Sonntag, 18. August 2019

Insolvenzplan beschlossen Prokon-Gläubiger verstoßen ihren Gründer

Prokon: Rodbertus gegen Penzlin
DPA

Die Gläubiger von Prokon sollten über die Zukunft der insolventen Windkraftfirma entscheiden. Die Versammlung wurde zum öffentlichen Schlagabtausch zweier Männer. Einer gewann.

Hamburg - Dietmar Penzlin redet schon eine Weile, bis er die Tragweite der Veranstaltung anspricht: "Dies ist die größte Gläubigerversammlung, die es in der Geschichte der Bundesrepublik je gegeben hat", stellt der Prokon-Insolvenzverwalter irgendwann während seines Vortrags fest. Ein Raunen geht durch die riesige Halle 6B in den Hamburger Messehallen, die an diesem Dienstag damit wohl auch als größter Gerichtssaal in der Geschichte der Bundesrepublik dient.

Rund 75.000 Anleger haben in den vergangenen Jahren insgesamt etwa 1,5 Milliarden Euro in Genussrechte der Windenergiefirma Prokon gesteckt. Nun stehen Penzlin und die Anleger vor einem Trümmerhaufen: Der grüne Hoffnungsträger Prokon ist seit Monaten pleite - und um die Zukunft der Firma ist eine regelrechte Schlammschlacht zwischen Penzlin und dem charismatischen Firmengründer Carsten Rodbertus entstanden. Im April hatte Penzlin Rodbertus hinausgeworfen, es war nur eine Zwischenetappe des Machtkampfs um die Zukunft von Prokon.

Penzlin möchte Prokon auf das Kerngeschäft mit Windparks konzentrieren. Für diese grundsätzliche Weichenstellung bekam er am Dienstagabend eine Mehrheit unter den Gläubigern, wie eine Gerichtssprecherin erklärte. Er wurde in seinem Amt bestätigt und erhielt fast einstimmig den Auftrag, seinen Sanierungsplan auszuarbeiten. Ein klarer Sieg für den Anwalt.

Rodbertus kämpft bis zur letzten Sekunde

Penzlin wirft Rodbertus nicht nur eine heillos schlampige Buchhaltung vor, sondern auch Pflichtverletzungen. Inzwischen ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Lübeck gegen Rodbertus wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung, der Untreue und des schweren Betrugs.

Rodbertus wiederum wirft Penzlin vor, Prokon aus eigener Profitgier zerschlagen zu wollen, obwohl es im Kern ein gesundes Unternehmen sei. Er will Prokon als Ganzes erhalten.

Und er kämpft dafür bis zur letzten Sekunde. Am Dienstagmorgen noch steht er vor der Halle, orangefarbenes Prokon-Polohemd, Jeans, grauer Pferdeschwanz, Zigarillo zwischen den Fingern. Um ihn herum bildet sich eine Traube von Gläubigern. Die Stimmung ist erhitzt. Rodbertus erklärt lauthals, Prokons Insolvenz sei Resultat einer beispiellosen Medienkampagne im Interesse der Finanzindustrie, die das Unternehmen nun übernehmen wollte. Ein Mann Mitte 30 verfällt in Schwärmerei. "Er hat recht. So einen Menschen gibt es nicht zweimal", sagt er seinem Nebenmann. "Können Sie nicht mal jetzt Ihre Fehler zugeben", wirft ein Mann aufgebracht Rodbertus entgegen.

Doch schon zu Beginn der Versammlung wird deutlich, dass Rodbertus bereits verloren hat. Rund 853,5 Millionen Euro der Schulden würden bei dieser Versammlung vertreten, erklärt die Gerichtspflegerin, entweder durch die Anleger persönlich oder ihre Bevollmächtigten. Allein 426,8 Millionen Euro vertrete eine Anwältin der Freunde von Prokon, einem Anlegerverein, der Penzlins Plan unterstützt. Auf einen Unterstützer Rodbertus' entfallen lediglich 191 Millionen Euro.

Dass die Rechtspflegerin kurz vor Beginn der Versammlung entschieden hat, die 15.000 Pro-Rodbertus-Stimmen für nichtig zu erklären, sorgt zusätzlich für einen Eklat: Es werden Befangenheitsanträge gestellt, gegen die Rechtspflegerin, später gegen die Sitzungsleiterin. Nutzlos.

