Osram vor dem Börsen-Aus Wie die Spin-Offs von Siemens laufen

Osram-Chef Olaf Berlien

Osram-Chef Olaf Berlien

Foto: REUTERS

Der bevorstehende Verkauf des Lichttechnikkonzerns Osram an die Finanzinvestoren Carlyle und Bain beendet nicht nur eine monatelange Hängepartie - sondern auch das sechsjährige Eigenleben einer früheren Siemens-Tochter an der Börse. Der Industrieriese entkernt sich schon seit Längerem. Aktuell wird die Abspaltung des Kerngeschäfts mit der Energiesparte vorbereitet. Osram ist nur eines von vielen vergangenen Spin-Offs, die oft im Ruch standen, Siemens lade die Underperformer an der Börse ab - nicht immer zu Recht, wie unsere Übersicht zeigt.

Osram wurde noch vor dem Antritt des heutigen Siemens-Chefs Joe Kaeser (62) zunächst zum Teil an die Börse gebracht. Erst seit Ende 2017 ist Siemens fast komplett aus dem vor knapp 100 Jahren übernommenen Geschäft ausgestiegen. Kaeser verabschiedete sich gönnerhaft von der Ex-Tochter: "Ich glaube, das Kind ist erwachsen geworden."

In der Zwischenzeit mussten die Aktionäre heftige Turbulenzen erdulden, auch unter den Managern gab es ungewöhnlichen Streit. Siemens verweigerte Osram-Chef Olaf Berlien (56) auf der Hauptversammlung 2016 sogar die Entlastung. Sein Strategiewechsel mit dem Verkauf des Haushaltsleuchtengeschäfts nach China und dem Bau einer LED-Chipfabrik in Malaysia sei erstens riskant und zweitens schlecht kommuniziert, was den Aktienkurs belastet habe.

Siemens hat dann die Gelegenheit zum Ausstieg bei deutlich höheren Kursen als heute genutzt. Die Osram-Aktionäre mussten zuletzt Nerven bewahren . Wenn sie die von Bain und Carlyle versprochenen 35 Euro kassieren, sind sie in sechs Jahren aber sogar etwas besser gefahren als die der Ex-Mutter.

Performance der Osram-Aktie  einschließlich Dividende seit 8. Juli 2013: plus 66,75 Prozent

Performance der Siemens-Aktie  in derselben Zeit: plus 63,45 Prozent

Healthineers: Gesunder Start für die Vorzeigesparte

Computertomograph von Siemens Healthineers

Computertomograph von Siemens Healthineers

Foto: Siemens

Erst ein gutes Jahr ist es her, dass Siemens den größten deutschen Börsengang seit Jahren zelebrierte - und das obwohl nur ein Minderheitsanteil von 15 Prozent der in Siemens Healthineers umgetauften Medizintechniksparte verkauft wurde.

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Vom Konzern zur Holding: Was noch von Siemens bleibt

Foto: Siemens

Die erhoffte Bewertung von bis zu 40 Milliarden Euro wurde zwar zunächst nicht erreicht. Da die Healthineers mit locker zweistelligen Margen zu den größten Gewinnbringern für Siemens zählen und im globalen Wettbewerb mit medizinischen Großgeräten ziemlich weit vorn sind, scheint sich die Börsenstory jedoch wie von selbst zu schreiben. Im September ist das Unternehmen in den Mittelwerteindex MDax aufgestiegen. Die Aktie legte bislang um mehr als ein Drittel zu, während die von Rest-Siemens kaum vom Fleck kam.

