prozentbereich" an dem bayerischen Raketenbauer, der insgesamt mit etwa 450 Millionen Euro bewertet wird.

Isar Aerospace will keine Menschen ins All schießen, sondern vergleichsweise kleine Raketen bauen, die ausschließlich unbemannt fliegen und nur kleine Lasten Richtung All befördern können. Diese sogenannten Microlauncher bergen ein großes Geschäftsfeld. Der Hintergrund: Die Technik für Satelliten wird immer kleiner – und es gibt einen großen Bedarf, diese günstiger ins All zu befördern.

In der Anfangszeit der Raumfahrt erreichten Wetter- oder Kommunikationssatelliten noch die Ausmaße eines Busses, dann passte die Technik ungefähr in die Größe einer Waschmaschine. Heute erreichen manche Satelliten nur noch die Ausmaße eines Weinflaschen-Geschenkkartons, erläuterte Thomas Jarzombek, der Koordinator der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt, der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Dieser Schrumpfungsprozess ermöglicht nicht nur die kostengünstigere Serienfertigung auf der Erde. Das geringere Gewicht solcher künstlichen Trabanten macht Start und Landung günstiger. Und solche Kleinsatelliten sollen nicht mal mehr Weltraumschrott hinterlassen. Sie sollen nach dem Ende ihrer Laufzeit beim Eintritt in die Erdatmosphäre komplett verglühen.

Isar Aerospace will bereits im kommenden Jahr die ersten Satelliten mit seiner "Spectrum"-Trägerrakete in eine Erdumlaufbahn schießen. Die Rakete kann mehr als 1000 Kilogramm befördern, Isar Aerospace hat in diesem Jahr mit der Produktion begonnen. Triebwerkstests sollen im schwedischen Kiruna in Kürze begonnen und in Norwegen ein Startplatz in Betrieb genommen werden.

Ein Ex-SpaceX-Ingenieur für die Bayern

Vor einiger Zeit haben sich die Bayern einen höchst qualifizierten Berater, Aufsichtsratschef und Investor an Bord geholt: Bulent Altan. Der Ingenieur mit Abschluss der US-Uni Stanford wurde in Istanbul geboren, hat dort eine österreichische Schule besucht und später an der TU München studiert – bevor er in die USA ging und nach seinem Stanford-Studium im Jahr 2004 bei Musks SpaceX anheuerte.

Altan gilt als einer der Hauptarchitekten der SpaceX-Trägerrakete Falcon 9 und der Dragon-Kapsel, arbeitete aber auch am Internet-Satellitenprojekt Starlink mit. Seit 2020 ist der Mittvierziger CEO des Münchener Unternehmens Mynaric, das sich auf Laserkommunikation spezialisiert hat. Mit Mynarics Technik sollen Satelliten künftig riesige Datenmengen in Sekundenbruchteilen übertragen können – ähnlich einem Glasfaserkabel, nur eben zwischen Bodenstationen und einem Satelliten. Die Laserübertragungstechnik passt mittlerweile in einen Schuhkarton und soll in Kürze in Serie produziert werden.

Altan will dabei mithelfen, eine neue europäische Weltraumindustrie zu entwickeln – als Gegengewicht zu Musks SpaceX und Bezos' Blue Origin. Beim 2018 gegründeten Isar Aerospace ist Altran Aufsichtsratschef und zugleich auch Investor. Geleitet wird das Start-up von Mitgründer Daniel Metzler, einem 29-jährigen Luftfahrtingenieur, der in Wien und München studiert hat. Auch Airbus Ventures, die Wagniskapitaltochter des Luftfahrtkonzerns, hat sich an Isar beteiligt – ebenso wie die Venturekapitalgeber Lakestar und Earlybird.

Im Wettbewerb mit der deutschen Konkurrenz konnte Isar Aerospace ebenfalls bereits einen großen Erfolg verbuchen: Im April gewann das Unternehmen den Hauptpreis eines Microlauncher-Wettbewerb des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt – und damit elf Millionen Euro.

RFA zählt auf Bremer Raumfahrtspezialisten OHB

Einen "Microlauncher"-Ansatz verfolgt auch das Start-up Rocket Factory Augsburg (RFA), an dem der Bremer Raumfahrtspezialist OHB mit 53 Prozent beteiligt ist. RFA ist aktuell auf Investorensuche. Im Februar hieß es, das junge Unternehmen wolle in einer Finanzierungsrunde 25 Millionen Euro einwerben.

Wie auch Isar hat RFA noch keine Rakete gebaut oder ins All geschossen, bis Ende 2022 wollen die Augsburger aber ebenfalls Richtung All abgehoben haben. Die geplante Rakete soll 25 Meter lang sein und 1,3 Tonnen Nutzlast ins All befördern können. Zu wenig, um Menschen ins All zu schicken – aber genug für ein paar Kleinsatelliten.

Auf Investorensuche ist derzeit auch das dritte Start-up im Raketenverbund: Hyimpulse Technologies aus Baden-Württemberg entwickelt derzeit gleich zwei Raketen. Die eine soll mit einer Nutzlast von 350 Kilogramm Schwerkraftexperimente und Atmosphärenforschung im Suborbitalbereich in rund 200 Kilometern Höhe möglich machen. Die andere eine Nutzlast von bis zu 500 Kilogramm in den erdnahen Orbit befördern. Wie bei den Konkurrenten gilt auch für die Schwaben: Aktuell werden Triebwerke und Raketen entworfen und erste Prototypen gebaut.

Deutsche Politik fördert die Start-ups nach Kräften

Für den Wettlauf um den Weltraum interessiert sich zunehmend auch die Politik. Der Aufbau eines neuen Breitband-Internets, das über Satellitenverbindung funktioniert, gilt als künftige dritte Säule der Europäischen Union bei Weltraumaktivitäten – nach dem eigenen GPS-Netz Galileo und dem Erdbeobachtungsprogramm Copernicus. Dafür gibt es auch bereits entsprechende EU-Pläne und ein Tauziehen darum, welche Unternehmen an dem All-Internet beteiligt werden.

Als ausgemacht gilt schon jetzt: Die europäischen Ariane-Raketen, von der europäischen Weltraumorganisation ESA (European Space Agency) und einer Airbus-Tochter entwickelt, dürften dafür nicht infrage kommen. Denn die ESA verrechnet internationalen Kunden laut Berichten rund 180 Millionen Euro pro Ariane-5-Start, wenn sie ihre Satelliten ins All schicken wollen. Zu teuer. Und der Erstflug des Ariane-5-Nachfolgers wird erst Mitte 2022 erfolgen.

Das Ariane-Programm biete Raketen aus dem Zeitalter der "Behördenraumfahrt", meinen Branchenkenner deshalb spitzzüngig. Das soll wohl heißen: Die Zeit der von Staaten mit Milliarden finanzierten Raumfahrtprogramme neigt sich dem Ende zu – jetzt werden Weltraumflüge privatisiert und damit kostengünstiger gemacht. Deutsche Start-ups und ihre Geldgeber sind offenbar dazu entschlossen, bei dieser Marktöffnung eine wichtige Rolle zu spielen.

wed