Nur ein Konto, chaotische Buchhaltung, keine Budgetplanung

Dann kommt die Stunde des Insolvenzverwalters. Besser, die zweieinhalb Stunden. So lange berichtet er über die Lage bei Prokon, im seriösen Anzug, wegen der Hitze ohne Sakko, er spricht ruhig und sachlich. Dennoch wird schnell klar: Es müssen hanebüchene Zustände geherrscht haben bei dem Milliardenkonzern. So hatte Prokon nur ein Bankkonto, auf das alle Zahlungen einliefen - ob von Anlegern, Stromkunden oder aus Einspeisevergütungen. Definierte Prozesse für die grundlegendsten Aufgaben der Buchhaltung - Fehlanzeige. Weil keine Updates für die Software gekauft wurden, seien wichtige Funktionen nicht nutzbar gewesen. Eine zentrale Unternehmenssteuerung - Fehlanzeige. Controlling - von Rodbertus nicht erwünscht gewesen. Budgetplanung - Fehlanzeige. In einigen Fällen sei der Firma allein deshalb Schaden entstanden, weil man Sachverhalte durch die chaotische Buchhaltung nicht steuerlich geltend machen konnte. Der Jahresabschluss 2012 - wohl nichtig. Der Jahresabschluss 2013 - nicht testierbar.

So geht es schier endlos weiter. Penzlins Resümee: "So etwas habe ich in mehr als zehn Jahren Erfahrung bei einem Unternehmen dieser Größenordnung nicht erlebt." Und der von ihm bestellte kaufmännische Leiter Kai Peppmeier wird noch deutlicher: "Mit 1,5 Milliarden Euro kann man so nicht arbeiten. Meine Eltern haben mir das anders beigebracht." An dieser Stelle erntet Peppmeier Applaus, obwohl das bei der Gläubigerversammlung verboten ist. Er und Penzlin lassen keinen Zweifel daran, dass Rodbertus das Chaos trotz Warnungen von Mitarbeitern zumindest zum Teil gewollt hat. Und deutliche Hinweise in Richtung Schneeballsystem geben sie, wenn sie feststellen, dass der Verkauf von Genussscheinen nicht mehr in erster Linie der Finanzierung neuer Projekte galt, sondern Selbstzweck geworden sei. Am Ende habe jeder dritte Mitarbeiter im Vertrieb gearbeitet.

Heillos überschuldet

Punkt für Punkt rechnet der Insolvenzverwalter vor, was welche Bestandteile von Prokon wert sind. Die harte Wahrheit: Mehr als 400 Millionen Euro mussten abgeschrieben werden, an Vermögen hat Prokon noch etwas mehr als eine Milliarde Euro, dem stehen fast 1,6 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten gegenüber. Die Firma ist heillos überschuldet.

Direkt nach dem Insolvenzverwalter darf Rodbertus eine Stellungnahme abgeben, 20 Minuten lang. Wer nun einen kleinmütigen Ex-Chef erwartet hat, wird schnell eines Besseren belehrt: "Ich bin alleiniger Gesellschafter, Herr Dr. Penzlin ist nur Verwalter", stellt Rodbertus gleich am Anfang klar. Er echauffiert sich über den Entzug der "17.000 Stimmen", wie er sagt. "Das Gericht hat Rechtspositionen vernichtet." Erneut spricht er von einer "Hetzkampagne in den Medien", die wahren Gründe der Insolvenz seien dort und in dem Interesse der Finanzindustrie zu suchen.

Rodbertus ist lange noch nicht fertig. Die kurzen Kündigungsfristen für die Genussrechte, ja, die waren ein Fehler. Aber sie dienten doch dem sozialen Ansatz, die Interessen der oft recht alten Anleger zu berücksichtigen. Die beschriebenen chaotischen Zustände in der Buchhaltung bügelt er mit dem Hinweis ab, die Zinszahlungen an die Anleger hätten doch immer funktioniert.

Dann geht Rodbertus auf Konfrontation zum Insolvenzverwalter. Der würde an einer Zerschlagung weit mehr verdienen als an einer Sanierung. "Wussten Sie das? Oder mussten Sie sich um etwas Wichtigeres kümmern?", schleudert er den Zuhörern an den Kopf, die ihm ihr Geld anvertraut hatten. Er wirft Penzlin vor, Zahlen zu fälschen, bezichtigt ihn der Lüge, betont stets das "Herr Doktor", wenn er seinen Widersacher beim Namen nennt. "Ihr Vermögen wird verramscht!", ruft er in den Saal. Das Wirken des Insolvenzverwalters - "das ist Untreue und Betrug!"

Es wirkt. Noch immer. Rodbertus erhält langen Applaus.

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