Performance der Siemens-Healthineers-Aktie  einschließlich Dividende seit 16. März 2018: plus 37 Prozent

Performance der Siemens-Aktie  in derselben Zeit: plus 1,9 Prozent

Gamesa: Streit mit den spanischen Partnern

Windrad von Siemens Gamesa

Windrad von Siemens Gamesa

Foto: REUTERS

Die Fusion der Siemens-Windkraftsparte mit dem spanischen Wettbewerber Gamesa hat in kaum längerer Zeit schon reichlich böses Blut erzeugt. Nicht nur bei den Beschäftigten, die von einem Kahlschlag tausender Stellen anstelle des nah geglaubten Aufstiegs zum Weltmarktführer überrascht wurden. Auch Großaktionär und -kunde Iberdrola ist in offenen Streit mit Siemens geraten und zeigte seinen Ärger mit einem Großauftrag für den dänischen Rivalen Vestas .

Siemens Gamesa startete als Sanierungsfall, hat aber die Wende zu schwarzen Zahlen geschafft. Der deutsche Konzern hat die Arbeit zwar an das Management im Baskenland delegiert, bestimmt aber als Haupteigner den Kurs. Das Muster hätte man gerne in Frankreich wiederholt, wo mit dem Zughersteller Alstom  der nächste Zusammenschluss nach demselben Muster geplant war. Diesen Plan durchkreuzte jedoch die EU-Wettbewerbsbehörde. Daher dürfte auch das Zuggeschäft von Siemens bald einen Spin-Off erleben.

Performance der Siemens-Gamesa-Aktie  einschließlich (Sonder-)Dividende seit 3. April 2017: plus 0,8 Prozent

Performance der Siemens-Aktie  in derselben Zeit: minus 12,1 Prozent

Nokia: Das einstige Problemgeschäft blüht auf

Nokia-Zentrale in Espoo, Finnland

Nokia-Zentrale in Espoo, Finnland

Foto: Vesa Moilanen/ AP

Nokia, war da was? Der einst bewunderte Weltmarktführer der Mobiltelefonie läuft weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit, bekannt vor allem dafür, den Siegeszug des Smartphones verschlafen zu haben. Passend, dass Siemens in Richtung Finnland 2013 die letzten Reste seiner Kommunikationssparte, die Netzwerkausrüster von Nokia Siemens Networks, losgeworden ist. Zuvor verbuchten die Münchener reihenweise Milliardenabschreibungen in der Sparte - wohl fast auf Null.

Doch inzwischen sieht nicht nur Kaeser den Umgang des Konzerns mit seinen eigenen Wurzeln - Siemens begann als Telegrafenbauanstalt - rückblickend als Fehler an. Nokia seinerseits scheint seine Rolle als führender Installateur der digitalen Infrastruktur gefunden zu haben. Vor allem der politische Streit um den chinesischen Marktführer Huawei begünstigt Nokia als nächstliegende Alternative.

Seit dem Siemens-Deal ging es mit dem Kurs nach oben, auch weil aus heutiger Sicht Randgeschäfte wie der verbliebene Mobilfunkanteil (an Microsoft ) und die digitale Kartografie Here (an deutsche Autokonzerne) abgestoßen wurden. Der teure Zukauf des Wettbewerbers Alcatel-Lucent drückte den Aktienkurs zwar, unterm Strich läuft Nokia aber spürbar besser als Siemens.

Performance der Nokia-Aktie  einschließlich Dividende seit 1. Juli 2013: plus 100,7 Prozent

Performance der Siemens-Aktie  in derselben Zeit: plus 64 Prozent

Atos: Die Franzosen haben noch mehr Appetit auf Siemens-Geschäft

Atos-Zentrale in Bézons bei Paris

Atos-Zentrale in Bézons bei Paris

Foto: AFP

Ähnlich liegt der Fall bei Atos. Der französische IT-Dienstleister hat die ehemalige Siemens IT Solutions (SIS) 2011 übernommen - zur Erleichterung der damaligen Siemens-Führung um Peter Löscher, die auch noch mit den Folgen des vor allem in der Kommunikationssparte offenkundigen Korruptionsskandals rang.

Den Franzosen hat der Kauf offenbar nicht geschadet, eine Gewinnwarnung im vergangenen Herbst hatte andere Gründe. Sie bekamen sogar noch einmal Appetit auf weiteres Siemens-Geschäft und übernahmen Ende 2017 zusätzlich die Firma Siemens Convergence Creators. Anfang Mai beschenkte Atos die Aktionäre mit einem eigenen Spin-Off der Siemens-Schule: Sie bekamen Anteilsscheine des nun eigenständigen Zahlungsdienstleisters Worldline.

Performance der Atos-Aktie  einschließlich Dividende seit 1. Juli 2011: plus 121 Prozent

Performance der Siemens-Aktie  in derselben Zeit: plus 44 Prozent

Infineon: Fulminantes Comeback reicht noch nicht

Damaliger Infineon-Chef Ulrich Schumacher vor der Frankfurter Börse (13.3.2000)

Damaliger Infineon-Chef Ulrich Schumacher vor der Frankfurter Börse (13.3.2000)

Foto: A3250 Oliver Berg/ dpa

Infineon ist für Anleger, die auf dem Höhepunkt des Neuen Marktes dem Börsenrausch verfielen, ein Reizwort. Der Chipfabrikant wurde von Siemens im März 2000 an die Börse gebracht, der Auftritt des damaligen Vorstandschefs Ulrich Schumacher im Renn-Porsche sollte noch lange die Gemüter erregen, weil die Aktie nach einem schnellen Höhenflug über 90 Euro sehr schnell wieder abstürzte. Dividende gab es einmal üppig, dann jahrelang gar nicht.

Siemens hatte sich schadlos gehalten, wie es schien. Umso mehr, als Infineon das Beispiel mit seiner eigenen Abspaltung Qimonda nicht wiederholen konnte. Deren Pleite riss Infineon beinahe mit in den Umgang, im Krisenjahr 2009 wurde die Aktie als Pennystock weit unter einem Euro gehandelt.

Das seitdem gefeierte fulminante Comeback mit Rückkehr in den Dax  und seit 2010 wieder regelmäßig gezahlten (und steigenden) Dividenden reicht zwar bei weitem nicht an den ersten Börsenkurs von 77,95 Euro heran. Doch diesen können die gebrannten Aktionäre nicht Siemens anlasten. Der Ausgabepreis von 35 Euro, zu dem sie die Papiere zeichnen durften, ist nicht ganz so weit entfernt.

Performance der Infineon-Aktie  einschließlich Dividende seit 13. März 2000: minus 47,6 Prozent

Performance der Siemens-Aktie  in derselben Zeit: plus 24,7 Prozent

Epcos: Vergessen und abgeschrieben

Epcos-Produktion (undatiertes Archivbild)

Epcos-Produktion (undatiertes Archivbild)

Foto: DPA

In dieselbe Ära gehört auch eine weitere Siemens-Abspaltung, von der heute niemand mehr redet: Epcos war aber auch fast drei Jahre lang im Dax vertreten und bereitete den Boden für Infineon. Der Hersteller elektronischer Bauteile wurde jedoch immer weiter zerlegt, Siemens und der japanische Joint-Venture-Parter Matsushita (heute bekannt als Panasonic ) trennten sich bald von ihren Anteilen.

2009 stieg der japanische TDK-Konzern ein - und fand bald ein Geschäft, das "viel besser als erwartet" laufe. Inzwischen ist die ehemalige Epcos auch noch für Milliardendeals mit Branchengrößen wie Qualcomm gut. Die Aktionäre haben aber nichts davon. Sie wurden 2009 mit 18,14 Euro je Aktie abgefunden - sofern sie nicht schon längst das Weite gesucht hatten.

Performance der Epcos-Aktie  einschließlich Dividende von 15. Oktober 1999 bis 22. Oktober 2009: minus 37 Prozent

Performance der Siemens-Aktie  in derselben Zeit: plus 51,2 Prozent

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